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Rüstungsfirma Mowag: Ungeschützte Werkstatt

Das Kreuzlinger Rüstungsunternehmen Mowag verlor gleich mehrere Grossaufträge. Hohe Kosten und gestutzte Armeebudgets setzen ihm zu.

Von Marc Badertscher
am 27.06.2012

Kühles, grünes Laserlicht jagte über die gepanzerte Front. Dann funkelte das Geschützrohr im Blitzlichtgewitter der Rüstungsexperten. Die Mowag stellte an der grossen Fachmesse in Paris vor zwei Jahren ihre neuste Entwicklung vor – den Radschützenpanzer Piranha 5. Das 30 Tonnen schwere Schweizer Qualitätsprodukt mit Einzelradaufhängung sollte der Mowag die Zukunft sichern.

Damals waren die Hoffnungen in der Unternehmenszentrale in Kreuzlingen gross. Der Aussendienst begann die spanische Armee zu bearbeiten. Die Ejército de Tierra de España sollte zum ersten Kunden werden. Es ging um Hunderte von Millionen Franken. Mowag-Mutter General Dynamics tat alles für den Auftrag. Die Amerikaner verlegten just dann ihr europäisches Hauptquartier nach Madrid, setzten einen Spanier als Chef ein. «Man zeigte viel guten Willen», sagt ein ehemaliger ­General-Dynamics-Mitarbeiter. Es half nichts. Die schuldengeplagten Spanier sagten vor kurzem ab.

Das Nein aus Madrid hat Folgen. Letzte Woche kündigte die Mowag den Abbau von 270 Stellen in Kreuzlingen an, fast ein Drittel der Belegschaft. Es trifft vor allem die Produktion. Im Mai sei auch ein Grossauftrag an die Vereinigten Arabischen Emirate nicht zustande gekommen, berichten Firmeninsider. Und früher ging Mowag auch in Schweden leer aus. «Das Marktumfeld ist sehr schlecht», sagt Mediensprecher Pascal Kopp mit Verweis auf die Schuldenkrise. Und die Budgets für Rüstungsgüter schrumpften.

Das Kronjuwel am Bodensee

Doch für ehemalige und jetzige Manager ist das nur die halbe Wahrheit. «General Dynamics und die Mowag-Führung haben schlicht Chancen verpasst», sagt einer. Man habe sich viel zu sehr mit sich selber beschäftigt und an den Kunden vorbeiproduziert.

Seit 2003 sitzt General Dynamics am Steuer der Mowag. Die ersten Jahre waren eine einzige Erfolgsgeschichte. Alle paar Monate rief die UNO eine neue Friedensmission für eine Krisenregion aus. Tausende Blauhelme mussten sicher verschoben werden. Die gepanzerten Transporter aus der Schweiz waren dafür perfekt. «Lange Zeit war Mowag technologie- und marktführend», erklärt ein Verkäufer. Vor lauter Aufträgen für den kleineren Piranha 3, den geschützten Offroader Eagle und den Transporter Duro geriet man gar in Engpässe. Die Belegschaft stieg in wenigen Jahren von 400 auf 900 Angestellte. «Kreuzlingen war für General Dynamics das Kronjuwel in Europa», berichten Leute, welche die Zahlen kennen. Die Mowag konnte auch Radaufhängungen und Getriebe als Komponenten an andere Töchter von General Dynamics in Nordamerika liefern. «Die starke Mutterfirma im Rücken half», so Kopp.

Doch die Gewinne verblieben nicht in Kreuzlingen. Die andern europäischen Rüstungsstandorte von General Dynamics in Spanien oder Österreich darbten. Es soll zu Quersubventionierungen gekommen sein. «In Kreuzlingen rennen sie, an andern Orten verbrennen sie das Geld», beschreibt einer aus dem Mowag-Umfeld jene Zeit. Das Cash-Management übernahm das europäische Hauptquartier von General Dynamics. «Der Einfluss war enorm, jede wichtige Entscheidung fiel dort», sagt ein Insider. Jeden Monat kamen die US-Manager in Kreuzlingen vorbei und liessen sich die Zahlen präsentieren. Im Unternehmen kursierte der Spruch, zwischen zwei Audits sei immer noch ein Audit gemacht worden.

Der direkte Zugriff auf die Mowag aber erfolgte vor allem über die Organisationsform. Ob Verkauf, Entwicklung, Finanzen oder Einkauf: Jede Abteilung rapportierte direkt an General Dynamics und erhielt von dort Anweisungen. Die Matrix-Organisation begünstigte das Gärtchendenken. Der lokale Chef in Kreuzlingen hatte dagegen keine Hausmacht. Mit den Verhältnissen vertraute Personen berichten, das sei auch unter Mark Diedrichs so, der das Unternehmen heute leitet. Er ist der neunte Chef in zwölf Jahren. Bezeichnenderweise wurde die aktuelle Massenentlassung in Madrid beschlossen.

«Die Mowag hat sich die letzten Jahre fast zu Tode organisiert», urteilt ein ehemaliger Angestellter. Da ging Zeit verloren, die Konkurrenz holte auf. Heute gibt es mehrere ernsthafte Anbieter, die mit ähnlichen Produkten und tieferen Preisen um die knappen Militärgelder buhlen. «Die Mowag hätte früher strategische Optionen prüfen müssen, wie sie ihr grosses Fachwissen im Bereich Radantrieb umsetzen und die Firma verbreitern könnte», sagt ein Kritiker. Auch sei man zu wenig auf Kundenwünsche eingegangen. So lasse sich der Piranha 5 heute noch gar nicht mit einem Flugzeug transportieren. Es bräuchte hierfür den noch nicht lieferbaren Airbus A400M.

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