Die Ausstellung «Rüstung & Robe» im Museum Tinguely Basel geht auf eine Schau in der Wiener Hofburg im Jahr 1991 zurück. Damals fand eine eindrückliche Gegenüberstellung von Rüstungen der Wiener Hofjagd- und Rüstkammer und von Roben des italienischen Modestars Roberto Capucci statt. Sie rückte die heute eher tabuisierte Hochkultur der Kriegs- und Turniergarnituren ins Zentrum und plädierte gleichsam für die Rehabilitierung eines grossen Kunsthandwerks.

Das Projekt des Tinguely Museums ist eine Hommage an diese Wiener Präsentation, geht aber in Dramaturgie und Grösse darüber hinaus. Mehr als ein Dutzend Roben und 60 Harnische, dazu viele Einzelteile wie Helme, Brustpanzer oder Beinzeug, Hellebarden und Speere füllen die Räumlichkeiten. Da das Ganze im Museum eines Eisenplastikers zelebriert wird, steht fast automatisch auch die weitläufige Thematik der Eisenverarbeitung im Zentrum.

Hochblüte eines Kunsthandwerks

Der Kinetiker Jean Tinguely - ein kreativer Spieler mit Abfall und Schrott, ein erklärter Anarchist und verkappter Militarist - trifft hier auf die einsame Hochblüte eines Metiers, auf das Kunsthandwerk der «Plattnerei». Plattner hiessen jene Meister und Metallkünstler, die vorwiegend aus ihren Werkstätten in Augsburg und Nürnberg, Innsbruck und Landeck, aus Graz, Mailand und Brescia die europäischen Armeen und Höfe mit Kriegs- und später mit Turniergarnituren belieferten.

Anzeige

Die Ausstellungsstücke aus dem Weltreich ritterlicher Rüstungskultur - die sich eigentlich vom gesamten Europa in die Türkei, nach Indien, Tibet und bis nach Japan mit den Samurai-Rüstungen erstreckte - beschränken sich auf das Habsburger Weltreich und die Eidgenossenschaft. Sie spiegeln zugleich eine aufwühlende Epoche mitteleuropäischer Geschichte wider. Die in der Hauptsache zwischen 1485 und 1570 gefertigten Harnische stammen aus den letzten beiden europäischen Original-Zeughäusern: Aus Graz in der Steiermark, dem Grenzgebiet gegen die türkischen Invasoren, und aus Solothurn. Rüstungen von Landsknechten, Reitern und Husaren aus der eindrücklichen Grazer Sammlung wecken zusammen mit Solothurner Exemplaren Erinnerungen an die historischen Schlachten von Morgarten, Sempach und Näfels.

Geriffelte Prunkrüstungen aus Graz, besonders aber zehn aussergewöhnliche Exponate aus der Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien, illustrieren den Übergang zu den Turnierharnischen nach 1500, in der Zeit Kaiser Maximilians I., des «letzten Ritters». Massgefertigt und reich verziert waren die Metall-kleider für Kaiser und Erzherzöge, Kurfürsten und Landgrafen. Die Rüstungen sind nicht nur ein Abbild des höfischen Glanzes der Turniere, sondern sie weisen auch skulpturale Qualtäten auf.

An dieser Stelle setzt der Dialog mit den häufig plissierten, seidenen Abendroben von Roberto Capucci der 80er-Jahre ein. Der 1930 in Rom geborene und in den 50er-Jahren berühmt gewordene Mode-Künstler entwarf Kreationen für Schönheiten wie Esther Williams oder Silvana Mangano und wurde in den frühen 60er-Jahren von Christian Dior nach Paris geholt. Modeschöpfer haben sich schon früh von Rüstungen inspirieren lassen und wie diese verstehen sich Capuccis Roben als glanzvolle künstliche zweite Haut. Eros und Tod, Lebenslust und Untergang liegen nahe beieinander. Am Ende eines jeden Turniers fand ein Maskenball statt, und die «Trophäen» des Siegers waren hinter prächtigen Roben versteckt.

Schön gerüstete Körper

Die farbenprächtige, weiche Welt des Stoffs wird ergänzt durch Werke von Niki de Saint Phalle und Eva Aeppli, welche die männliche Welt von Macht, Krieg und Tod kritisch hinterfragen.

Zwischen Metall und Stoff sind auch die Figurinen anzusiedeln, welche Oskar Schlemmer für sein «Triadisches Ballett» geschaffen hat. Tinguely, Luginbühl und Spoerri nehmen hingegen mit allerlei «Kriegsgerät» die Militärgeschichte auf ihre Art ins Visier: Das legendäre Berner Barbara-Schiessen von 1972 sowie der gemeinsame Film «Un rêve plus long que la nuit» fügen sich bis hin zu Tinguelys «Hannibal» oder «Totentanz» in einen grösseren historischen und inhaltlichen Kontext ein. Ein Blick auf die zahlreichen Ritterfilme sowie auf das Fortleben der «gerüsteten Körper» in Filmen wie Metropolis oder Star Wars eröffnen dem Betrachter die Wiederentdeckung einer Schatzkammer der ganz besonderen Art.