Migros erbarme Dich unser». Nach diesem abgewandelten Bibelspruch handelt gegenwärtig der Kleiderhändler Charles Vögele. Verwaltungsratspräsident Bernd Bothe hat seine Modekette gleich selber ins Schaufenster gestellt: Er wäre froh, wenn die Migros die Aktienmehrheit übernehmen würde. Zurzeit besitzt Migros eine Beteiligung von 9,4% an Charles Vögele. «Eine weitere Erhöhung der Beteiligung von Migros würde ich positiv sehen», sagt Bothe (siehe «Handelszeitung» Nr. 10 vom 4.3.2009).

Falls sich der orange Riese tatsächlich Charles Vögele unter den Nagel reisst, hätte Bothe gleich zwei Probleme gelöst. Er könnte seinen eigenen Kopf als VR-Präsident retten, nachdem die Aktionärsgruppe - bestehend aus Laxey Partners, Cheney Capital Management, Sterling Strategic Value und Massimo Pedrazzini - seine Abwahl gefordert hat. Zudem hätte Bothe mit Migros genug Substanz an Bord geholt, um dem lahmenden Vögele nach Jahren des Sinkflugs Auftrieb zu verschaffen.

Charles Vögele würde in seiner Positionierung bestens zu Migros passen. Vor allem das Schweizer Geschäft würde den darbenden Textilbereich von Migros vorwärts bringen und dank Grösse die Beschaffung massiv verbilligen. Der Textilbereich von Migros war in den letzten Jahren stagnierend oder gar rückläufig. Mit dem Auslandgeschäft von Charles Vögele in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, und Osteuropa könnte die Schweizer Nummer eins mit dem Detailhandel weit ins Ausland expandieren. Hierzulande stösst der Detailhandelsriese immer stärker an Wachstumsgrenzen. Die nötigen finanziellen Mittel kann er locker beschaffen.

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Sein finanzielles Polster ist allein schon durch seinen Immobilienbesitz gewaltig. Migros will sich zu einer möglichen Übernahme von Charles Vögele nicht äussern. Und falls Migros bei Vögele nicht zuschlägt, ist Coop immer wieder für eine Überraschung gut.

Der Schweizer Textilhandel wird in den nächsten Jahren von Übernahmen geprägt werden. Denn der Bekleidungsmarkt ist mehr als gesättigt. Trotz Überangebot an Modegeschäften wollen sich zahlreiche ausländische Modeketten in der Schweiz niederlassen, um von der robusten Schweizer Kauflust zu profitieren. So häufen sich etwa im Einkaufszentrum Glatt die Anfragen von ausländischen Textilfirmen für einen Standort. Darunter befindet sich die amerikanische Modekette Abercrombie&Fitch. Ausländische Ketten sind auch interessiert an Übernahmen von Fachgeschäften, um in der Schweiz Fuss zu fassen. Aber nicht nur der Bekleidungsmarkt, sondern auch der Drogerie- und Apothekenmarkt sind hierzulande stark in Bewegung. Letzte Woche hat die Pharmagruppe Galenica die Westschweizer Kette Sun Store mit ihren 100 Standorten übernommen.

Spar ist noch übrig geblieben

Im Lebensmittelhandel wird das «Lädelisterben» weitergehen. Die grösseren Ketten wie Denner, Pick Pay, Waro, Carrefour sind bereits von den beiden Detailhandelsgiganten Migros und Coop einverleibt worden. Unabhängig geblieben ist bisher die Spar-Kette, die sich mit Nachbarschaftsläden in der städtischen Agglomeration positioniert und daher in Konkurrenz zu Migros und Coop steht. Volg dagegen ist als Dorfladen für die beiden Detailhandelsgiganten keine Konkurrenz.

Spar als letztes grösseres selbstständiges Familienunternehmen mit einem Gruppenumsatz von 957 Mio Fr. wird als Übernahmekandidat gehandelt. Gleich zwei Unternehmen hätten das Angebot von Spar und seinen TopCC-Märkten, Abholmärkte für Grossverbraucher, auf dem Tisch gehabt, erzählt ein Insider. Das dementiert jedoch Stefan Leuthold, Verwaltungsratspräsident von Spar. «Wir sind mit niemandem im Kontakt für einen Verkauf und bleiben selbstständig». Zudem sei seine Kette gut in die «Spar-Welt» integriert. Die Organisation ist in 33 Ländern vertreten und kann im Verbund günstig einkaufen. Die Wettbewerbskommission würde wohl eine Übernahme von Spar durch Migros und Coop angesichts derer Marktmacht in den nächsten Jahren untersagen, aber für Lidl oder Aldi gelten diese Auflagen nicht.

Valora viel günstiger bewertet

Eine weitere Übernahmekandidatin ist Valora, die mit ihren 1000 Kiosken in der Schweiz über beste Standorte - dem A und O im Detailhandel - verfügt. Mobilitätsstarke Standorte, die sich für Convenience-Shops anbieten.

«Valora war immer wieder im Gespräch als möglicher Übernahmekandidat - zuletzt vor wenigen Wochen, was sich als Spekulation herausstellte», meint Valora-Mediensprecherin Stefania Misteli. «Ob sich Valora als Übernahmekandidaten eignet liegt im Fokus der Märkte und unterliegt dem Willen und der Entscheidung unserer Aktionäre.» Dem umtriebigen Aktionär Adriano Agosti ist es jedenfalls zuzutrauen, einen Käufer zu finden. Als die französische Lagardière im Herbst 2006 Interesse bekundete, lag das Angebot pro Aktie noch bei 330 Fr. Mit 142 Fr. pro Aktie ist diese heute massiv günstiger. Doch bis zur Vermählung muss die Braut noch besser ausstaffiert werden.