«Aufgrund der aussergewöhnlich hohen Investorennachfrage» werde Rocket Internet schneller als geplant an die Börse gehen, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Die Erstnotierung in Frankfurt werde nun bereits am 2. Oktober stattfinden, eine Woche früher als bisher geplant. Der Angebotszeitraum, der am Mittwoch begonnen hat, wird nun bereits am 1. Oktober um 13 Uhr beendet.

Die Gesellschaft, die weltweit an mehr als 100 jungen, noch stark verlustträchtigen Unternehmen beteiligt ist, will an der Frankfurter Börse 1,6 Milliarden Euro einsammeln - doppelt soviel wie noch vor zwei Wochen geplant. Das wäre der grösste Börsengang hierzulande seit sieben Jahren.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Alibaba für die Welt ausserhalb der USA und China

Mit den Einnahmen will Vorstandschef Oliver Samwer die von ihm und seinen zwei Brüdern gegründeten Online-Modehändler, Taxi- und Zahlungsdienstleister künftig länger halten - statt frühzeitig weitere Geldgeber ins Boot holen zu müssen und die Firmen am Ende zu verkaufen wie Zalando.

Rocket würde an der Börse mit bis zu 6,7 Milliarden Euro bewertet. «Rocket möchte das Alibaba für die Welt ausserhalb der USA und Chinas werden», sagte Oliver Samwer bei der Präsentation der Pläne am Mittwoch im obersten Stockwerk eines Hotels in Frankfurt. «Wir haben höchstens die Spitze des Eisbergs gesehen.» Der chinesische Online-Riese Alibaba hatte in der vorigen Woche in New York mit 25 Milliarden Dollar den grössten Börsengang aller Zeiten hingelegt.

Oderbücher nach einer Stunde voll

Bei Rocket Internet gieren die Anleger nach den Aktien. Mehrere Anker-Investoren haben Papiere für fast 600 Millionen Euro reserviert, egal zu welchem Preis. Für die übrigen Aktien hatten die begleitenden Banken schon nach einer Stunde genügend Aufträge in der Preisspanne von 35,50 bis 42,50 Euro vorliegen.

Die Zeichnungsfrist geht bis 1. Oktober weiter, weil Rocket sich die besten Käufer auswählen will. «Es gibt eben noch keine E-Commerce-Aktien aus Russland oder Indien, die man kaufen kann», erklärte Samwer den Erfolg.

2007 gegründet

Einen grösseren Börsengang gab es in Deutschland zuletzt 2007 - in dem Jahr wurde Rocket Internet gegründet. Damals hatte der Motorenbauer Tognum zwei Milliarden Euro eingesammelt. Seit dem Jahr 2000 hat es nur vier grössere Aktien-Neuemissionen in Deutschland gegeben. Am 2. Oktober soll die Rocket-Aktie an der Frankfurter Börse ihr Debüt feiern, kurz  nach dem Online-Schuh- und Modehändler Zalando, an dem die Samwers ebenfalls von Beginn an beteiligt waren.

Die Firma peilt einen Erlös von gut 600 Millionen Euro an. Bei Rocket wie bei Zalando haben sich die Samwers mit der schwedischen Beteiligungsfirma Kinnevik verbündet. Beim Börsengang lässt die Samwer-Holding Global Founders ihren Anteil von 52 auf knapp 40 Prozent abschmelzen, verkauft aber ebenso wie die anderen Altaktionäre keine Aktien. Damit fliesst der Erlös komplett ins Unternehmen.

«Sehr deutsches Unternehmen»

Die Wahl des Börsenplatzes sei «einfach, fast natürlich» gewesen, sagte Samwer, der im blauen Hemd, ohne Krawatte und mit einer Hand in der Hosentasche 45 Minuten lang über den Werdegang von Rocket und seine Pläne referierte. «Denn am Ende ist Rocket ein sehr deutsches Unternehmen.»

Die Aktie wird aber zunächst im schwach regulierten Entry Standard notiert, wo sonst nur Klein- und Kleinstwerte gelistet sind. Denn für viele der Start-up-Firmen, die etwa in Indien, Brasilien oder Russland sitzen, hat Rocket noch keine Bilanzen vorliegen, wie es die Deutsche Börse fordert. In eineinhalb bis zwei Jahren will Rocket Internet in den Prime Standard wechseln, der Voraussetzung für die Aufnahme in die grossen Indizes ist.

Auch für Privatanleger geeignet

Anders als viele Experten hält Oliver Samwer das Papier nicht für zu riskant, um auch im Portfolio von Privatanlegern zu landen. Rocket sei für alle Investoren mit einem langen Atem geeignet. «Unsere Märkte sind noch in der Entwicklung. Man wird auf diese Märkte und ihre Entwicklung warten müssen», sagte er. «Dem Anleger muss klar sein, dass er hier nicht eine BASF-Aktie kauft», betonte dagegen Portfoliomanager Michael Muders von Union Investment. «Die Samwers haben eine Plattform konstruiert, mit der man fast industriell neue Internet-Firmen aufbauen kann. Anleger müssen an das Konzept glauben, an das Potenzial der Schwellenländer und daran, dass der Online-Handel weiter wächst.»

Teilweise noch hohe Verluste

Oliver Samwer, Anwaltssohn aus Köln, und seine Brüder Marc und Alexander kopieren bewährte Geschäftsmodelle im Internet und übertragen diese auf Länder wie Russland, Brasilien oder Nigeria, wo der Online-Handel noch in den Kinderschuhen steckt. «Unser Geschäftsmodell erlaubt ausserordentliche Renditen», sagte Samwer. Rocket habe aus Investitionen von 169 Millionen Euro 4,2 Milliarden Euro gemacht.

Die von den Samwers gegründeten Firmen schreiben jedoch - anders als Zalando und Alibaba - noch teils hohe Verluste. Für jede einzelne gebe es aber einen klaren Plan in Richtung schwarze Zahlen, betonte Samwer. Auch künftig wollen die Brüder jedes Jahr mehr als zehn neue Geschäftsideen umsetzen.

Mit den gut zwei Milliarden Euro, die Rocket nach dem Gang an die Börse in der Kasse hat, will die Holding finanziell und operativ die Fäden länger in der Hand behalten. Bei den elf grössten Beteiligungen - darunter die Modehändler Dafiti und Lamoda und die Möbelhändlern Home24 und Westwing - hält Rocket bisher nur 21 bis 49 Prozent. Allein für diese Firmen seien 700 Millionen Euro reserviert. Weitere Börsengänge nach Zalando schloss Samwer aber nicht aus.

(reuters/ise)