Was halten Sie von den Vorschlägen zum neuen Aktienrecht aus dem Departement von Bundesrat Christoph Blocher?
Rolf Soiron: Vieles geht in die richtige Richtung. Einiges geht zu weit.

Was genau lehnen Sie ab, etwa die einjährige Amtszeit von Verwaltungsräten?
Soiron: Ich bin nicht grundsätzlich gegen einjährige Wahlperioden mit der Möglichkeit zur Wiederwahl, aber das gehört nicht ins Gesetz. Hier greift der Staat in die Gestaltungsfreiheit der Unternehmen ein.

Inwiefern soll der Spielraum der Firmen bei der Festlegung der VR- und Managersaläre gesetzlich definiert werden?
Soiron: Wenn jemand legitimiert ist, ein klares Wort in der Salärfrage der obersten Spitze zu sprechen, dann sind es die Aktionäre. Ihnen gehört das Unternehmen.

Sollte einzeln über die Honorare der VR-Mitglieder und die Managerlöhne abgestimmt werden?
Soiron: Das wäre völlig unzweckmässig. Die englische Lösung scheint mir prüfenswert: Im Jahresbericht gibt es einen Passus über die Salärpolitik für die Firmenspitze - und dieser Bericht steht dann zur Debatte. Wenn sie die guten Jahresberichte bei uns ansehen, dann haben wir diese Berichte de facto bereits.

Bei Lonza, deren VR-Präsident Sie sind, stieg das Salär von CEO Stefan Borgas 2006 immerhin um über 200%: Ist das für Sie keine Übertreibung?
Soiron: Wir sind immer noch in einem sehr massvollen Bereich! Als ich antrat, war die Konzernleitung von Lonza unterbezahlt, und zwar klar. Darauf hat der Verwaltungsrat diese Gehälter auf ein Niveau angehoben, das konkurrenzfähig ist, sonst hätten wir riskiert, Topleute zu verlieren.

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Mit diesem Argument rechtfertigen auch Marcel Ospel von der UBS und Daniel Vasella von Novartis ihre Spitzenbezüge.
Soiron: Das stimmt. Aber im Fall Lonza können Sie die Geschäftsberichte der Konkurrenz anschauen, und Sie werden sehen, dass Borgas und seine Kollegen tatsächlich erst jetzt konkurrenzfähig eingestuft liegen. Bei Lonza, Holcim und Nobel Biocare, bei denen ich in der Verantwortung stehe, wird bei den Salären nicht übertrieben.

Unterstützen Sie die Volksinitiative «Gegen die Abzockerei» von Trybol-Chef Thomas Minder?
Soiron: Nein, auch diese Initiative greift in die Gestaltungsfreiheit der Unternehmen ein. Aktionäre können jetzt schon über die Generalversammlung die Verwaltungsräte zur Ordnung rufen. Allerdings braucht es dafür Mehrheiten. Das heisst: Die Institutionellen sind in der Pflicht. Allerdings rühren sie sich wenig.

Muss die Macht der Aktionäre in der Schweiz verstärkt werden?
Soiron: Die Aktionäre haben in der Schweiz viel Macht, aber die Grossaktionäre üben ihren Einfluss oft zu wenig aus. Es ist wird bei der Politik: Man muss eben seine Interessen aktiv vertreten.

Nur bei der Politik sind die Zeiten, als sich die obersten Chefs direkt in politische Angelegenheiten einmischten, längst vorbei.
Soiron: Leider gibt es in den eidgenössischen Räten nur noch ganz wenige Unternehmer. Aufgrund der enormen Belastung in den Unternehmen sind Doppelbelastungen meist nicht möglich.

Sie selbst haben eine Mehrfachbelastung, indem Sie VR-Präsident sowohl von Lonza als auch von Holcim und Nobel Biocare und damit gleich von drei börsenkotierten Unternehmen sind. Wie kriegen Sie all diese Mandate unter einen Hut?
Soiron: Erstens konzentriere ich mich auf das Wesentlliche. Zweitens: Die Unternehmen sind auf Kurs, und die Zahl der Probleme ist überschaubar. Es stimmt aber, dass drei Mandate bei drei grossen Firmen eine obere Grenze darstellen. Nebenbei gesagt: Zwei Wirtschaftsmandate und das Basler Uniratspräsidium, das ich während zehn Jahren innehatte, waren eine grössere Belastung!

Welche Erkenntnis ziehen Sie daraus?
Soiron: Ich will diese Kumulierung nicht mehr zu lange aufrechterhalten.

Bei welcher Gesellschaft werden Sie zurücktreten? Bei der Lonza?
Soiron: Das ist offen. Tatsache ist, dass es bei Lonza noch viel zu tun gibt.

Wo führt der Umbau der Lonza hin?
Sorion: Die Lonza arbeitet immer mehr der Life-Science-Industrie zu, und zwar mit dem ganzen Arsenal anspruchsvoller Chemie bis hin zur Biotechnologie. Das macht Lonza einmalig.

Eine Abspaltung von Teilbereichen bei der Lonza ist für Sie kein Thema?
Soiron: Wir haben Nicht-Kernbereiche abgestossen. Stichwort: Polymere. Es mag noch kleinere Arrondierungen geben - aber Abspaltungen von grösseren Berei¬chen sind kein Thema.

Beabsichtigen Sie Akquisitionen?
Soiron: Lonza steht nach den jüngsten Akquisitionen in einer Integrationsphase und wir sollten nicht zu weiteren grösseren Akquisitionen ausholen, bevor wir die letzten verdaut haben. Kleinere Zukäufe sind aber immer möglich.

Kann Lonza eigenständig bleiben?
Soiron: Wieso denn nicht? Lonza hat gute Chefs und Mitarbeiter, spezielles Know-how, ist gut aufgestellt - und die Aktie ist immer besser bewertet.

Und wenn jemand ein sehr hohes Angebot macht?
Soiron: Ich bin nicht naiv: Der Firmenwert von Lonza liegt in einem Bereich, den heutige Angebote durchaus abdecken können. Die Frage ist dann, was ein Eigentümer besser machen kann, als die «Lonzer» es eh schon tun, und ob das Management und die Spezialisten mittun oder sagen: «Bitte ohne uns.»

Sind die Lonza-Titel unterbewertet?
Soiron: Das Potenzial, das die Firma hat, ist noch nicht vollumfänglich enthalten.

Gibt es Übernahmeinteressenten für Lonza?
Soiron: Nein.

Ems hält eine Beteiligung von 4,4 % an Lonza. Was wäre, wenn eine Victory oder eine Laxey dieses Paket übernähme?
Soiron: Ich weiss nicht , wie viel Ems heute noch hat. Sollte das Paket gewechselt haben oder wechseln, dann wäre es eben in andern Händen. Mehr nicht.

Hätten Sie kein Problem, wenn ein Hedge- Fonds Grossaktionär der Lonza wäre?
Soiron: Das ist das Spiel der freien Wirtschaft. Ich hoffe allerdings, dass grosse Aktionäre industrielle Zielsetzungen verfolgen und nicht nur spekulieren. Transaktionen, wie wir einige in letzter Zeit gesehen haben, sind nicht im Interesse unseres Landes.

Sie sprechen OC Oerlikon und den Sulzer-Deal an: Zweifeln Sie an den industriellen Motiven von Victory und Everest?
Soiron: Wir werden sehen, welches Durchstehvermögen diese Investoren haben und ob sie interessante industrielle Visionen in die Firmen bringen. Ich habe meine Zweifel.

Seit 1994 gehören Sie dem Holcim-VR an. Die Firma verfolgt schon seit langem eine aktive Akquisitionspolitik. Wird diese Strategie fortgesetzt?
Soiron: Derzeit werden für Akquisitionen Preise bezahlt, die rational schwer zu rechtfertigen sind.

Heisst das, dass Holcim in nächster Zeit weniger kaufen wird?
Soiron: Nach grossen Schritten braucht es Konsolidierungen.

Ist eine Fusion von Holcim und der Konkurrentin Lafarge denkbar?
Soiron: Nein. Eine Fusion beider Konzerne macht keinen Sinn. Dabei würden Kulturen zerstört, die regulatorischen Minenfelder wären ganz gefährlich und man würde wohl Werte zerstören, statt sie zu schaffen.

Holcim ist an der Börse relativ tief bewertet. Erkennen die Anleger das Wachstumspotenzial noch zu wenig?
Soiron: Das ist so. Holcims weltweite Aufstellung und seine zwei Standbeine balancieren konjunkturelle Risiken in der Welt in hohem Masse aus. Das Management ist wachstumsorientiert, erfahren, aber noch nicht müde, und es hält, was es verspricht.

Andere Probleme haben Sie bei Nobel
Biocare: Die schwedische Aufsichtsbehörde will erst in einigen Jahren definitiv über Nobel Direct entscheiden. Welchen Impact hat dies für Nobel Biocare?
Soiron: Für Nobel Biocare verliert dieses Thema an Bedeutung, weil das Produkt in der Zwischenzeit kaum mehr 1% des Gesamtumsatzes ausmacht. Das ist nicht mehr relevant. Allerdings nervt die Auseinandersetzung mit der Behörde schon. Das muss aufhören!

Wird Nobel Biocare über Zukäufe wachsen?
Soiron: Wir sind vorsichtig. Wir sind fast überall Marktleader. Mit der Akquisition von Konkurrenten hätten wir Probleme mit der Marktaufsicht.

Ist die von Nobel Biocare angestrebte Betriebsgewinnmarge von 35% erreichbar?
Soiron: Ja.

Die Aktien von Nobel Biocare sind ansehnlich bewertet. Ist Nobel Biocare überbewertet?
Soiron: Ich glaube nicht. Wir haben noch Potenzial. Wir treten in neue Märkte ein und Innovationen sind unterwegs. Wir wollen die Anleger nicht enttäuschen.