Der grosse deutsche Stromversorger RWE hat zum Thema Elektromobilität eine Webseite aufgeschaltet. Auf der kann man in einem Video Menschen beim Bestaunen einer Stromtankstelle beobachten - während im Hintergrund die Vögel pfeifen. Und in Schweden verkauft McDonalds nicht nur Hamburger, sondern baut mit einem Partner aus der Energiebranche eine Ladeinfrastruktur für Stromautos auf.

Stromer erwarten keinen Boom

In der Schweiz geht alles viel langsamer; mit einen E-Mobil-Boom rechnen die Schweizer Stromversorger vorerst nämlich nicht. Die BKW rechnet laut Mediensprecher Sebastian Vogler bis 2020 mit 100000 reinen Elektrofahrzeugen auf den Schweizer Strassen, was 2 bis 3% des Fahrzeugbestands ausmacht. Alpiq, die Nummer eins im Schweizer Strommarkt, kommt in einer kürzlich veröffentlichten Studie auf dieselbe Zahl - deren Erreichung laut Mediensprecherin Chantal Epiney aber nur möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Gar keine Schätzung macht die Axpo: Zu unsicher seien Parameter wie etwa die Batterieentwicklung oder die Modellpalette an Elektrofahrzeugen, sagt Mediensprecher Beat Römer. Heute sind laut Römer 1400 Elektrofahrzeuge auf Schweizer Strassen unterwegs.

Zumindest in einer Hinsicht kann man die Zurückhaltung der Strombranche verstehen. Über Elektroautos sprechen zwar alle, doch mehr Strom wird deswegen in den nächsten Jahren kaum verkauft werden. Ein Experte der Consultingfirma Pöyry legte kürzlich dar, dass durch die Elektromobilität bis 2020 der Strombedarf kaum mehr als 1% ansteigt.

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Allerdings geht die Stromwirtschaft davon aus, dass sich Elektrofahrzeuge längerfristig durchsetzen werden. Die Studie der Alpiq schätzt, dass schon 2050 praktisch alle Neuwagen in der Schweiz mit Strom fahren. Für die Stromunternehmen bedeutet dies, dass es langfristig ein Geschäft zu machen gibt - auch wenn in den nächsten zehn Jahren ausser Schweiss und vielen Investitionen nicht viel herausschauen dürfte.

Trotz dieser Langfristperspektiven bekommt man keine aufregenden Konzepte zu hören, wenn man die Schweizer Branchenriesen nach Geschäftsmodellen fragt. «Wir bereiten uns vor und Geschäftsmöglichkeiten werden laufend geprüft», heisst es kurz und knapp bei der BKW. «Ob sich aus der Elektromobilität für die Stromwirtschaft zusätzliche Geschäftsfelder entwickeln, ist heute kaum abzuschätzen», sagt Axpo-Sprecher Beat Römer. Martin Handschuh von der Managementberatungsfirma A. T. Kearney räumt ein, dass ein zusätzlicher Stromabsatz von 1% für die Stromfirmen wenig attraktiv ist. Dennoch schätzt er das Umsatzpotenzial für die Stromwirtschaft im Jahr 2020 bereits auf 500 Mio Fr. Denn bei der Elektromobilität eröffnen sich neben dem Stromverkauf ganz neue Geschäftsfelder, wie Handschuh in einer soeben publizierten Studie zum deutschen Markt dargelegt hat: «Stromtankstellen müssen aufgestellt und betrieben werden, für die teuren Batterien können die Stromfirmen Leasingverträge anbieten inklusive der Lieferung einer bestimmten Menge Strom, und längerfristig lassen sich die Autobatterien gar nutzen, um Schwankungen in der Energieproduktion auszugleichen», sagt Handschuh.

Verschlafen haben die Schweizer Stromversorger das Thema Elektromobilität laut Handschuh nicht. Noch nicht. Denn viel Zeit für die Positionierung auf dem Markt bleibe nicht, weil die lukrativen Partner für die Strombranche dünn gesät seien. Handschuh nennt als Beispiele Migros, Coop, die Erölkonzerne und die SBB. «Die Stromversorger, die jetzt keine hochkarätigen Partnerschaften eingehen, werden bei der Elektromobilität das Nachsehen haben», prophezeit Handschuh.

Fahrzeuge fehlen

Die Branche kämpft aber noch mit anderen Problemen. «Viele der Schweizer Stromfirmen würden etwas auf die Beine stellen, aber leider gibt es für die internationalen Autokonzerne keinen Grund, das Thema Elektromobilität in der Schweiz auszuprobieren und uns bevorzugt zu behandeln», sagt Susanne Wegmann, Geschäftleiterin des Verbandes emobile. Es gebe keine Fördergelder und keine Erleichterungen für Elektroautofahrer; diese dürfen in Norwegen die Busspuren benutzen.


NACHGEFRAGT

Marco Piffaretti, Gründer und CEO Protoscar
«Bund muss das Minergie-Auto in Angriff nehmen»

Marco Piffarettis Firma Protoscar entwickelt seit 1987 Elektroautos, etwa für Daimler und GM.

Liegt die Schweiz bei der Einrichtung der Infrastruktur für Elektroautos zurück?

Marco Piffaretti: Nein, weil beim Thema Elektromobilität zum Teil Hysterie herrscht. In Berlin zum Beispiel ist zu viel Infrastruktur entstanden, dort wird die Hälfte der Stationen wohl wieder demontiert werden. Es braucht zwar öffentliche Ladestationen, aber nur in einem sehr kleinen Umfang. Das primäre Ziel der öffentlichen Stationen ist ein psychologisches: Sie geben den Nutzern von Elektroautos die Sicherheit, dass sie in jedem Fall an ihrem Ziel ankommen werden. Aufgeladen wird zu 90% aber über Nacht zu Hause.

Herrscht bei den technischen Standards ein Durcheinander?

Piffaretti: Die Situation ist furchtbar, aber sie ist historisch bedingt. Die Länder wie etwa Italien, die für die Wärme- und Krafterzeugung nicht auf Strom setzten, sondern auf Gas, haben ein rund dreimal schwächeres Netz als stromorientierte Länder wie die Schweiz. Deshalb muss man Lösungen finden, die kompatibel sind; eine gänzliche Übereinstimmung wird nicht einfach sein.

Ist die Abrechnung des Stromtankens nicht enorm aufwendig?

Piffaretti: In Deutschland versuchen die Werke, präzise jedes Kilowatt zu belasten. Die Organisation dieser Abrechnung ist aber sogar teurer als der Strom selber. Es gibt aber pragmatischere Lösungen. In der Schweiz funktioniert das bestehende Park & Charge-System mit einer Vignette, genau wie die Autobahnvignette. Nach dem Kauf erhält man einen Schlüssel und kann einfach tanken. Es geht also auch mit relativ simplen Lösungen.

Unternehmen die Stromversorger und der Staat genug in Sachen Elektromobilität?

Piffaretti: Nein. Bund und Kantone müssten sich zum Vorbild nehmen, was sie im Gebäudebereich erreicht haben. Dank Programmen wie Minergie gibt es kaum noch einen Neubau ohne Wärmepumpe oder gute Isolation. Wenn die Energieversorger, Staat und Politik das Gleiche beim Elektroauto machen würden, wären wir Weltklasse. Der Bund muss nun das Minergie-Auto in Angriff nehmen.