Erstmals in seiner Geschichte hat der russische RTS-Interfax-Index – quasi der SMI oder Dow Jones von Russland – am 16. April die Marke von 2000 Punkten gemeistert. An dieser Barriere hatte sich der Leitindex, der allerdings am folgenden Tag wieder knapp unter diese charttechnisch wichtige Linie rutschte, seit Anfang des Jahres in mehreren Anläufen vergeblich versucht. «Mit der 2000-Punkte-Marke ist der Traum einer ganzen Generation von Anlegern in Erfüllung gegangen», sagte Alexander Paramonow, Analyst bei der Moskauer Brokerfirma AK Bars Finance. Erst am 1. September 1995 war der RTS, der von Öl- und Gaswerten dominiert ist, mit einem Ausgangswert von 100 Punkten gestartet.

Dabei lautet die Erfolgsformel der Moskauer Marktteilnehmer: Kremlnähe zahlt sich aus. Es sind gerade die Aktien von staatlich kontrollierten Unternehmen aus dem Rohstoff-, Energie- und Bankensektor (Rosneft, RAO UES, Sberbank) sowie privat geführte, aber dem Kreml gegenüber loyale Rohstoffmonopolisten wie Norilsk Nickel, die die Fantasie der Anleger anregen. Einzige, aber gewichtige Ausnahme ist das Unternehmen Gazprom. Der Erdgaskonzern dümpelt mit einer Marktkapitalisierung von 245 Mrd Dollar auf dem Niveau von Anfang 2006 vor sich hin. Gazprom steht, da es in der Vergangenheit von der Substanz gelebt hat, vor gewaltigen Investitionen, deren Finanzierung unklar ist.
Der «Generalplan für die Entwicklung der Erdgasindustrie bis 2030» sieht Gesamtinvestitionen von bis zu 430 Mrd Dollar vor. Die Wette auf eine Kursrally ist keine Wette auf die Demokratie oder gar einen Machtwechsel. Das brutale Vorgehen des Kreml gegen die Opposition, die Erosion von Menschen- und Bürgerrechten mindert die Kauflust nicht. Vielen Investoren ist am Status quo gelegen, der auch vom Ausgang der Parlamentswahlen im Dezember und der Präsidentenwahlen im März 2008 nicht erschüttert werden sollte. Dabei scheint selbst den Kremlinsassen unklar zu sein, wer Russland in einem Jahr regieren wird.

Wachstumskurs seit 1999

Grundsätzlich sprechen solide, aber auch nicht überschwängliche Kennziffern für Russland. So wird sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr von 6,8% nach einer Prognose des IWF auf 6,4% abschwächen und 2008 nur noch 5,9% betragen. Russlands Ökonomie ist nunmehr seit 1999 auf einem anhaltenden Wachstumskurs. Langsamer als früher werden in diesem Jahr aber auch die Gewinne der im RTS-Index vertretenen Unternehmen steigen. Legten sie 2006 noch um 31% zu, wird in diesem Jahr ein Plus von 13,2% erwartet.
Hermitage Capital Fund, einer der grössten Finanzinvestoren in Russland, lobt die «hervorragenden Fundamentaldaten», die sich noch immer nicht vollständig in den Kursen widerspiegelten. Hermitage-Gründer Bill Browder kann jedoch auch eine andere, etwas traurigere Russland-Hymne anstimmen. Er hatte einige Staatskonzerne kritisiert und darf seitdem nicht mehr nach Russland einreisen.
Gerade die Erdölkonzerne könnten, prognostiziert die Moskauer Alfa Bank, Enttäuschung
unter Anlegern hervorrufen. Die enorm hohe Besteuerung mache es für die Ölgesellschaften weitgehend unrentabel, neue Felder zu erschliessen. Vor solchen Schwierigkeiten ist Rosneft gefeit. Die Analysten von der Deutschen UFG hoben das Kursziel von 9,45 auf 14,5 Dollar an. Damit bewerteten sie die zweitgrösste Ölgesellschaft in Russland mit 153,6 Mrd Dollar.
Rosneft wurde vor allem zum Liebling der Analysten, weil der Konzern beste Chancen hat, bei den Zwangsversteigerungen des bankrotten Konkurrenten Yukos die verbliebenen Aktiva weit unter Wert aufzukaufen.

Börsengänge beflügeln Banken

Die Sberbank, das mit Abstand grösste Kreditinstitut in Russland, scheint vom Boom rund um den bevorstehenden Börsengang der Vneshtorgbank (VTB) zu profitieren. «Wir sagen ja nicht, dass die Sberbank die beste Bank der Welt ist. In Russland gibt es jedoch kein zuverlässigeres Kreditinstitut. Die Sberbank hat das grösste Filialnetz und kann mehr als alle anderen vom Wachstum des Bankensektors profitieren», argumentiert ein Analyst bei der UBS.

Anzeige