Russland fasst seine grössten Autohersteller in einer Holding zusammen. Experten bezweifeln, dass das die maroden Unternehmen retten kann. Denn auch wenn man sie zusammenspannt: Zwei Einbeinige laufen nicht wie ein gesunder Mensch. So kommentierte ein russischer Beamter den Entschluss, die staatlichen Beteiligungen im Autosektor in einer neuen Holding namens Rosavto zu bündeln. Es war eine alte Idee, die da aus der Schublade geholt wurde - und fast alle Kommentatoren fragen sich: Warum nur?

Konkret sollen 25% am grössten russischen Autobauer Avtovaz, 37,8% am führenden Nutzfahrzeugbauer Kamaz und andere kleinere Staatsbeteiligungen vereint werden. Betroffen sind auch westliche Konzerne: Renault hält 25% an Russlands grösstem Autobauer Avtovaz, Daimler hat Ende 2008 für 190 Mio Euro 10% von Kamaz gekauft.

Der Schritt der Russen geht einher mit einem Führungswechsel bei Avtovaz - laut der russischen Zeitung «Kommersant» auch der Hauptgrund für das Projekt. Die anderen sind Zugang zu billigeren Darlehen und verbilligten Zukäufen durch die grössere Struktur. Allein, Synergien unter einem gemeinsamen Dach seien nicht zu erwarten, meint Michail Pak, Analyst der Investitionsgesellschaft Metropol: Eine zusätzliche Managementstruktur verlangsame die Entscheidungsprozesse weiter, und auch sei nicht klar, wie die ausländischen Anteilseigner in die verschiedenen Abläufe künftig eingebunden würden.

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Autoverkauf sank um 50 Prozent

Russlands Automarkt, der im Vorjahr zum zweitgrössten Automarkt Europas aufgestiegen war, befindet sich nach einem katastrophalen Einbruch in einer tiefen Talsohle. Ist die Gesamtwirtschaft im 1. Halbjahr um 10,1% eingebrochen, ging der Autoabsatz in den ersten sieben Monaten laut einem Bericht der Vereinigung europäischer Unternehmen (AEB) in Russland um 50% auf noch 879144 Fahrzeuge zurück.

Platzhirsch Avtovaz, bei dem nach einmonatigem Zwangsurlaub wieder ein Teil der Bänder angelaufen ist, verkaufte im gleichen Zeitraum 212296 seiner Lada-Modelle, 44% weniger als im selben Zeitraum im Vorjahr. Im 1. Halbjahr hat Avtovaz seinen Verlust dramatisch ausgeweitet. In den ersten sechs Monaten 2009 lief ein Fehlbetrag von umgerechnet 445 Mio Euro auf. Im Vorjahreszeitraum hatte er bei 43,6 Mio Euro gelegen. Der Umsatz sank auf 1,22 Mrd Euro - von 2,26 Mrd Euro. Avtovaz hat bereits Gehälter gekürzt, Kurzarbeit eingeführt sowie im grossen Stil Stellen abgebaut.

Der russische Autobauer hatte wie Konkurrent GAZ Interesse an einer Kooperation mit der früheren General-Motors-Tochter Opel angemeldet, die in Kürze mehrheitlich von der russischen Sberbank und dem kanadischen Autozulieferer Magna übernommen werden soll.De facto habe die Produktion bei Avtovaz keine Zukunft, meinte noch im Juni Sberbank-Chef German Gref. Sein damaliger Vorschlag: Das Werk in der Wolgastadt Togliatti, von dessen 705000 Einwohnern ein Siebtel bei Avtovaz arbeitet, solle dem französischen Management überantwortet werden oder eine Allianz mit Opel und Magna gründen.

Marktexperten sehen in der jetzigen Wirtschaftskrise die letzte Chance für das Traditionswerk, die Produktionskosten für die bestehenden Modelle radikal zu verringern und schleunigst neue Modelle zu starten.

Der Staat, der Avtovaz seit 15 Jahren stützt, hat dem Unternehmen seit Anfang der Krise beispiellos umgerechnet 870 Mio Fr. zinslosen Kredit für ein Jahr zugebilligt. Die Schulden belaufen sich auf umgerechnet 2,1 Mrd Fr.

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Russland protegiert Industrie

Auch der Lastwagenbauer Kamaz braucht Milliardeninvestitionen für einen technologischen Sprung. Fürs Erste profitiert aber auch dieser Hersteller von der staatlichen Intervention. Zu Jahresbeginn waren die Schutzzölle für Lastwagen angehoben worden: So konnte man im Segment der Lastwagen zwischen 14 und 40 t den Marktanteil im 1. Halbjahr 2009 gegenüber 2008 auf 58,5% verdoppeln - vor allem auf Kosten der ausländischen Konkurrenten: Ihr Anteil ging von 51,3 auf 21,1% zurück.