Sammeln ist ein Spleen, evolutionär gerechtfertigt wie jeder andere», meint der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler. Das fing ja schon bei den «Jägern und Sammlern» an. In allen Kulturen, in der Antike, im Mittelalter und in der Renaissance gab es leidenschaftliche Sammler, die alles taten, um an die Objekte ihrer Begierde heranzukommen. Die holländische «Tulpenmanie», die zu Beginn des 17. Jhs. eine Finanzkrise verursachte und viele in den Ruin trieb, gilt als Inbegriff der Verquickung von Sammlerleidenschaft und Marktgeschehen.

Und so lässt sich das, was am 5. Februar 1637 in Alkmaar passierte, durchaus mit dem Ereignis vom 15. September 2008, als Sotheby’s 223 neue Werke von Damien Hirst versteigerte, vergleichen. In Alkmaar wurde für einen Posten von 99 Tulpenzwiebeln der sensationelle Betrag von 90000 Gulden (heute rund 9,5 Mio Fr.) erzielt. Danach brach der Markt ein, und nur die wirklich reichen und wohl auch leidenschaftlichen Züchter konnten weiter ihr Hobby pflegen. Die Tulpenzucht hat das Debakel überstanden und ist bis heute eine Erfolgsgeschichte.

Das Ende des Booms

Auch bei der Hirst-Auktion zeigte sich ein ähnliches Phänomen. Zugeschlagen wurden zwar alle Lose, und das Ergebnis von 145 Mio Euro übertraf jegliche Erwartung. Dann wurde es jedoch stiller. Der Schock des Lehman-Konkurses wirkte sich aus. Viele der ersteigerten Werke wurden nicht abgeholt, nicht bezahlt und blieben damit effektiv unverkauft.

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Zweifelsohne kann diese denkwürdige Auktion rückblickend als das Ende des Booms für Gegenwartskunst betrachtet werden. Doch darüber, ob der Kunstmarkt eingebrochen ist, wird zurzeit eifrig spekuliert. Während die einen die Herbstauktionen 2008 mit einer «kräftigen Wertkorrektur» verhalten optimistisch beurteilten, war anderweitig von einem «Preiseinbruch» die Rede. Ebenso unterschiedlich bewertet wurden die Frühjahrsauktionen. Die Zurückhaltung der Käufer auf den Primär- und Sekundärmärkten liegt auf der Hand. Man kann es sich jetzt leisten, den Ankauf eines Werkes eingehend zu evaluieren, denn viele «Kunstinvestoren» - Sammler, denen es in erster Linie um Prestige und Geldanlage geht - sind infolge der Krise aus dem Kunstmarkt ausgestiegen. Kunst wird jedoch immer ihre Faszination behalten. Und so erstaunt es nicht, dass die wichtigste Kunstmesse der Welt, die European Fine Art Fair (TEFAF) in Maastricht, im März dieses Jahres alles in allem ein positives Ergebnis melden konnte.

Vom Boom der letzten Jahre haben viele profitiert. Nicht nur auf der Verkäuferseite, sondern auch Kunstberater, Kunstkritiker und Kunstvermittler bis hin zum Partyservice. Dank der Tatsache, dass das Geld locker verdient wurde, war der Einstieg in Kunst «in». So stellt Dirk Boll, Managing Director von Christie’s Schweiz, in seinem kürzlich erschienenen Buch «Kunst ist käuflich» fest, dass zirka 60% aller Kunstkäufe in Europa unter 4000 Euro getätigt werden, und davon 40% unter 2000 Euro. Damit ist Kunst als Ware, so Boll, nicht unbedingt ein Luxusgut, sondern nimmt eine Schlüsselstellung in der Popularisierung der Künste ein.

Daraus aber zu schliessen, dass die heutige Krise dem Kunstmarkt nichts anhaben kann, wäre unrichtig. Der Markt hat viele Schauplätze. Im Mittelpunkt des Interesses steht immer noch der schillernde Markt für Gegenwartskunst. Doch es sind nicht nur die Pinaults, Arnaults, Saatchis und Gargosians dieser Welt, die bestimmen, was geht. Alles weist darauf hin, dass der Markt für Gegenwartskunst im Umbruch ist und die Veränderungen halten viele in Atem.

«Es wäre naiv und falsch zu meinen, dass wir es nur mit einer Marktbereinigung zu tun haben. Diesen Tenor hört man überall», meint dazu die Berliner Kunstkritikerin Isabelle Graw. «Diese Rhetorik reproduziert, dass Kunst und Markt nichts miteinander zu tun haben. Die Autorität des Marktwertes ist in Frage gestellt. Dies ist für niemanden gut». Damit kann sie Recht haben. Im Primärmarkt werden weltweit Galerien geschlossen, Galerieprogramme reduziert und Ausstellungen abgesagt oder verschoben. Im Sekundärmarkt ist es nicht anders: Kunsthändler müssen ihren Spielraum nach unten erweitern und Auktionshäuser ihre Einlieferer von der Notwendigkeit tieferer Limiten überzeugen. Gelingt dies nicht, gehen die Lose nicht weg. Sogar Damien Hirst musste erfahren, dass sein riskantes Spiel mit den Sammlern seine Grenzen hat. An der Sotheby’s-Auktion vom 18. März 2009, die erstmals in Doha, der Hauptstadt von Katar, stattfand, fanden seine drei Lose keine Abnehmer. Wenig Trost war, dass die gesamte Auktion nicht das erwartete Ergebnis brachte: Von den insgesamt 49 Objekten fanden 22 keinen Käufer. Dafür war die darauffolgende Sotheby’s-Auktion von Contemporary Asian Art in Hongkong erfolgreich. Immerhin 100 der insgesamt 136 Lose wurden zugeschlagen.

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Der «Sammler-Sammler»

In ihrem Ende 2008 erschienenen Buch «Der grosse Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur» kreiert Isabelle Graw den Begriff des «Künstler-Künstlers», der arbeitet, ohne dabei aufs Geld zu schielen, der Berufung und Inspiration vereint. Prompt wurde davon der Begriff des «Sammler-Sammlers» abgeleitet. Jener Typ Mensch, der ohne Kunst nicht leben kann, der leidenschaftlich sammelt und dessen Wille, ein Objekt zu besitzen, dazu führt, dass er ohne Rücksicht auf seine wirtschaftlichen Verhältnisse agiert. Abgesehen von diesen gefährlichen «Nebenwirkungen» ist die heutige Marktsituation gerade für den «Sammler-Sammler» wie geschaffen: Man hat wieder Zeit: Zeit, um mit einem Galeristen eine Beziehung aufzubauen, Zeit, sich umfassend zu informieren und damit Zeit für eine fundierte Kaufentscheidung. Der Run auf den roten Punkt hat etwas nachgelassen - wohltuend.

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Und auch für einen weiteren wichtigen und interessanten Kontakt bleibt wieder vermehrt Zeit: Für den persönlichen Kontakt mit den Künstlern. Anlässlich des letzten Art Forums der UBS im April 2009 unter dem Titel «Horizonte des Sammelns: Strategien, Strukturen und Trends» stellte der Unternehmer Harald Falckenberg seine Sammlung zeitgenössischer Kunst vor. In Bezug auf die Psychologie des Sammelns betonte er u. a., wie wichtig für ihn bei der Gegenwartskunst der Diskurs, die Auseinandersetzung mit Kunstwerk und Künstler ist. Denn: «Kunst spielt mit dem Unbewussten. Man soll sie nicht als ein Ergebnis betrachten, sondern als einen ständigen Prozess des Wandels.»

Regeln und Strategien

Die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz sucht die Auseinandersetzung mit Kunst auf ihre Art: «Das intensive Sammeln von Kunst ist eine Leidenschaft, die man wahrscheinlich nicht erklären kann. Sie beschäftigt mich permanent. Sie ist auch ein Weg, die gelebte Gegenwart zu verstehen und sich für sie zu sensibilisieren.» Goetz verfolgt eine klare Strategie, die zwar infolge von «Einkaufskonflikten» immer wieder Modifikationen unterworfen ist. So erwähnte sie 2003 - ebenfalls anlässlich eines Art Forums der UBS - dass sie früher die eiserne Regel hatte, Künstler, die sie früh zu sammeln begonnen hatte, nicht weiter zu kaufen. Als es jedoch darum ging, ihre Matthew Barney Sammlung zu komplettieren, kam sie zum Schluss, dass es unter Umständen wichtiger sein kann, durch den Ankauf eines «bedeutsamen Masterpiece» zur Vervollständigung eines Werkzyklus zu gelangen, als 20 Neuankäufe von verschiedenen jungen Künstlern zu tätigen. Im Übrigen sind die persönlichen Hinweise von Ingvild Goetz für den Aufbau einer Sammlung (siehe Kasten) bei der heutigen Stimmung auf dem Kunstmarkt äusserst wertvoll.

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Auf Safari an der Art Basel

In ihrem Buch «Seven days in the Art World» schildert die britische Soziologin Sarah Thornton auf zynisch-humorvolle Art ihre Erlebnisse an sieben verschiedenen Kunstplätzen. Nicht nur die Art Basel und die Biennale von Venedig werden dort kritisch durchleuchtet und kommentiert, sondern auch die Vorgänge in der Redaktion eines renommierten Kunstmagazins oder die Arbeitsweise und Philosophie des japanischen Künstlers Takashi Murakami, der Louis Vuitton «aufmischte». Die Lektüre bietet Einblick in eine Welt, die ihre eigenen Regeln hat, und versucht auch zu erklären, weshalb dieser Wirtschaftszweig Krisen und Tiefschläge ohne Probleme meistern wird. In dieser Welt hat jede Form der Kunstpräsentation ihren eigenen Stellenwert und verdient es deshalb, entsprechend wahrgenommen und berücksichtigt zu werden. So betrachtet Nicholas Logsdail, Direktor der renommierten Londoner Lisson Gallery, die u.a. Anish Kapoor, Julian Opie und Jonathan Monk vertritt, die Museen als Zoos, während er Kunstmessen mit Safariparks vergleicht. Im einen Fall gehe man dorthin, weil man etwas Bestimmtes sehen wolle, im anderen Fall erlebe man Überraschungen: «Da kannst du einen ganzen Tag herumfahren und siehst Dutzende von Elefanten, obwohl du eigentlich auf der Suche nach einem Löwen bist».

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