Als in diesem Frühjahr die Kontrolle von Oerlikon an die russische Investmentfirma Renova überging, war man sich innerhalb der Schweizer Raumfahrtbranche sicher: Das wird zu Komplikationen mit europäischen und US-amerikanischen Kunden führen. Denn die Branche gehört aufgrund ihrer engen Verzahnung mit der Rüstungsindustrie zu einem der sensibelsten Geschäftsbereiche überhaupt.

Die Vorahnungen aus der Branche trafen zu: Recherchen der «Handelszeitung» zeigen, dass der Einstieg der Russen zu Irritationen geführt hat. «Es gab Diskussionen mit kommerziellen Kunden, die nach dem Einfluss der neuen Besitzer auf die Konzernstrategie gefragt haben», wird denn auch bei Oerlikon Space bestätigt. Zum Kreis der sogenannten kommerziellen Kunden gehören Unternehmen wie Thales und EADS.

Man habe die Kunden zwar beruhigen können, heisst es bei Oerlikon Space weiter. Allerdings, wird betont, sei man natürlich nicht über die mittel- und langfristigen Pläne der Portfoliostrategie auf Konzernstufe aufgeklärt.

Keine Nachfragen stellte offenbar die Europäische Raumfahrtbehörde Esa, die Projekte zur Entwicklung neuer Technologien und Produkte ausschreibt und diese aus dem Topf ihrer 17 Mitgliedsstaaten finanziert.

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Behörde: Oerlikon hat Gewicht

Interessiert an den Oerlikon-internen Vorgängen zeigt sich dagegen die Schweizer Raumfahrtbehörde. Das bestätigt Peter Erni, wissenschaftlicher Berater im Bereich Raumfahrt beim Staatssekretariat für Bildung und Forschung. «Auf Nachfrage, wie der Einstieg der russischen Investoren gewertet werde, teilte uns Oerlikon Space mit, dass weitgehend selbstständig gearbeitet werden könne und derzeit nichts auf eine Veränderung hindeute», sagt Erni.

Für die Schweizer Raumfahrtbehörde haben solche Vorgänge auf der Industrieseite Gewicht: Die Schweizer Esa-Delegation unter der Führung von Staatssekretär Mauro DellAmbrogio trifft sich im kommenden November in Den Haag mit den Raumfahrtministern der übrigen 16 Esa-Mitgliedsländer. An der Konferenz, die nur alle drei Jahre stattfindet, werden neue Raumfahrtprojekte aus dem mehrere Milliarden Euro schweren Budget beschlossen. «Wir, die die Interessen der Schweiz und unserer Industrie an diesem Tisch vertreten, müssen über die Unternehmen und allfällige Veränderungen unbedingt Bescheid wissen», sagt Peter Erni.

Ruag will Raumfahrt stärken ...

Die kleine, aber feine Schwei-zer Raumfahrtbranche ist bereits seit längerem in Bewegung. Den jüngsten Wachstumsschritt machte Ruag: Der Technologiekonzern – privatrechtlich organisiert, aber zu 100% in Besitz des Bundes – übernahm vor rund einen Monat das Space-Geschäft von Saab. Grund: Die Ruag-Konzernstrategie 2010 räumt der Raumfahrt eine «strategische Priorität» ein.

Der Zukauf ist von Bedeutung: Zu den rund 150 Ruag-Angestellten kommen gut 500 Saab-Space-Mitarbeiter hinzu. Damit schwingt sich Ruag, zumindest gemessen am Personal, zum grössten Schweizer Raumfahrtunternehmen auf.

Im Vergleich dazu beschäftigt OC-Oerlikon-Tochter Oerlikon Space, Vertragspartner und Wettbewerber von Ruag zugleich, rund 300 Angestellte. Die übrigen gut zwei Dutzend Schweizer Firmen, die im Space-Bereich aktiv sind, sind Klein- und Kleinstbetriebe. Umsätze auf Spartenebene geben sowohl Ruag als auch OC Oerlikon nicht bekannt.

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Ruag habe die Expansionspläne im Raumfahrtbereich nicht abgeschlossen, bestätigten involvierte Ruag-Manager. Das Unternehmen wolle seine Präsenz auf diesem Markt weiter stärken.

... und blickt auf Oerlikon Space

Die Fragezeichen, welche die Kunden von Oerlikon Space hinter die neuen russischen Besitzer gesetzt haben, kommen Ruag gelegen: Das ohnehin nicht sehr lukrative Raumfahrtgeschäft könnte, so hoffen Ruag-Manager, bald einmal auf die Devestitionsliste der Eigner aus dem Osten rutschen. «Dann würden wir uns das Unternehmen natürlich genau ansehen», sagt ein Firmenkenner.

Oerlikon-CEO Uwe Krüger sagt aber auf Anfrage: «Oerlikon Space bleibt ein Kerngeschäft. Es hat sich hervorragend entwickelt und liefert gute Ergebnisbeiträge. Unsere Pläne zielen darauf ab, das Geschäft weiter auszubauen.»

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