Zürich, Hotel Marriott, Mitte Januar: Über 100 Vertreter von kleinen und mittleren Unternehmen aus der ganzen Schweiz sind in die Stadt an der Limmat gereist, um sich eins zu eins vom Vertreter der «Opora Russia» über das Investitionsklima in Russland aufklären zu lassen. Was Economiesuisse für die Schweiz, ist «Opora Russia» für Russland. Ihr oberster Chef, Sergej Borisov, wirbt auf Einladung der Osec bei den Schweizer KMUs persönlich für seine Heimat. Am Rande der Tagung versucht Borisov, die Bedenken der Anwesenden bezüglich einer wachsenden Rechtsunsicherheit in Russland zu zerstreuen.

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Szenenwechsel. Moskau, Februar 2004. Die russischen Zeitungen sind voll von Artikeln zu den aktuellen Entwicklungen des Landes. «Wohin steuert Russland?», «Gerät die Jukos-Hexenjagd ausser Kontrolle?», fragen sich die Autoren. Seit dreieinhalb Monaten sitzt der russische Oligarch und Unternehmer Michail Chodorkowskij unter anderem wegen Steuerhinterziehung und anderen kriminellen Machenschaften im Moskauer Gefängnis «Matrosenruhe». Die russische Justiz wirft dem nach Fördermenge grössten russischen Ölkonzern Jukos vor, den Staat um insgesamt 5 Mrd Dollar betrogen zu haben. Das konzertierte Vorgehen von Staatsanwaltschaft, Geheimdienst, Ministerien, Polizei und Justiz gegen den reichsten Mann Russlands und den grössten Konzern des Landes hat die Business-Welt in Aufruhr versetzt.

Auch die in Russland tätigen rund 140 Schweizer Unternehmen verfolgen die Entwicklung. Eine Umfrage allerdings fördert ein überraschendes Ergebnis zu Tage: «Schade, aber nicht wirklich schlimm», fasst einer der befragten Unternehmensvertreter den Grundtenor in der Investorengemeinschaft zusammen.

Keine Angst

«Chodorkowskij ist dem Präsidenten Putin wegen seiner politischen Ambitionen zu gefährlich und als Chef von Jukos auch wirtschaftlich zu stark geworden», sagt der seit über fünf Jahren in Russland tätige Geschäftsmann. «Das kann uns nicht passieren, weil wir als kleine Unternehmen gar nie in diese Rolle kommen. Deshalb brauchen wir uns nicht zu fürchten», sagt er.

Von einer Verschlechterung des Investitionsklimas will keiner der 15 Befragten reden. Im Gegenteil: «Das Investitionsklima hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Das hat uns dazu bewogen, hier im letzten Jahr eine Repräsentanz zu eröffnen», sagt Christof Blatter, Leiter der Vertretung von Geberit in Moskau. «Wir sind ein relativ kleines Unternehmen und sind weder im Rohstoffmarkt noch im Energiesektor tätig, die hier in Russland als strategisch wichtig eingestuft und entsprechend politisiert werden. Für uns ist entscheidend, dass viel gebaut wird.»

Nicht nur gebaut wird viel, das Land boomt: Höhere Ölpreise bescheren Russland seit 1999 jährlich ein hohes Wachstum. Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandprodukt um 7,3%, real stiegen die Einkommen durchschnittlich um 14%. Die Staatsfinanzen, die 1998 die Krise verursachten, sind unter Kontrolle, Reformen eingeleitet.

«Zweifelsohne kann Russland für Unternehmen ein unberechenbares und manchmal schwieriges Land sein, die Problempalette reicht von Schwierigkeiten von Zulieferern bis ausufernder Bürokratie», sagt Jennifer Galenkamp, die Pressesprecherin von Nestlé in Russland. «Man darf aber nicht vergessen, dass Russland den Übergang zu einer Marktwirtschaft erst vor einem Jahrzehnt begonnen und die Entwicklung über diesen Zeitraum wirklich bemerkenswert ist. Kommt noch ein schlagkräftiges Argument dazu: 145 Mio Konsumenten, deren Verbrauch von hochwertigen Nahrungsmitteln noch immer weit unter dem europäischen Durchschnitt liegt», sagt Galenkamp.

Dass das Potenzial höher ist als die Risiken, glaubt auch der Zementhersteller Holcim. «Russland ist ein Markt, der bezüglich Bau und Zementverbrauch noch über grosse Wachstumspotenziale verfügt ganz im Gegensatz zu den gesättigten Märkten in Europa», sagt Roland Walker, Head Corporate Communications von Holcim. Holcim hat bereits 1994 eine erste Minderheitsbeteiligung in Russland erworben. Mitte Januar 2004 stockte das Unternehmen seine Beteiligung an einem russischen Zementhersteller weiter auf und verfügt nun über die Mehrheit. «Die Jukos-Affäre hat unseren Entscheid nicht beeinflusst. Wir sind der Auffassung, dass diese Affäre die Rechtssicherheit und damit die Direktinvestitionen ausländischer Konzerne in Russland nicht wirklich tangiert.»

Immer mehr Schweizer Firmen wollen sich den schnell wachsenden Markt erschliessen. «Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Anfragen von Firmen um mehr als 40%», beobachtet Tony Moré, der Leiter des Swiss Business Hub in Moskau.

Und die Unternehmen, die schon da sind, bauen aus. «Das wirtschaftliche Potenzial ist speziell in Moskau und St. Petersburg sehr gross und wächst weiter. Langsam spüren wir auch die steigende Nachfrage aus den Regionen», sagt Christof Blatter. Geberit beschäftigt zurzeit sechs Mitarbeiter, plant aber noch in diesem Jahr, einen neuen Mitarbeiter einzustellen. «Die Marktstrukturen entwickeln sich, und der Konkurrenzkampf ist sehr intensiv. Der Markt hat sich von einem Verkäufermarkt zu einem Käufermarkt gewandelt. Wer jetzt nicht kommt, riskiert den Anschluss zu verlieren.»

Schweiz - Russland: Immer intensivere Beziehungen

Noch ist Russland für die Schweizer Wirtschaft ein kleiner Partner. Nur gerade 0,8% aller Exporte gingen 2003 nach Russland. Allerdings wächst der Export in das sich rasch entwickelnde Land seit Jahren überdurchschnittlich: Während das gesamte Exportvolumen im Vergleich zu 2002 weltweit stagnierte, legten die Exporte nach Russland um 20% zu. Zurückzuführen ist der starke Anstieg vor allem auf die grosse Nachfrage nach Chemikalien und verwandten Erzeugnissen, Maschinen, Apparaten, Elektronik, Präzisionsinstrumenten und Uhren. Diese Güter machten 2003 fast 80% der Exporte nach Russland aus.

Wie die Credit Suisse in einer Studie (Direktinvestor Schweiz: Mitspielen in der obersten Liga) schreibt, ist für den Entscheid, im Ausland zu investieren oftmals weniger die Suche nach günstigeren Ressourcen ausschlaggebend als vielmehr die Nähe zu Absatzmärkten. Deshalb fliessen Direktinvestitionen primär in die EU, Efta-Länder sowie in die USA. Nach Russland flossen 2003 nur gerade 0,33% der von Schweizer Unternehmen weltweit getätigten Direktinvestitionen. (as)


Tony Moré: «Image ist schlechter als die Wirklichkeit»

Tony Moré ist Managing Director des Swiss Business Hub in Russland. Seit Dezember 2002 haben Schweizer Unternehmen eine Anlaufstelle in Moskau.

Hat sich das Business-Klima in Russland mit der Jukos-Affäre verändert?

Russland hat für Unternehmen bislang nicht an Attraktivität verloren, aber das eh schon schlechte Image Russlands hat durch die Affäre weiter gelitten. Für Schweizer Unternehmen, die hier tätig sind, hat sich nichts geändert. Noch nicht. Wir verfolgen die Entwicklung natürlich und beobachten, was passiert. Was genau hinter der Jukos-Affäre steckt, ist nicht ganz klar, wie viele andere Beobachter verspreche ich mir Klarheit nach den Präsidentschaftswahlen vom 14. März.

Gibt es Reaktionen von Schweizer Unternehmen?

Ich bin in sehr engem Kontakt mit den rund 140 Schweizer Unternehmen, die in Russland, vor allem in Moskau und St. Petersburg, tätig sind. Ich weiss von keinem Fall, wo ein Unternehmen in irgendeiner Weise auf die Affäre reagiert hätte. Wir bekommen generell nur selten Klagen zu hören und wenn, dann über Bürokratie und Korruption: Das Image Russlands war schon vor der Verhaftung von Michail Chodorkowskij schlechter als die Wirklichkeit. Die Unternehmen, die hier sind, sind bis auf wenige sehr zufrieden mit ihren Geschäften.

Der Business Hub will vor allem auch KMU nach Russland holen. Ist der russische Markt nicht zu schwierig für kleine Unternehmen?

Russland ist schwierig. Aber Russland hat auch Potenzial. Das Geschäftsrisiko ist beträchtlich, für kleine Unternehmen bedeutet das deshalb, dass ein Schritt nach Russland sehr gut geplant werden muss. Auch aus diesem Grund wurde übrigens der Business Hub eröffnet. Wir helfen bei der Beschaffung von Informationen über den russischen Markt und bei der Suche von Partnern und können so beitragen, dass das Risiko minimiert wird. Zudem haben wir soeben einen Zusammenarbeitsvertrag mit dem russischen Unternehmer-Verband Opora unterzeichnet.

Für welche Schweizer Unternehmen gibt es in Russland einen Markt?

Grundsätzlich als Zulieferer, vor allem für die Auto- oder Textilindustrie, die sich langsam wieder erholt. Allgemein gilt, dass in Russland wieder mehr selber produziert wird, im Nahrungsmittelbereich zum Beispiel eröffnet das Möglichkeiten für Unternehmen aus dem Verpackungssektor. Möglichkeiten gibt es aber auch im Tourismus und bei den Finanzdienstleistungen.


Kontakt: Schweizer Business Hub c/o Schweizer BotschaftSretenskij Boulevard 6/1, 101000 Moskau, Russland
Tel. 007 095 921 50 61
Fax 007 095 921 16 27
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