Das Kunsthaus Zürich präsentierte 2005 in Zusammenarbeit mit dem Frans Hals Museum in Haarlem und der National Gallery of Art in Washington eine umfassende Schau von Gemälden von Pieter Claesz, dem bedeutendsten niederländischen Stilllebenmaler – eine Ausstellung, die noch lange nachhallte. Dass derzeit gleich zwei Schweizer Häuser Stillleben präsentieren, mag Zufall sein: Das Kunstmuseum Basel mit seiner grossen Ausstellung «Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500–1800» und das Aargauer Kunsthaus mit «Stilles Leben. Geschichten von stummen Dingen». Auch stellte die Zürcher Galerie Bob van Orsouw kürzlich gross- und mittelformatige Stillleben der in Zürich lebenden Perserin Shirana Shahbazi vor. Sicher ist, dass in der heutigen visuell überreizten Zeit ein Innehalten vor stillen Bildern voller Symbolik gegenüber dem hektischen Auf und Ab in der virtuellen Welt wohltuend wirkt.

Faszination der Raffinesse

Das Basler Kunstmuseum deckt mit 90 Meisterwerken von Jan Breughel d. Ä. bis zum Franzosen Jean Siméon Chardin, dessen Todesjahr 1779 für die Schau gleichsam das Ende des 18. Jahrhunderts markiert, drei Jahrhunderte europäischer Stillebenmalerei ab. Demgegenüber spannt sich der Bogen des Aargauer Kunsthauses vom frühen 20. Jahrhundert mit einem klassischen Früchtestillleben von Cuno Amiet bis zur zeitgenössischen Kunst mit einer Assemblage von Gebrauchsgegenständen von Fischli/Weiss.

Die Faszination der Stillleben lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Schon immer hat sich der Mensch damit befasst, lebende und leblose Gegenstände so realistisch als möglich abzubilden. Die Geschichte vom Wettstreit zwischen den griechischen Malern Zeuxis und Parrhasios legt davon Zeugnis ab: Mit den gemalten Kirschen konnte Zeuxis zwar Vögel täuschen. Parrhasios gelang es jedoch, Zeuxis selbst hinters Licht zu führen, als dieser tatsächlich versuchte, den gemalten Vorhang zu lüften. Trotz dieser Perfektion, die offenbar bereits vor mehreren tausend Jahren bestand, wurde das Malen von «stillem Leben» abwertend beurteilt. Porträt- und Historienmalerei standen dagegen auf einer ganz anderen Stufe. Dennoch liessen sich berühmte Sammler immer wieder von Stillleben beeindrucken. So sammelte die Markgräfin Karoline Luise von Baden-Dürlach Bilder von Jean Siméon Chardin und kaufte sie sozusagen frisch von der Staffelei. Hundert Jahre später gelangte ein 1866 gemaltes «Stillleben mit Birnen» von Fantin-Latour – er malte Stillleben als Broterwerb und betrachtete sie selbst nicht als seine Hauptwerke – in die Sammlung Kröller-Müller. Die Sammlerin konnte sich an der Schönheit des kleinen Messers auf dem Bild nicht satt sehen.

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Prestigeobjekte der Kaufleute

Dass die Faszination der Stilllebenmalerei nach wie vor ungebrochen ist, zeigte auch die diesjährige TEFAF (The European Fine Art Fair) in Maastricht. Im Katalog der Messe widmete Quentin Buvelot, Kurator des Haager Mauritshuis, Adriaen Coorte, einem Stilllebenmaler des ausgehenden 17. Jahrhunderts, einen Aufsatz. Coortes Bilder waren im Frühjahr 2008 in Den Haag zusehen, und eines wird zurzeit auch in Basel präsentiert. Die Haager Ausstellung ging u. a. auf die Initiative des Zürcher Kunsthändlers David Koetser zurück. Die TEFAF zeigte etliche hervorragende Exponate, davon nicht wenige von Pieter Claesz. Die Zahl der angebotenen Werke dieses Meisters, von dem es insgesamt 250 bekannte Stillleben gibt – davon viele in Museen und renommierten privaten Sammlungen – war erstaunlich hoch. Die Preise bewegten sich von 300000 Euro an aufwärts. Wenn man weiss, dass im 17. Jahrhundert die Käufer von Claesz‘ Bildern dem mittleren bis reichen Kaufmannsstand angehörten und die Bilder meist in den Empfangsräumen ihrer Häuser hingen, wundert es nicht, dass diese Bildgattung in den Niederlanden zurzeit wiederum eine Blüte erlebt.

Kein Mangel an Nachfolgern

Ein unter vielen herausragender zeitgenössischer Nachfolger, aber nicht Nachahmer von Claesz ist der 1945 geborene Niederländer Henk Helmantel. Seine Stillleben sind zwar bezüglich Lichteinfall deutlich vom 17. Jahrhundert inspiriert, ihre Präsentation – nicht nur wegen der Objekte, welche die «Altmeister» nie so zusammengestellt hätten – verrät jedoch einen modernen Realismus. Während Claesz, wie Pieter Biesboer, ehemaliger Direktor des Frans Hals Museums, schreibt, «um die grosse Nachfrage der vielen Liebhaber befriedigen zu können, anfing, schneller und mit weniger Pigment zu malen und einer gewissen Routine verfiel», kann sich Helmantel Wartelisten leisten. Seine «Produktion» beträgt maximal 25 Bilder pro Jahr. Das Preisgefüge hat sich, verglichen mit Pieter Claesz, ebenfalls drastisch geändert: Während sich um 1645 zu Claesz‘ Lebzeiten für wichtige eigenhändige Werke des Künstlers Schätzungen von etwa 40 Gulden finden – was damals dem ungefähren Monatseinkommen eines einfachen Bürgers entsprach – bewegen sich Helmantels Preise um 30000 Euro.

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In der Vergangenheit war die Stilllebenmalerei das Medium, um Gegenstände darzustellen und malerisch damit zu experimentieren oder diesen in ihrer Symbolhaftigkeit einen Inhalt zu geben. Diese Bedeutung ist heutigen Betrachtern kaum mehr geläufig – denn wer weiss schon auf Anhieb, dass Kirschen auf die Leidensgeschichte Christi oder Erdbeeren auf das Paradies verweisen. Dagegen wirken die Objekte von Zeitgenossen wie Daniel Spoerri oder Fischli/Weiss vordergründig als das, was sie sind: Zigarettenstummel, Brotreste, Gummistiefel oder Bürsten. Gemäss Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthauses können diese dreidimensionalen Assemblagen von banalen Gebrauchsgegenständen durchaus einen erweiterten Zugang zur Bildgattung des Stilllebens und spannende Zugänge zum vordergründig Unspektakulären vermitteln. Zeitgenössischen Stilllebenmalern geht es eindeutig mehr darum, die formalen Möglichkeiten der Wiedergabe frei gewählter Gegenstände auszuloten als um deren inhaltliche Bedeutung.

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