Einmal gab Bulldozer-Chen ihm einen roten Umschlag. Er enthielt 10000 Yuan (1580 Fr.). Keine Bestechung, einfach eine nette Geste, aber Rupert Hoogewerf lehnte ab. Klimaanlagen-Zhang bot ihm seinen Privatjet an ­ er flog lieber Linie. Seine Glaubwürdigkeit kann er nicht riskieren, aber wen Chinas Reiche mögen, dem zeigen sie es. Hoogewerf mögen alle, den 33-jährigen Engländer mit Bartstoppeln im schmalen Gesicht, blauen Augen und dunkelblonden Haaren. In China ist dieses Gesicht berühmt geworden, zum Symbol für Reichtum und Unternehmertum, zum Gesicht des jungen Kapitalismus. Hoogewerf ist eine Galionsfigur, obwohl er selber gar nicht reich ist. Der Kredit für seine Eigentumswohnung im vierten Stock eines Schanghaier Hochhauses läuft noch zehn Jahre. Am liebsten trägt er einfache Kleidung, Jeans und T-Shirt.

Hoogewerf kam 1990 nach China, zum Studium an der Pekinger Volksuniversität. Abends sass er oft mit Freunden auf dem Dach des Wohnheims für ausländische Studenten. Mit zwölf Stockwerken war es damals das höchste Gebäude im ganzen Stadtteil. Dann rauchten sie Zigarren, tranken chinesischen Cognac und fühlten sich grossartig. Sie redeten über Geschäftsideen in China und Zukunftspläne, aber seine eigene Idee kam ihm erst neun Jahre später. Hoogewerf arbeitete als Wirtschaftsprüfer in Schanghai. Dort konnte er sehen, wie in China etwas Neues entstand: Eine Schicht von Kapitalisten, die es im Land der Massen-Kollektivierung und des Kommunismus bisher nicht gegeben hatte. «In China läuft das grösste Privatisierungsprogramm der Welt», sagt er heute.

Viele Geschichten um die Liste des Engländers

Hoogewerf schrieb auf, was er sah. Setzte sich in Bibliotheken, stellte zwei Studenten für die Recherche ein, und als er nach drei Monaten fertig war, hatte er eine Liste der 50 reichsten Chinesen zusammengestellt; sein erster Artikel. Er schickte ihn an drei Wirtschaftsmagazine und schaffte es auf Anhieb auf die Titelseite von «Forbes»: «Ciao Mao ­ die 50 reichsten chinesischen Unternehmer», stand da.

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Der Engländer kündigte seinen Job und machte sich mit der Liste selbstständig, die inzwischen zum fünften Mal erscheint. Niemand hat tieferen Einblick in die chinesische Privatwirtschaft, keiner kennt mehr erfolgreiche Unternehmer in China persönlich. Hoogewerf referiert in Universitäten auf der ganzen Welt. Unter seinem chinesischen Namen Hu Run sind bereits fünf Bücher erschienen, mit Titeln wie «Die Reichtums-Gene» und «Die Mentalität reicher Unternehmer».

Auf Empfängen und Partys im geldverliebten Schanghai ist der freundliche Brite ein umworbener Gast geworden. Dann steht er etwas unbeholfen gekleidet und zugeknotet mit einer Krawatte da, aber seine Geschichten füllen Abende. Er erzählt dann von Herrn Sun aus Xinjiang, dem ehemaligen Soldaten, der sich in seiner Jugend eine Fingerspitze abbiss und mit seinem Blut einen Brief an seine Vorgesetzten schrieb, da er unbedingt in den Krieg ziehen wollte. Sun Guangxia verliess die Armee und gründete mit seinem Entlassungsgeld in der uigurischen Wüste ein Fischrestaurant. Heute gehört ihm ein Viertel seiner Stadt, gerade hat Sun 1 Mrd Dollar in Gasbohrungen investiert. Oder Herr Ying, der Motorradhersteller, der erst mit 54 zum Unternehmer wurde. Ying Mingshan hatte vorher 20 Jahre als Konterrevolutionär Strafarbeiten verrichten müssen. Jetzt hat er einen Fussballverein aufgekauft.

Wenn Hoogewerf davon erzählt, flackert ein heisses Licht in seinen Augen. Er bewundert seine Unternehmer, und manchmal ist er auch etwas neidisch, wenn er den Reichtum anderer Leute nachrechnet, die inzwischen nicht selten jünger sind als er. Private Unternehmer sind Helden in China. Ökonomen schätzen, dass nichtstaatliche Firmen inzwischen 50% zur chinesischen Wirtschaftsleistung beitragen. Der bescheidene Wohlstand, den China sich in 25 Jahren wirtschaftlicher Öffnung erarbeitet hat, ist nicht das Verdienst des Reformers Deng Xiaoping, der die Zügel der Planwirtschaft lockerte. Deng gab den Unternehmern nur etwas ihrer gestohlenen Freiheit zurück und liess sie machen, was sie wollten: Investieren und Geld verdienen.

Kapitalismus pur

Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen, und die Volksrepublik nennt sich jetzt «sozialistische Marktwirtschaft». Aber in der Realität ist sie weder sozialistisch noch marktwirtschaftlich: Inkaum einem anderen Land der Erde klafft der Graben zwischen Arm und Reich so weit auseinander. Während in Schanghai ausländische Limousinen auf den breiten Strassen fahren, ziehen Bauern am Strassenrand Ochsenkarren.

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«Auf dem Papier ist China immer noch ein kommunistisches Land. Aber wenn man es mit Europa vergleicht, erscheint es sehr kapitalistisch», sagt der Brite. Hoogewerf wurde mit seiner Liste berühmt, wie sie die Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklung in geordneten Zahlen ausdrückt.

Hinter den Zahlen lassen sich Lebensläufe erkennen, die denen der Gründerzeit in Deutschland nicht unähnlich sind. «Erfolgreiche Unternehmer haben gute Kontakte zu Regierung und Behörden, eine gute Ausbildung, und immer haben sie ein völlig neues Geschäftsfeld für sich entdeckt», sagt Hoogewerf. Seiner Erfahrung nach arbeiten die Gründer hart, 16 Stunden am Tag. Erst die zweite und dritte Generation nehme sich die Zeit, das Vermögen auch auszugeben, sagt Hoogewerf. Nach seinen Recherchen ist der IT-Unternehmer Ding Lei aus Ningbo in diesem Jahr zum reichsten Chinesen geworden, mit einem Vermögen von über 900 Mio Dollar. Sein IT-Unternehmen NetEase hat er erst 1996 gegründet. Etwa 200 besitzen mehr als 100 Mio Dollar.

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Im letzten Jahr begannen sich die chinesischen Steuerbehörden zu wundern, warum die Einkünfte der Superreichen sich nicht mit ihren Steuererklärungen decken, und begannen eine erbarmungslose Kampagne gegen Steuersünder. Die Beamten dürften sich über den solide aufgeschichteten Datenberg freuen, den Hoogewerf mit seinen vier Mitarbeitern zusammengetragen hat. Das Team arbeitet in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer chinesischen Hochhaussiedlung mit gelb gekachelter Fassade, fern der Glitzerwelt des neuen Schanghais. In dieser Woche erscheint die neue Liste. Dieses Mal wird sie nicht in «Forbes» erscheinen, sondern unter dem Namen «China Money» ­ ein Unternehmen, das er gemeinsam mit einem britischen Partnerverlag gegründet hat. In diesem Jahr sind viele Neuaufsteiger dabei. Seine Augen beginnen wieder zu leuchten. Hoogewerf, das merkt man, wäre selber gerne auf seiner Liste. «Die Chance habe ich wahrscheinlich verpasst», sagt er, aber er wird es weiter versuchen.

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Die fünf reichsten Chinesen Vermögen in Mio Dollar

Vermögen Firma Branche

Ding Lei 900 NetEase.com Inc. Internet

Rong Zhijian 850 CITIC Pacific Group Luftfahrt

Xu Rongmao 820 Shimao Group Liegenschaften

Lu Guanqiu 650 Wanxiang Group Autozubehör

Chen Lihua 580 Fu Wah International Liegenschaften

Quelle: «china money»