Seit Anfang Juni sind Sie CEO der Ruag, davor leiteten Sie den US-Börsenkonzern Dionix. Haben Sie einen Kulturschock, wenn Sie an Ihren neuen Aktionärsvertreter - Bundesrat Ueli Mauer - rapportieren?

Lukas Braunschweiler: Einen Kulturschock habe ich nicht - ich bin schliesslich Schweizer und in der hiesigen Industrie gross geworden. Auch Bundesrat Maurer ist für mich kein Kulturschock (lacht). Wir hatten bereits ein erstes Gespräch und das ist sehr positiv verlaufen.

Wo setzt Ueli Maurer die Prioritäten?

Braunschweiler: Wir haben eine Standortbestimmung vorgenommen - wo die Ruag in Abstimmung zur Eigner-Strategie steht und wie sie sich entwickeln soll. Zudem haben wir ein Update zu wichtigen Projekten gemacht. Wir haben also handfeste industrielle Fragen diskutiert.

Und wo legen Sie die Schwerpunkte?

Braunschweiler: Um nachhaltig profitabel zu wachsen, braucht es Innovation. Ich will die Innovationspotenziale in den Divisionen in Zukunft verstärkt abrufen.

Sie stehen vor einer grossen Herausforderung: Der Bund wird ab 2011 seine Rüstungsprogramme massiv herunterfahren. Der Umsatzanteil des VBS, des grössten Einzelkunden der Ruag, wird schrumpfen.

Braunschweiler: Noch ist ja nicht in Stein gemeisselt, wie umfangreich die Sparmassnahmen sein werden. Das erfahren wir erst, wenn der sicherheitspolitische Bericht 2010 steht. Klar absehbar ist schon jetzt, dass sich die Schweizer Armee weiter verändern wird. Die Armee soll zwar etwas kleiner, aber auch technologischer und moderner werden. Bei den Bodentruppen etwa will man weniger Brigaden unterhalten, aber diese besser ausrüsten.

Was heisst das für die Ruag?

Braunschweiler: Zwischen der Ruag und der Schweizer Armee gibt es, grob gesagt, drei Schnittstellen: Bei der Luftwaffe, den Panzerbrigaden und bei den Führungs- und Führungsunterstützungssystemen. Wenn die Armee angepasst wird - budgetmässig und technologisch -, dürfte dies einen eher positiven Effekt auf uns haben.

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Ruag sorgt für den Unterhalt der Kampfjets und der Leopard-Panzer. Nun ist unklar, ob neue Jets beschafft werden können. Die Panzer will Ueli Maurer abschaffen. Das muss bei Ihnen doch zu tieferen Auftragseingängen führen.

Braunschweiler: Nicht unbedingt. Nehmen Sie die technologische Entwicklung vom Pferd zum Velo zum Panzer: In Zahlen reden wir von eins zu eins zu eins. Technologisch betrachtet aber hat sich die Kompetenz, wie man das Fortbewegungsmittel wartet, von Stufe zu Stufe weiterentwickelt. Insofern muss eine kleinere Armee nicht automatisch bedeuten, dass die Aufträge an die Ruag sinken. Sie können sich aber inhaltlich verändern.

Im 1. Halbjahr 2009 lag der Umsatzanteil des VBS bei 36%. Wie tief wird dieser Wert mittelfristig sinken?

Braunschweiler: Wir gehen davon aus, dass das Auftragsvolumen des VBS bei rund 500 Mio Fr. stabil bleiben wird. Unsere Ausbaupläne im internationalen Geschäft und im Zivilbereich werden aber dafür sorgen, dass der VBS-Anteil relativ gesehen sinkt.

Wird der VBS-Anteil unter 30% fallen?

Braunschweiler: Mit dem Kauf des Raumfahrtgeschäfts von OC Oerlikon, das wir im 2. Halbjahr 2009 konsolidieren werden, wird er sich auf nahezu 30% reduzieren.

Dann haben Sie ja einen substanziellen Umsatzträger dazugekauft.

Braunschweiler: Ja, Oerlikon Space wird gut 100 Mio Fr. Umsatz beisteuern. Für unser gesamtes Raumfahrtgeschäft rechnen wir mit einer Jahresbasis von 250 bis 280 Mio Fr. Es hat damit eine kritische Grösse erreicht, deshalb werden wir mit Space eine sechste Division gründen.

Müssen Sie Oerlikon Space restrukturieren?

Braunschweiler: Nein, das Unternehmen ist sehr gut aufgestellt.

Ruag ist sehr eng mit der Europäischen Raumfahrtagentur verbunden. Liegt jetzt dank der kritischen Grösse endlich der Schritt zur US-amerikanischen Nasa in Reichweite?

Braunschweiler: Das ist ganz klar unser Plan. Wir liefern bereits erste Produkte in die USA - bei der Atlas-Rakete des US-Herstellers Lockheed sind wir in vielen Flügen mit von der Partie.

Ein wichtiger Gegenspieler der Nasa sind die Russen. Hat die Ruag dort Chancen?

Braunschweiler: Wir sehen Russland weniger als direkten Absatzmarkt, sondern eher als Gebiet, auf dem wir unsere Produkte lizenzieren können. Unser Hauptmarkt ist aus institutionell-kommerzieller Sicht Europa. Von hier aus möchten wir den Weg in die Nasa schaffen. Wir hören von den USA, dass man positiv überrascht ist, dass es erfolgreiche kleine Spezialisten wie die Ruag gibt.

Welche Pläne hat die Nasa in den kommenden Jahrzehnten?

Braunschweiler: Die Amerikaner sind offener geworden, was internationale Formen der Zusammenarbeit anbelangt. Sie werden in den kommenden Jahren das Space-Shuttle-Programm auslaufen lassen - hauptsächlich, weil die Unterhaltskosten des Systems gewaltig sind. Die Amerikaner arbeiten im Trägerraketenbereich lieber mit den Europäern als mit den Russen zusammen, weil sie ihre Astronauten unabhängig von den Russen zur internationalen Raumstation bringen wollen. Deshalb beobachten wir nun eine Öffnung hin zu Europa, das ist gut für uns. Die Nasa ist, finanziell und technologisch gesehen, ein riesiger Player.

Ein zweites wichtiges Geschäft im Luft- und Raumfahrtbereich ist der Flugzeugstrukturbau. Zu Ihren Hauptkunden gehört Airbus. Welche Signale empfangen Sie?

Braunschweiler: Der Strukturbau ist im Moment schwierig. Die zivile Luftfahrt hat ihre Kadenzen stark zurückgenommen. Aber wir wissen, dass das Geschäft zurückkehren wird. Die kleinen Regionaljets werden in den nächsten Jahren ein sehr dynamischer Markt sein, hier besteht grosser Nachholbedarf. Wir sind mit unseren Spezialprodukten, etwa Flügelkomponenten, gut aufgestellt und erwarten in den nächsten Jahren sehr schöne Wachstumsraten.

Weniger rosig sieht die Lage für die Division Land Systems aus - also die Sparte für gepanzerte Fahrzeuge und Schutzsysteme.

Braunschweiler: Das stimmt nur bedingt. Zwar sind die Wachstumsraten in diesem Bereich nicht gewaltig, dafür aber konstant. Wir fahren hier eine andere Strategie: Wir versuchen erfolgreich, mit Partnerländern unsere Servicebasis zu verbreitern. Und unser Know-how im Materialbereich ermöglicht es uns, Schutzsysteme für gepanzerte Fahrzeuge und Führungszentren anzubieten.

Die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern kann oftmals nur realisiert werden, wenn gegenseitige Beteiligungen möglich sind. Das geht bei der Ruag nicht, weil 100% in Bundesbesitz sind.

Braunschweiler: Es gäbe in der Tat Gründe für eine Publikumsöffnung: Etwa wenn eine unserer sechs Divisionen eine Partnerschaft eingehen will. Ein weiterer Grund könnte die Frage nach der Ordnungspolitik sein, weil unser Umsatzanteil mit dem Bund relativ gesehen schrumpft. Heute ist die Öffnung aber kein Thema.

Warum führt Ruag dann eine «Investor Relations»-Abteilung, also einen Informationsbereich für Investoren, im Internet?

Braunschweiler: Das ist ein guter Punkt (lacht). Bei meinem ersten Besuch auf der Ruag-Homepage musste ich auch schmunzeln. Es geht darum, alle Finanzinformationen kompakt vermitteln zu können. Und betrachten Sie es einmal von dieser Seite: So gesehen haben wir 7,7 Mio Investoren, die via Staatskasse ebenfalls von unserer Dividende profitieren, die wir jährlich an unseren Eigner ausschütten.

Wann kommt die Publikumsöffnung erneut auf den Tisch?

Braunschweiler: Allenfalls wenn der sicherheitspolitische Bericht vorliegt, also 2010. Ich gehe davon aus, dass der Eigner an seiner grundsätzlichen Strategie gegenüber der Ruag festhalten wird. Er hat gute Gründe dafür. Es dürfte Anpassungen geben, die aber technischer Natur sind.

Im Geschäftsjahr 2009 wird die Ruag erstmals den Betriebsgewinn in Segmenten ausweisen. Wie teilen Sie den Konzern auf?

Braunschweiler: Wir fassen unsere sechs Bereiche in zwei Marktsegmenten zusammen: Aerospace und Defence. Für diese beiden Sparten rapportieren wir im Frühjahr 2010 erstmals auch den Umsatz und den Betriebsgewinn auf Stufe Ebit.

Das ist eine relativ grobe Unterteilung. Warum publizieren Sie nicht die Ergebnisse der sechs Divisionen? Um die Sorgenkinder nicht blosszustellen?

Braunschweiler: Ob wir auch nach aussen die Ergebnisse der sechs Sparten kommunizieren, das entscheiden wir in den nächsten Jahren. Im Moment sind wir noch nicht so aufgestellt, dass wir die Resultate pro Division nach den IFRS- Standards zeigen können.

Wer leidet unter der Krise?

Braunschweiler: In schwierigen Zeiten performen nicht alle Geschäfte gleich gut, das ist richtig. Der zivile Flugzeugstrukturbau, das Unterhaltsgeschäft mit Business Jets und das Komponentengeschäft für die Autoindustrie mussten Federn lassen. Natürlich haben alle Bereiche dieselbe Aufgabe: Langfristig profitables Wachstum.

Wer schreibt rote Zahlen?

Braunschweiler: Es sind im Wesentlichen die oben genannten Bereiche, die zum Teil mit der Wirtschaftskrise zusammenhängen. Im Flugzeugstrukturbau schlagen zudem erhebliche Vorinvestitionen zu Buche.

Droht dem Ruag-Konzern im laufenden Jahr ein Verlust?

Braunschweiler: Nein, davon ist nicht auszugehen.

Wie stark soll Ruag mittelfristig wachsen?

Braunschweiler: Um Währungen und Akquisitionen bereinigt, wollen wir pro Jahr im Schnitt um 5% zulegen. Das ist aus heutiger Sicht ein ambitioniertes Ziel, aber ich bin zuversichtlich, dass wir den Aufschwung optimal nutzen werden.