Negative Wirtschaftsmeldungen drücken die Aktiennotierungen nach unten. Was braucht es, damit diese Talfahrt beendet wird?

Martin Hüfner: Wir haben eine Wirtschaftskrise, eine Finanzkrise und vielleicht bald eine Sozialkrise. Bei der Wirtschaftskrise scheint sich die Lage dank der umfangreichen Ankurbelungsprogramme etwas zu bessern. Das lässt sich an Konjunkturindikatoren wie dem ISM-Index in den USA, dem Ifo-Index in Deutschland oder dem globalen Baltic Dry Index ablesen. Damit zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass die wirtschaftliche Talfahrt im Spätherbst enden könnte, aber noch nicht in einen Aufschwung mündet. Der Markt müsste positiv darauf reagieren, aber er tut es nicht, weil die Rettungsprogamme für die Banken offensichtlich nicht wirken. Die Finanzkrise ist nicht ausgestanden und die Sozialkrise könnte sich verschlimmern, wenn die Arbeitslosigkeit weiter ansteigt.

Hochkonjunktur haben derzeit vor allem die Crash-Propheten. Manche Schwarzmaler sehen einen langanhaltenden Bärenmarkt, bei dem sich die wichtigen Börsenindizes wie der SMI oder Dax vom jetzigen Niveau aus nochmals halbieren. Können Sie das nachvollziehen?

Hüfner: Ja, diese Position ist verständlich, wenn wir die heutige Situation mit früheren Krisen vergleichen. In der Weltwirtschaftskrise sind die Aktienkurse um 80 bis 90% nach unten gegangen. Wir sind jetzt bei 40 bis 50%. Allerdings wird heute von den Regierungen und Notenbanken auch bedeutend mehr Gegensteuer gegeben als damals. Für mich ist das geschilderte «Worst case»-Szenario nicht das wahrscheinlichste.

Alle grossen Industriestaaten bemühen sich, mit Stützungsprogrammen die Wirtschaft anzukurbeln. Wann trägt das Früchte?

Hüfner: Wir erleben nochmals ein ganz schlechtes 1. Quartal 2009. Das treibt die Arbeitslosigkeit weiter nach oben. Im 2. Halbjahr erwarte ich aber eine Stabilisierung in der Wirtschaftsentwicklung.

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US-Präsident Obama operiert mit einem mehr als verdreifachten Defizit im Staatshaushalt, um damit für wirtschaftliche Impulse zu sorgen. Verpufft das im laufenden Jahr wirkungslos?

Hüfner: Das Programm von knapp 800 Mrd Dollar geht über drei Jahre, wobei 2009 nur ein kleiner Teil von rund einem Fünftel wirksam wird. Insgesamt bin ich zuversichtlich, dass die Stimulierung gelingt, wenn auch etwas spät.

Die USA stecken tief in einer Rezession. Wird der wirtschaftliche Abschwung im 2. Halbjahr gebremst?

Hüfner: Ja, nach einem Minuswachstum von 6 bis 8% im 1. Quartal sollte im späteren Jahresverlauf eine Stabilisierung erreicht werden. Ich sehe konjunkturell ein «W», bei dem sich Auf- und Abwärtsbewegungen folgen. Wir sollten uns darauf einrichten, dass der wirkliche Aufschwung 2010 oder auch erst 2011 kommt.

Alle blicken gespannt nach Übersee. Ist die amerikanische Konjunktur der Schlüssel für eine weltwirtschaftliche Erholung?

Hüfner: Nein, die Amerikaner bestreiten heute lediglich noch 20 bis 25% des weltweiten Sozialproduktes. Das ist nicht mehr als die Europäer dazu beitragen. Selbstverständlich hilft ein Aufschwung in den USA. Auch die Chinesen sind zu einem Faktor geworden, allerdings ist der Beitrag für das globale Wachstum noch äusserst gering.

Zu Beginn der Finanzkrise hiess es, andere Wirtschaftsblöcke wie Europa und Asien hätten sich von den USA abgekoppelt und könnten unabhängig als Wachstumslokomotiven dienen. War das etwas allzu optimistisch?

Hüfner: Die Diskussion rund um eine Entkoppelung von einzelnen Wirtschaftszonen zielt in eine falsche Richtung. Wir leben in einer multipolaren Welt. Die Europäer sind genau so von den Amerikanern abhängig wie umgekehrt und insgesamt vom Rest der Welt.

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Kommen von den Emerging Markets wie China, Indien oder Brasilien gewisse Impulse?

Hüfner: Ja, die chinesische Wirtschaft wird in diesem Jahr noch wachsen, wenn auch in einem geringeren Ausmass als zuvor. Allerdings war die These falsch, dass der wirtschaftliche Aufschwung in den Schwellenländern von den konjunkturellen Effekten nicht tangiert wird. Das gilt sowohl für China, wie auch für Indien, Brasilien oder Osteuropa.

Die Anleger sind aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage vor allem im Geldmarkt engagiert und halten umfangreiche liquide Mittel. Ist es noch zu früh für einen Einstieg am Aktienmarkt?

Hüfner: Wer im letzten Jahr genügend Liquidität gehalten hat, war König in der Anlageszene. Ob man jetzt wieder in Aktien investieren soll, hängt nicht nur von konjunkturellen Indikatoren ab. Wichtig ist auch der Blick auf die enorm gewachsene Staatsverschuldung. Angesichts dieses drohenden Inflationspotenzials ist Liquidität nicht die richtige Antwort. Gold ist eine Möglichkeit, aber es drängen sich auch Sachwerte in Form von Aktien auf. In erster Linie denke ich an die grossen, soliden Blue-Chip-Titel. Die Kurse sind sehr stark gefallen. Das Argument, Aktien zu kaufen, ist heute besser als vor zwölf Monaten, allerdings mit einer langfristigen Perspektive von mindestens drei Jahren. Zwischenzeitlich können die Notierungen nochmals nach unten gehen.

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Ein Sprichwort sagt, der Boom beginne in der Krise und nicht bei schönem Wetter. Da kann man den richtigen Zeitpunkt für ein Investment auch verpassen.

Hüfner: Durchaus. Es lässt sich noch krasser ausdrücken: Man wird eigentlich nie den richtigen Zeitpunkt finden. Deshalb sind grundsätzliche Überlegungen angebracht. Wer glaubt, die Krise werde sich verschärfen, der sollte warten. Wenn man aber Angst vor Währungsreformen und der Inflation hat, dann sind Sachwerte angezeigt.

Bei den Festverzinslichen wird die Nullprozent-Grenze anvisiert. Alternativen zeichnen sich in diesem Sektor kaum ab.

Hüfner: Für die Staatsanleihen trifft dies zu. Bei den Unternehmensanleihen sieht es etwas anders aus. In diesem Segment können bei entsprechendem Risiko ordentliche Renditen erzielt werden.

Lauern nach der Deflation bereits erste Inflationsgefahren?

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Hüfner: Ja. Die Angelsachsen sehen vorab die Deflationsgefahren, die Europäer eher die Inflationsgefahren. In diesem Sinne bin ich Europäer. Wir haben in Friedenszeiten noch nie eine derartige Ausweitung der Liquidität und der Staatsverschuldung erlebt.

Der Aktienmarkt signalisiert einen Wirtschaftsaufschwung in der Regel sechs bis acht Monate im Voraus. Geschieht das noch im 1. Halbjahr 2009?

Hüfner: Ich gehe nicht davon aus. Denkbar ist eine Bärenmarktrally, der ich aber nicht trauen würde. Wir haben das übliche Muster: «Sell in May and go away.» Aber vielleicht stimmt das in der Krise nicht. Wir sollten im Mai überprüfen, ob sich die Dinge zum Guten wenden. Das entscheidende Kriterium wird sein, ob es eine Verbesserung bei der Finanzkrise gibt.

Viele Analysten erwarten für 2009 einen positiven Verlauf des SMI. Ist das vor allem Wunschdenken nach einem miserablen Aktienjahr 2008?

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Hüfner: Ich denke schon, dass hier Wunschdenken eine Rolle spielt. Die ersten drei Monate haben erneut deutliche Verluste gebracht.

Da gibt es einiges aufzuholen.

Hüfner: Ja, diese Minuszahlen müssen zuerst kompensiert werden. Wenn wir Glück haben, kommen wir zum Jahresende gerade auf null zu null heraus.

Lohnt es sich für die Anleger, im jetzigen Börsenklima sehr defensiv zu agieren?

Hüfner: Eine defensive Strategie ist sinnvoll. Interessant sind die grossen, nicht hoch verschuldeten Unternehmen, die in Sektoren die Trends abbilden, wie etwa Gesundheit und Pharma.

Wie sieht es bei zyklischen Titeln aus?

Hüfner: Da würde ich heute noch nicht investieren.

Hoch im Kurs sind Unternehmen, die von den massiv erhöhten Infrastrukturausgaben profitieren können. Werden da falsche Erwartungen geweckt?

Hüfner: Nein, einzelne Unternehmen können hier durchaus profiteren. Es wird aber viel Geld in diesen Sektor gepumpt. Entsprechend zeichnen sich auch Gewinner ab. Wird die Konjunktur zusätzlich auch noch über Steuersenkungen angekurbelt, dürften auch konsumnahe Aktien attraktiv werden. Vorderhand ist der Fokus aber ganz klar bei den Infrastrukturen.

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Das müsste Aktien aus dem Bau und dem baunahen Bereich beflügeln?

Hüfner: Ja, aber nicht der Wohnungsbau, auch nicht der gewerbliche Bau, wohl aber der öffentliche Bau.

Welche geografischen Räume haben am meisten Erholungspotenzial?

Hüfner: Einiges spricht für die Vereinigten Staaten. Das Land hat aber nicht nur konjunkturelle Sorgen, sondern auch ein Strukturproblem. Sowohl die Automobilindustrie, die Banken wie auch die Immobilienbranche müssen strukturelle Fortschritte machen. Nebst den amerikanischen Titeln würde ich auf Schweizer und auf Aktien des übrigen Europa setzen. Japan muss man klar untergewichten, weil es tief in einer Rezession steckt. Skeptisch bleibe ich auch gegenüber den Schwellenländern.