Sucht man einen Ausgangspunkt für die Norilsk-Saga, bietet sich der Skiort Courchevel in den Savoyer Alpen an. Dort feierte Russlands Geldadel Neujahr 2007. «Die Getränke sind härter, die Wörter kürzer. So ist es leichter», sang die russische Band «Swery» («Die Tiere»). Die trunkene Menge rockte. Der russische Oligarch Michail Prochorow, laut Forbes-Liste 21,5 Mrd Dollar schwer, hatte die Band ebenso aus Moskau im Privatjet eingeflogen wie zwei Dutzend Mädchen. Die Sause endete hinter Gittern.

Die Party hatte mehr als nur Kopfschmerzen, Anwaltskosten und schlaflose Nächte auf einer Polizeistation zur Folge. Prochorow und sein Geschäftspartner Wladimir Potanin, ebenfalls 21,5 Mrd Dollar reich, trennten danach ihre Geschäftsgemeinschaft. 16 Jahre lang hatten sie gemeinsam das mächtige Industrieimperium Interros aufgebaut. Dazu gehört auch Norilsk Nickel, einer der wichtigsten russischen Rohstoffgiganten.

Deripaska agiert mit Vekselberg

Von Trennung in aller Freundschaft kann keine Rede sein. Das Duo Prochorow/Potanin hält 54% an Norilsk Nickel. Prochorow vereinbarte den Verkauf seiner Sperrminorität von 25% plus einer Aktie an Oleg Deripaska, reichster Russe mit einem Vermögen von geschätzten 40 Mrd Dollar. Er holt damit seinem Ex-Partner einen der aggressivsten Unternehmer Russlands ins Haus. Im Gegenzug erhält Prochorow 11% an Deripaskas Aluminiumholding UC Rusal und eine finanzielle Kompensation von geschätzten 6 Mrd Dollar. Das Geschäft soll bis Ende März abgeschlossen sein.

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Deripaska agiert im Tandem mit Rusal-Mitaktionär Viktor Vekselberg. Der lässt seither keine Gelegenheit aus, um von einer Fusion UC Rusal und Norilsk Nickel zu sprechen. Es gehe um die Gründung eines global agierenden Konzerns mit 100 Mrd Dollar Börsenwert. Dieser wäre der Weltmarktführer für so begehrte Rohstoffe wie Nickel, Aluminium, Edelmetalle und Palladium.

Was Norilsk Nickel so reich macht, ist in kunstvoll beleuchteten Vitrinen im Moskauer Hauptquartier des Konzerns in der Wosnesenski-Gasse zu sehen. Dort liegen Gesteinsbrocken, in denen Spuren von Nickel, Kupfer, Platin und Palladium eingeschlossen sind. Sie wurden nördlich des Polarkreises gefördert.

Wie eine Fusion von UC Rusal und Norilsk Nickel in der Praxis aussehen kann, ist offen. Klar ist nur, dass Deripaska & Co. nicht über genug Finanzmittel verfügen, um Norilsk Nickel zu kaufen. Zudem ist das Unternehmen nicht allein eine innerrussische Angelegenheit. Der Konzern hat Aktionäre in aller Welt.

So halten Anleger aus Deutschland etwa 7,5% des Kapitals. Die Norilsk-Saga hat zudem an Spannung gewonnen, seit ein Weisser Ritter, also ein alternativer Kaufinteressent, mitmischt. Die Investmentbank Dresdner Kleinwort liess im Auftrag der russischen Metallurgieholding Gazmetall/Metalloinvest nachfragen, ob es für Norilsk Nickel nicht eine andere Kombination ausser der mit UC Rusal geben könnte.

Hinter Gazmetall/Metalloinvest steht der Oligarch Alischer Usmanow, ein schwergewichtiger Mann mit einem Vermögen von 13,3 Mrd Dollar. Er ist der Weisse Ritter. Usmanow, erzählt Morgan, habe im Gegensatz zu UC Rusal Unterlagen zur Unternehmensbewertung geschickt. «Wir prüfen nun diese Idee. Wir haben zum heutigen Zeitpunkt einen guten, offenen Dialog.» Gazmetall/Metalloinvest ist einer der weltweit grössten Produzenten von Eisenerz. Das würde gut zu Norilsk Nickel passen. Analysten schliessen nun gar eine Fusion Norilsk Nickel-Gazmetall/Metalloinvest-UC Rusal nicht aus. Dann entstünde ein 120 Mrd Dollar teurer Bergbaukonzern. Doch wie sollen sich all die Charaktere vertragen, die es bislang gewohnt waren, unumschränkt zu herrschen? Bislang ist nicht abzusehen, welcher der Oligarchen sich durchsetzen könnte. Es geht jetzt wohl darum, den Wahrheitsgehalt eines geflügelten Worts von Ex-Premier Viktor Tschernomyrdin zu widerlegen. «Wir wollten das Beste, aber leider wurde es so wie immer.»

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