Das jüngste Dotcom-Märchen endet vorerst mit einem Happyend. Nach monatelangem Hin und Her ist die Silicon-Valley-Firma Salesforce.com seit dem 23. Juni 2004 an der Börse. Und enttäuscht als beste amerikanische Erstemission des Jahres weder die Wall Street noch die Technologiebranche.

Die seit dem Crash im Frühjahr 2000 schwer gebeutelte IT-Wirtschaft setzt ganz besonders grosse Hoffnungen auf den rasant wachsenden Softwareanbieter mit dem unorthodoxen Geschäftsmodell. Im Gegensatz zur Konkurrenz verkauft Salesforce.com Unternehmenssoftware für das Manage-ment von Kundenbeziehungen (CRM), die nicht lokal auf Computern oder Servern installiert werden muss. Die Anwendung läuft im Internet-Browser, sämtliche Daten werden auf dem Salesforce.com-Zentralrechner gespeichert.

Die Platzhirsche im Markt für derartige Applikationen wie etwa Siebel, Oracle, SAP oder Peoplesoft setzten dagegen seit jeher darauf, für ihre Business-Programme teure Lizenzen zu kassieren völlig unabhängig davon, wie bzw. wie oft man die Applikationen nutzt. Der San Franciscoer Web-Softwareanbieter verlangt für seine Dienstleistung dagegen eine «All inclusive»-Monatsgebühr von 60 Dollar für jeden Nutzer. Ausserdem ist der Servicevertrag jederzeit kündbar. Fast 150000 User sollen die web-basierten Applikationen mittlerweile im Geschäftsalltag einsetzen.

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Beim Salesforce-Angebot entfällt zudem die kostspielige und zeitraubender Installation der Anwendungen. Kunden sparen sich auch Updates, Schulungen oder speziell qualifizierte Tech-Experten, Berater oder IT-Abteilungen.

Simpler Ansatz

Dass dieser Ansatz simpel und effizient ist und nicht zuletzt das finanzielle Risiko grosser IT-Investitionen minimiert, überzeugt immer mehr Kunden. Mehr als 9800 Klienten zählt der Marktführer im noch jungen Markt für Online-CRM-Applikationen inzwischen. Tendenz rasant steigend was auch bezüglich des Umsatzes gilt: Im vergangenen Jahr konnte man diesen auf 96 Mio Dollar gegenüber dem Jahr 2002 fast verdoppeln. Im ersten Quartal 2004 konnte Salesforce.com um weiter 84% zulegen.

Massiven Marketinginvestitionen zum Trotz schreibt man inzwischen auch (fast) schwarze Zahlen: Sofern man die Kosten für Aktienoptionen für Angestellte nicht mit einkalkuliert, konnten die Kalifornier für das letzte Geschäftsjahr einen Minigewinn von 3,5 Mio Dollar verbuchen.

Firmengründer und -CEO Marc Benioff rechnet bereits fest damit, dass sich sein Discount-Geschäftsmodell mittelfristig in der gesamten Branche durchsetzen wird. Und da Salesforce.com die Basistechnologie besitze, werde seine E-Firma («Das letzte echte Dotcom», so Benioff) ganz vorne mitspielen und zu einer Art Microsoft für Online-Anwendungen werden, so der illustre CEO und Ex-Oracle-Manager mit Zweitwohnsitz in Hawaii.

Experten zufolge könnte Benioff schlussendlich sogar recht behalten: «Salesforce.com schwimmt ganz oben auf der nächsten Welle: Anti-Software», schreibt der Zdnet-Tech-Kolumnist Michael Parsons. Viele Unternehmen brauchen schliesslich nur den Service, nicht die Software und schon gar nicht die damit verbundenen Probleme.

Das hört man in den Geschäftsleitungen der etablierten Rivalen Siebel, SAP, Oracle & Co aber auch bei Microsoft natürlich überhaupt nicht gerne und rüstet sich daher langsam, aber sicher ebenfalls für den On-demand-Markt. Siebel hat Ende 2003 für 50 Mio Dollar in bar eigens den Web-CRM-Spezialisten und Salesforce.com-Konkurrenten UpShot übernommen.

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Kritiker zweifeln zwar, ob rein webbasierte Softwarelösungen den komplexen Anforderungen von Grosskonzernen gerecht werden können. Mit AMD, Time Warner und Dowjones setzen aber bereits heute Grossfirmen auf die Lösung von Salesforce.com.

Wall Street jubelt

Für die Wall Street dagegen ist das Abo-Gebührenmodell von Salesforce sehr attraktiv, da damit die Umsatzentwicklung gut vorhersehbar ist. Entsprechend positiv startete die 1999 gegründete Webfirma mit dem Tickersymbol «CRM» nun an der New York Stock Exchange (NYSE): Die Aktie schnellte am ersten Handelstag bei einem IPO-Preis von 11 Dollar und einem Eröffnungskurs von 15.50 Dollar auf über 17 Dollar und somit um um 56% hoch. Investoren fühlen sich an die Hochtage der Dotcom-Mania Ende der 90er Jahgre erinnert.

Eigentlich hätte der neben dem bevorstehenden Google-IPO erwartungsvollste Börsengang des Jahres schon vor sechs Monaten stattfinden sollen. Die US-Börsenaufsicht (SEC) hatte die Erstemission jedoch zweimal gestoppt zuletzt auf Grund eines Interviews mit Firmenchef Benioff in der «New York Times» Anfang Mai. Gegenüber den Reportern hatte sich der seit jeher äusserst mitteilungsfreudige 39-Jährige zu neuen Details des IPO geäussert, womit er prompt gegen SEC-Auflagen («quiet period») verstiess. Beim zweiten Anlauf konnte Benioff sein loses Mundwerk nun zügeln.

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Salesforce.com - Letzter Kurs: US $ 16.

(in Mio Dollar) 2003 2002 %

Umsatz 96 51 88

Ebit 4.2 10

Ebitmarge (in %) 4.4

Reingewinn 3.5 9.7