Es sei fast zu viel des Guten gewesen, beinahe schon gefährlich, meint Rudolf Strahm und lacht. Für einmal nicht sein spitzbübisches Lachen, mit dem er sich über seine Erfolge freuen oder über Sottisen seiner politischen Gegner mokieren kann. Es ist vielmehr ein verlegenes Lachen, denn Strahm gibt nicht gerne Persönliches preis. Dass er sich bei der Verabschiedung durch Nationalratspräsident Max Binder ehrlich gefreut hat, gesteht er trotzdem ein, und dass ihm der Abschied aus dem Parlament schwer falle.

Am Ende einer langen Karriere als Parlamentarier ­ fünf Jahre im Berner Grossen Rat, 13 Jahre im Nationalrat ­ sind Emotionen erlaubt. Denn was auch immer Strahm anpackt, geht er hundertprozentig an, mit Leib und Seele, Herz und Verstand. Halbheiten duldet er nicht, was wohl auch mit gemeint war, als Nationalratspräsident Binder sagte: «Er hat oft mit seinem Wissen und seiner scharfsinnigen Argumentation beeindruckt und vielleicht manche hie und da etwas gefordert.»

Solche Reaktionen begleiten den heute 61-Jährigen seit seinem Studium der Volks- und Betriebswirtschaft an der Universität Bern, wo er seinem «konservativen und strammbürgerlichen» Lehrer Paul Stocker in einem Brief vorrechnete, was an seinen Theorien alles falsch sei, und dass er ihn, Stocker, in der nächsten Vorlesung deswegen herausfordern werde. Von der Antwort Stockers: «Na, dann schiessen Sie los!» ist Strahm noch heute beeindruckt. Er schätzt Menschen, die seiner Debattier- und Streitlust nicht ausweichen, und nimmt sie ernst, egal, ob sie nun zu seiner eigenen sozialdemokratischen Partei oder zum gegnerischen Lager gehören.

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Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

Der neue Preisüberwacher ist kein Mann des Mainstreams. Das Rebellische ist wohl Teil seines emmentalischen Täufer-Erbes, wie Strahm erklärt: «Im Emmental sind die Täufer jahrhundertelang von der Obrigkeit verfolgt worden, was ihre anti-gouvernementale, systemkritische Haltung bis heute prägt.»

Vom religiösen Elternhaus hat Strahm einen Hang zur Grundsätzlichkeit sowie ein ausgeprägtes Bewusstsein von Recht und Gerechtigkeit mitbekommen. Seine strengen Vorstellungen von Ethik und Moral sind allerdings nicht bloss Erbe. Dass er die Armut in der Dritten Welt als die grösste soziale Herausforderung der Gegenwart bezeichnet, beruht zum einen auf eigenen Erfahrungen, die er bei Arbeitseinsätzen beispielsweise in Tansania und Tunesien gesammelt hat, zum andern auf Auseinandersetzungen mit Ökonomen wie Edgar Salin, William Kapp und Gunnar Myrdal. Dazu Strahm: «Sie alle haben mir den Blick für die Fragen von Markt und Gerechtigkeit sowie die sozialen und ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns geöffnet. Die Ökonomie hat für mich immer eine ethische Komponente.»

Vor diesem Hintergrund wird auch klar, weshalb Strahm den Primat der Politik über die Ökonomie betont: «Nur die Politik kann das Gemeinwohl sichern, wozu sie die entsprechenden sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen schafft. Tut sie das nicht, so spielen nur noch die Gesetze der Macht.»

Ebenfalls zu seinen Mentoren zählt Strahm den ehemaligen SP-Fraktionskollegen Jean Ziegler: «Es waren allerdings nicht seine ökonomischen Vorstellungen, die mich geprägt haben, sondern seine Motivationsfähigkeit in Verbindung mit seiner Vision einer globalen Gesellschaft.»

Über das Dritte-Welt-Engagement kam der Achtundsechziger Strahm in die Politik. 1978 heuerte der damalige Präsident Helmut Hubacher den Sekretär der Erklärung von Bern als Zentralsekretär der SP Schweiz an. In den nächsten sieben Jahren trieben die beiden die Modernisierung und Öffnung der ehemaligen Arbeiterpartei voran. Seine Erfahrungen verarbeitete Strahm später im kritischen Buch «Vom Wechseln der Räder am fahrenden Zug».

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Seit den 80er Jahren gehört Strahm zu den führenden politischen Köpfen nicht nur seiner Partei, sondern des Landes. Er prägte über lange Zeit die Wirtschafts- und Finanzpolitik der SP, obwohl er gegen Machtmenschen à la Peter Bodenmann einen schweren Stand hatte. Das Macchiavellistische Bodenmanns entsprach nicht Strahms Wertvorstellungen, das Turbohafte des Wallisers nicht der skeptischen Nachdenklichkeit des Berners. Im Austeilen hingegen konnten die beiden einander nichts vormachen, schliesslich hatten sie bei Altmeister Hubacher die gleiche Schule durchgemacht.

Strahm, seit 1995 für seine Fraktion in der wichtigen Wirtschaftskommission des Nationalrats, kämpfte an vorderster Front für eine Kapitalgewinnsteuer, Investitionsprogramme, eine antizyklische Finanzpolitik, Lehrstellen- und Wohnbauprogramme. Er entwickelte auch ein Wachstumsprogramm als Antwort auf die seiner Ansicht nach völlig ungenügenden Vorstellungen des Bundesrats zum künftigen Wachstum in der Schweiz. Dabei erwies sich ausgerechnet Strahm als einer der schärfsten Kritiker seines künftigen Dienstherrn Joseph Deiss.

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Wenn er von einer Sache überzeugt ist, nimmt Strahm keine Rücksicht: Gegen den herrschenden Trend in der Partei trat er in der Frage des EWR-Beitritts auf die Bremse, gegen die SP lehnte er die Milliardenkredite für eine neue nationale Fluggesellschaft ab, und als er sich vehement für die Öffnung des Strommarktes einsetzte, sah er sich in der Partei in Minderheit versetzt. Solche Niederlagen machten ihn zwar wütend, doch nahm er sie in Kauf. «Um solches zu ertragen, muss man als Politiker halt Schuppen an der Seele haben», sagt er.

Reformorientierte Kraft

Was Strahm jedoch verletzt hat, waren Vorwürfe linker Genossen, die ihn wegen seiner Haltung zur Strommarktöffnung des Verrats bezichtigten. Und noch lange geschmerzt hat ihn, dass er 1999 die Auseinandersetzung gegen Franco Cavalli um das Präsidium der SP-Fraktion in der Bundesversammlung verlor. «Es war klar eine Richtungswahl», sagt Strahm.

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Seither haben für ihn in der SP die «Besitzstandwahrer» das Sagen, zu denen er sich nicht zählt. Strahm sieht sich vielmehr bei den reformorientierten Kräften, die für eine sozialverträgliche Öffnung der Märkte eintreten. Um sie zu realisieren, ist Strahm auch bereit, Kompromisse einzugehen. Sein Einsatz für ein fortschrittliches Binnenmarktgesetz und ein griffiges Kartellgesetz entspricht dieser Haltung.

Sein künftiges Amt als Preisüberwacher sieht er vor diesem Hin-tergrund als die Fortsetzung des bisherigen Engagements, «nur mit anderen Mitteln und an anderer Front». Strahm hätte aufgrund der Amtszeitbeschränkung in seiner Kantonalpartei eh auf Ende dieser Legislatur aus dem Nationalrat ausscheiden müssen. Also hat er die Chance für den letzten Berufswechsel vor seiner Pensionierung gepackt. Strahm: «Das Amt ist ideal, weil es um einen Themenbereich geht, mit dem ich mich seit Jahren befasse und ich deshalb von meinen Erfahrungen profitieren kann.»

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Der SP-Politiker, der sich in jüngster Zeit vor allem auch um die Situation von Berufsbildung und Lehrstellen gekümmert hat, kann sich vorstellen, dass sein Wechsel andere ältere Arbeitnehmende ermuntert, den Sprung ebenfalls zu wagen: «Gleiches Themenfeld, engeres Spektrum, besser kann es nicht sein.»

Sein Beratungsunternehmen, das er seit 1997 zusammen mit Ruth Straubhaar führte, gibt Strahm jetzt auf. Während die SP im Generalsekretariat künftig auf die Dienste seiner Geschäftspartnerin zählen kann, muss sie auf ihren profilierten Kopf Strahm verzichten. «Die Karawane zieht weiter», könnte Strahm jetzt sagen, ebenfalls aufgrund eigener Erfahrung: Jedes Jahr zieht es ihn für vierzehn Tage in die Wüste.

Profil: Steckbrief

Name: Rudolf Strahm

Funktion: Preisüberwacher (ab 1. August 2004)

Geboren: 3. August 1943

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Wohnort: Herrenschwanden bei Bern

Familie: Alleinstehend, ein Sohn

Karriere:

1985­-1992 Geschäftsführer und Zentralsekretär der «Naturfreunde Schweiz»;

1992­-1997 Geschäftsführer der Koordinationsstelle Umwelt;

1991-2004 Nationalrat;

Seit 1997 Partner der Firma Strahm Beratungen

Das Amt: Preisüberwacher

Das Amt entspricht einer 60%-Stelle und ist für die Kontrolle von Preisen zuständig, die durch den Gesetzgeber bestimmt oder aufgrund von Monopolstellungen erlassen werden. Dazu gehören beispielsweise Posttarife oder Kehrichtgebühren. Kritiker befürworten eine Aufhebung des Amts oder die Eingliederung seiner Funktionen in die Wettbewerbskommission. Die Preisüberwachung ist zwar in der Verfassung vorgeschrieben, diese lässt es indessen offen, wie sie organisiert wird. In der Amtszeit Strahms soll diese Frage gemäss Bundesrat geklärt werden.

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