Nicht alle italienischen Einwanderer der 70er Jahre waren Gastarbeiter: Die Familie Serono brachte zu dieser Zeit ihr eigenes Unternehmen in die Schweiz. Es war vor bald 100 Jahren in Rom gegründet worden.
Heute ist Serono das grösste Biotechunternehmen Europas und hat im vergangenen Jahr die 2-Mrd-Dollar-Grenze überschritten. Auch wenn dieser Umsatz weitgehend von nur zwei Produkten stammt, braucht man sich über die Zukunft wenig Sorgen zu machen: Die Genfer sitzen auf einem gigantischen Geldhaufen von 2,5 Mrd Dollar, mit dem sie die Verkaufsschlager von morgen notfalls zusammenkaufen können. Ernesto Bertarellis jüngste Drohung, den Sitz in die USA zu verlegen, muss man nicht zum Nennwert nehmen. Immerhin baut Serono in Genf-Sécheron einen neuen Hauptsitz mit 1500 Arbeitsplätzen in Büros und Labors.
*Präsenz vieler ausländischer Gesundheitskonzerne*
Auch andere ausländische Gesundheitskonzerne fühlen sich in der Romandie wohl: Medtronic siedelte 1996 ihren internationalen Hauptsitz im Kanton Waadt an. Der Medtech-Konzern brachte weit mehr als nur ein paar Administrativstellen: Heute arbeiten am Sitz in Tolochenaz, zwischen Lausanne und Genf, mehr als 500 Mitarbeiter. Auch der Standort Neuenburg gefällt: Dort beschäftigt Johnson&Johnson über 700 Mitarbeiter, der Medtech-Konzern Stryker rund 450 Personen.
Im Schatten dieser bekannten Grossfirmen gedeihen in der Romandie viele Jungunternehmen im Bereich Life Sciences: Allein im Arc Lémanique gibt es gemäss Ernst& Young 50 Biotechunternehmen, die dort 5500 bis 6000 Mitarbeiter beschäftigen. Auch von den rund 600 reinen Medizintechnik-Unternehmen in der Schweiz seien mindestens 20% in der Romandie zu Hause, sagt der Medtech-Experte Gilberto von Novo Business Consultants.
Natürlich: Die Region Basel hat mit ihren rund 70 Biotechunternehmen die Nase immer noch vorne. Doch am Rheinknie, dessen medizinische Tradition quasi mit der Universitätsgründung 1460 gelegt wurde, kommt das keineswegs überraschend. Im Windschatten der beiden Pharmariesen Novartis und Roche, die Serono-Chef Ernesto Bertarelli jüngst als «das Establishment» bezeichnete, sind Unternehmensgründungen naturgemäss einfach.
Doch worauf gründet der Erfolg der Westschweizer Gesundheitsunternehmen? Eine zentrale Rolle scheint die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) zu spielen: Die EPFL sei gleich gut wie das Massachusetts Institut of Technology (MIT), sagt Debiotech-Chef Frédéric Neftel ohne einen Anflug von Zweifel.
Auch der Franzose Vincent Mutel, Chef des Genfer Biotechunternehmens Adexx, lobt die Hochschulen in der Romandie: Es sei in Kontinentaleuropa einzigartig, wie einfach man hier mit Grundlagenforschern über angewandte Forschung reden könne. «Es ist wie in den USA oder England», sagt Mutel. Mark Hawkins von Ernst&Young in Genf schätzt, dass fast ein Drittel aller Biotechgesellschaften im Arc lémanique Spin-offs von Hochschulen sind.
Benoît Dubuis, Verantwortlicher der Fakultät für Life Sciences der Lausanner ETH, sagt: «Die EPFL war eine der ersten Hochschulen, die ein Technologietransfer-Büro eingerichtet hat.» Neben der Ausbildung und Forschung sei auch die Kommerzialisierung von technischem Wissen ein Pfeiler der ETH Lausanne.
*Zehn EPFL-Spin-offs*
Im vergangenen Jahr habe die EPFL 71 Patente eintragen lassen. Fast 200 Forschungsverträge in der Höhe von 38 Mio Fr. seien mit der Industrie abgeschlossen worden. Nicht zuletzt sind 2003 auch zehn Spin-offs aus der Lausanner Hochschule hervorgegangen. Beim MIT waren es 17, gleich viel wie bei der kalifornischen Stanford University. Bei den beiden amerikanischen Eliteuniversitäten forschen derzeit unter anderem 27 Nobelpreisträger.
Der EPFL-Direktor Patrick Aebischer versteht seinen Job auch ein wenig als Wirtschaftsförderer der ganzen Region. Und er sieht eine goldene Zukunft: Der Arc Lémanique konkurriere mit den Forschungszentren in San Francisco, Boston oder Singapur. Man sei im Bereich Biotech ein «centre de recherche mondial», sagte Aebischer vor kurzem der Westschweizer Wirtschaftszeitung «l?Agéfi». Nun gelte es vermehrt, grosse Pharma-Firmen anzulocken.
Dabei dürfte Aebischer etwa an die dänische Pharmafirma Ferring gedacht haben, die gegenwärtig im Kanton Waadt eine Produktionsanlage baut und mindestens 200 Arbeitsplätze schaffen will. Bisher hatte Ferring nur ihr Holding-Dach in der Schweiz. Aebischer sei zusammen mit Ernesto Bertarelli eine Leaderfigur der Westschweizer Life Science-Industrie und ein Vorbild für viele Studenten, sagt Mark Hawkins von Ernst&Young. Hawkins hebt neben dem potenten Finanzplatz Genf und den Hochschulen auch die Bedeutung der beiden Universitätsspitäler hervor. Die Möglichkeit, klinische Tests durchzuführen, war damals ein wichtiges Kriterium bei der Ansiedlung von Medtronic.
Auch im Bereich der Zusammenarbeit geht die Romandie neue Wege. Die fünf Westschweizer Kantone haben im vergangenen Jahr die Gesellschaft Bioalps gegründet, um den Life Science-Standort zusammen zu vermarkten. Nicht nur die Unispitäler Lausanne und Genf kooperieren. Auch die EPFL und die Universitäten Lausanne und Genf haben Aktivitäten zusammengelegt und teilen Ressourcen.
Selbst die einzelnen Kantone scheinen die Wichtigkeit der Life Science-Industrie richtig einzuschätzen. Debiotech-Chef Frédéric Neftel etwa ist des Lobes voll über die Wirtschaftsförderung des Kantons Waadt: «Die halten aktiv Ausschau nach Medtech- und Biotechunternehmen. Sie kamen auf uns zu, um uns Hilfe anzubieten. Nicht wir auf sie.»

Anzeige