Hinter den Kulissen fand ein harter Kampf um Industriestandorte und Arbeitsplätze statt. Auf dem Genfer Automobilsalon wurde die Entscheidung einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert (Bob) Lutz bekannt gegeben. «Wir glauben, dass die, auch in Zukunft genügend Anhänger findet, um die Marke zu erhalten», erklärte Vice Chairman «Bob» Lutz die neue GM-Strategie.

Seine beruhigenden Worte überdecken allerdings ein hartes Stück Realität: Mit der Lancierung der nächsten Modellgenerationen Saab 9-3 und 9-5 (wahrscheinlich ab 2008) verlagert GM einen Teil der schwedischen Produktion ins Opel-Werk nach Rüsselsheim. In Deutschland rollen dann in erster Linie Modelle vom Band, die hohe Stückzahlen erreichen, während dem angestammten Saab-Werk Varianten der Premiumklasse mit geringeren Volumen vorbehalten bleiben. Um in der Übergangszeit die Kapazität im Mutterwerk Trollhättan besser auslasten zu können, hat GM den Schweden als Sofortmassnahme die Produktion des neuen, kleinen Cadillacs BLS zugesprochen. Er soll im Herbst dieses Jahres oder in der ersten Hälfte 2006 bei den europäischen Händlern stehen.

Saab-Chef nahm den Hut

In Schweden herrscht über den Entscheid der Muttergesellschaft aus Detroit nicht nur eitel Freude. Saab-Generaldirektor Peter Augustsson trat wenige Tage nach der Bekanntgabe der Zukunftsphilosophie zurück. Seine Funktion übernimmt GM-Europa-Präsident Carl Peter Forster. Ihm obliegt es, nicht nur den Produktionsstandort Trollhättan neu auszurichten, sondern die GM-Modellstrategie für Europa als Ganzes durchzusetzen.

«Saab soll dabei keineswegs eine Rolle am Rande spielen», so Lutz in Genf. Es sei geplant, die Produktion der schwedischen Marke von heute rund 120000 Einheiten mit neuen Modellen mehr als zu verdoppeln. Anvisiert werden 250000 Fahrzeuge in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. «Saab», so Lutz, «darf nicht, wie das bisher der Fall war, das Image einer Automarke pflegen, die sich hauptsächlich an Intellektuelle richtet.» «Denn als Autoboutique», formuliert der Vice Chairman pointiert, «hat die Marke keine Überlebenschance.» Die bis heute verfolgte Geschäftspolitik habe General Motors Jahr für Jahr 500 Mio Dollar gekostet.

Ungeachtet der neuen Richtlinien aus Detroit werde General Motors auf regionale Besonderheiten Rücksicht nehmen, sodass die Eigenständigkeit der Marken Saab und Opel gewährleistet bleibe. Dies sei trotz vieler Gleichteile machbar, erläutert Lutz weiter. Ausserdem müsse Saab auch in Zukunft seinem Ruf gerecht werden, in puncto Qualität, Sicherheit und Fahrvergnügen dem Kunden etwas Besonderes zu bieten.

Mehr aus dem GM-Baukasten

Die schwedische Art, Autos zu bauen, werde auch unter den neuen Richtlinien möglich sein. Ziel sei es aber auch, dies betont Lutz immer wieder, kostengünstiger zu produzieren sowie Werkskapazitäten und Komponenten aus dem GM-Baukasten weltweit besser zu nutzen. Eine dieser Komponenten ist die so genannte Epsilon-Architektur; gemeint ist damit eine einheitliche Bodengruppe für verschiedene GM-Marken.

Dass es GM ernst ist mit der neuen Strategie und dass die Zusage der Eigenständigkeit der Marken nicht einfach eine Worthülse ist, beweisen «Bob» Lutz und seine Task Force mit den neuesten in Genf gezeigten Kreationen, dem Saab 9-3 Sport-Kombi und dem kleinen Cadillac BLS. Unterschiedlicher im Aussehen könnten zwei Autos kaum sein, sicher auch zur Erleichterung der Saab-Anhänger. Während der Sport-Kombi als Auto für den Weltmarkt bestimmt ist, bleibt der Baby-Cadillac dem europäischen Markt vorbehalten.

Für Saab sieht die Zukunft damit keineswegs so trüb aus, wie das noch vor dem Genfer Automobilsalon und dem Rücktritt von Peter Augustsson den Anschein hatte. Kommt hinzu, dass in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts verschiedene Neuheiten geplant sind, darunter ein Sport Utility Vehicle (SUV) und ein so genanntes Crossover-Fahrzeug, vergleichbar mit dem XC90 des Konkurrenten Volvo. Diese beiden neuen Saab-Modelle dürften im Premiumsegment angesiedelt sein und würden ­ als Spezialitäten ­ in Trollhättan gebaut.

Ein weiterer Trost für Saab: Auch Volvo konnte seine Eigenständigkeit mit Erfolg bewahren, obwohl die Marke zum amerikanischen Ford-Konzern gehört.

Saab 9-3

Sport-Kombi sorgt für frischen Wind

Der neue, in Genf erstmals gezeigte Saab wird ab Herbst dieses Jahres bei den Händlern stehen. Das Einstiegsmodell ist mit einem Reihen-Vierzylinder-Saugmotor ausgestattet. Das Aggregat leistet 122 PS/110 kW. Der Basispreis beträgt nach Angaben von General Motors Schweiz 38800 Fr. In der Top-Version kommt ein V6-Turbomotor (250 PS/184 kW) zum Einsatz. Derselbe Motor wird auch im Modell Saab 9-5 Aero Wagon eingebaut. Als Treibstoff ist für den 9-5 neben Benzin Aethanol vorgesehen, was auf dem westeuropäischen Markt im Premiumsegment eine Premiere bedeutet. Ausserdem sind für beide Autos ein 1,8-Liter-Benziner 122 PS/90 kW sowie ein 1,9-Diesel (TiD) mit Turboaufladung 120 PS/88 kW geplant. Als Getriebe stehen ein Automat oder eine Schaltversion mit sechs Gängen zur Auswahl. Der Sport-Kombi wird, wie die anderen Saab-Modelle auch, vorerst in Trollhättan gebaut. Erst in ungefähr drei Jahren kommt das neue Produktionsmodell zum Tragen.

Anzeige