Der finanziell lädierte Technologiekonzern OC Oerlikon muss sich neu organisieren. Für das Raumfahrtgeschäft Oerlikon Space sieht VR-Präsident Vladimir Kuznetsov offensichtlich keine Perspektiven innerhalb des Konzernverbundes mehr - vor Kurzem gab der Russe dem «Sonntagsblick» zu Protokoll, dass Oerlikon Space zur Disposition stehe.

In Bern sorgen Kuznetsovs Worte für Aufregung. Die Befürchtung: Oerlikon Space, das zweitgrösste Schweizer Raumfahrtunternehmen, könnte in ausländische Hände geraten. Das Szenario ist realistisch, denn aus dem Oerlikon-Konzern ist zu hören, dass die geografische Herkunft von Kaufinteressenten keine Rolle spiele. Was zähle, sei, dass sie einen attraktiven Preis böten, über eine aussichtsreiche Strategie verfügten und an einer möglichst umfassenden Arbeitsplatzsicherung interessiert seien.

Industrie vom Bund gefördert

Der Verkauf von Oerlikon Space ins Ausland könnte der Schweizer Weltraumindustrie einen empfindlichen Schlag versetzen. Denn der Bund fördert sie indirekt mit Steuergeldern - wird Oerlikon Space samt Produktionsstätten ins Ausland abgezogen, profitieren Dritte von den finanziellen Anstrengungen des Bundes.

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Zwar bedeutet ein ausländischer Käufer nicht automatisch, dass die Fabriken verlagert werden. Das Risiko ist allerdings beträchtlich, denn Oerlikon Space fertigt die Nutzlastverkleidungen für die Ariane-Rakete - der Transport der ultraleichten, aber sehr voluminösen Schutzplatten, die Transportgut wie Satelliten schützen, ist teuer. Kann der Käufer näher am Endmonteur fertigen, wird er eine Verlagerung in Betracht ziehen. Das befürchten mit der Angelegenheit vertraute Personen, die nicht namentlich genannt werden wollen.Die Eidgenossenschaft habe die hiesige Raumfahrtindustrie indirekt mit ihren Beiträgen an die Europäische Weltraumorganisation ESA gross gemacht, betonen sie. Deshalb könne es nicht angehen, dass nun einer der grössten Schweizer Weltraumplayer ins Ausland verkauft werde.

Im vergangenen Jahr überwies die Schweiz laut einem Bericht des Staatssekretariats für Bildung und Forschung (SBF) vom September 2008 156 Mio Fr. an das ESA-Hauptquartier in Paris. Darüber hinaus unterstützt der Bund Schweizer Universitäten und Hochschulen, die im Raumfahrtbereich forschen und entwickeln, jedes Jahr mit Millionenbeträgen. Im Gegenzug garantiert die ESA der Schweizer Weltraumindustrie lukrative Aufträge. Mit ihnen generieren die Unternehmen laut SBF jedes Jahr einen Umsatz von über einer halben Mrd Fr.

Um den Raumfahrtstandort Schweiz zu schützen, soll deshalb der bundeseigene Technologiekonzern Ruag in die Bresche springen. «Ruag wird nicht darum herumkommen, einen Kauf von Oerlikon Space zu prüfen», sagen mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Oerlikon Space ist einer der umsatzstärksten Kunden der Ruag-Raumfahrtabteilung. Ruag liefert unter anderem die Sprengvorrichtungen an Oerlikon, mit denen die Ariane-Nutzlastverkleidungen im Weltraum abgetrennt werden. Zudem ist Ruag mit einem Gruppenumsatz von rund 1,5 Mrd Fr. das einzige Schweizer Luft- und Raumfahrtunternehmen, das über die kritische Grösse verfügt, um einen Zukauf in dieser Grössenordnung verdauen zu können.

Die Oerlikon-Tochter gibt keine Zahlen mehr bekannt, die letzten verfügbaren Resultate stammen aus dem Jahr 2005. In jenem Geschäftsjahr erzielte sie einen Umsatz von 93 Mio Fr.

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Zukauf «liegt auf der Hand»

Allerdings steckt die Ruag in einem Dilemma: Der Konzern habe erst im vergangenen Juli das Space-Geschäft von Saab akquiriert, was Mittel absorbiert habe und nun Managementkapazitäten binde, wissen informierte Kreise. Ruag benötige mindestens ein Jahr, bis die Integration abgeschlossen sei. Der Zukauf von Oerlikon Space liege auf der Hand, aber der Zeitpunkt sei ungünstig.

Daher richteten sich die Augen nun auf Verteidigungsminister Ueli Maurer, der als Vertreter des Ruag-Eigners über einen Ausweg aus diesem Dilemma entscheiden wird.

VBS-Sprecher Sebastian Hueber bestätigt, dass der Ruag-Eigner Akquisitionen nicht ausschliesst. «Aber er erwartet, dass Ruag eine risikobewusste Kooperations- und Beteiligungsstrategie verfolgt, welche die Markt- und die Zulieferposition stärkt, den Unternehmenswert und das Gesamtergebnis der Ruag steigert sowie die Technologiebasis im Sinne der Eignerstrategie erweitert», betont Hueber. Zudem werde verlangt, dass keine unkalkulierbaren Unterfangen oder Klumpenrisiken in Kauf genommen würden und Beteiligungen nur mit längerfristig überlebensfähigen Firmen eingegangen würden.

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Eine Akquisition von Oerlikon Space dürfte jedenfalls nicht ohne den Segen des Bundes über die Bühne gehen. «Bei grösseren Beteiligungen im Inland mit einem Übernahmewert von mehr als 50 Mio Fr. muss die Zustimmung des Eigners einholt werden», bestätigt Hueber.