Im Moment beherrschen Krisenszenarien die Diskussion. Was heisst das für die kommende Tourismussaison in Griechenland?

Vasilis Patsouratis: Es wird nicht nur für die Tourismusbranche schwierig, sondern für alle Wirtschaftszweige. Grossbritannien und Deutschland sind unsere wichtigsten Herkunftsländer. Die Finanzmarktkrise trifft vor allem den Bankenplatz London äusserst hart. Das hat Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Briten.

Welchen Einfluss haben die Finanzmarktkrise und die wirtschaftliche Abkühlung weltweit?

Patsouratis: Ich hoffe, dass sich die Zahl der ankommenden Touristen trotz dem verschlechterten konjunkturellen Umfeld etwa auf der Vorjahreshöhe halten wird. Entscheidend ist aber, wie viel diese Gäste ausgeben und wie lange sie Ferien bei uns verbringen. Näher gelegene Destinationen dürften wegen der niedrigeren Reisebudgets profitieren. Das Reiseverhalten für die Sommersaison 2009 lässt sich jetzt noch nicht definitiv abschätzen. Es wird stark davon abhängen, wie sich die wirtschaftliche Abkühlung auf die Einkommen und die Arbeitsplatzsituation auswirkt.

Lassen sich Unterschiede zwischen einzelnen Ländern ausmachen?

Patsouratis: In Grossbritannien ist die Elastizität zwischen Einkommen und Reiseausgaben deutlich höher als etwa in Deutschland. Das heisst, die touristischen Ausgaben entwickeln sich in Grossbritannien in beiden Richtungen wesentlich volatiler.

Gibt es spezielle Initiativen, um dem drohenden Einbruch im Tourismusgeschäft zu begegnen?

Patsouratis: Ja, zunächst einmal hat die Regierung dafür gesorgt, dass die Tourismusindustrie trotz der Finanzmarktkrise über die nötige Liquidität verfügt.

Griechenland hat in Verbindung mit den Olympischen Spielen mehr als 10 Mrd Euro ausgegeben zur Verbesserung der touristischen Infrastruktur. Das hat dem Land in den letzten vier Jahren ständig steigende Deviseneinnahmen beschert. Ist das jetzt vorbei?

Patsouratis: Nein, das glaube ich nicht. Das Marketing wurde bereits vor Jahresfrist intensiviert. Das sollte nun Früchte tragen. Diese Anstrengungen konzentrieren sich einerseits auf die traditionellen Märkte ebenso wie auf vielversprechen- de neue Herkunftsländer. Dazu gehören die osteuropäischen Staaten und Russland.

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Frühere Studien gingen von einem raschen Anstieg der Touristenzahlen von heute rund 15 Mio auf gegen 25 Mio jährlich aus. Das Tourismusministerium legt nun aber weniger Wert auf den quantitativen als vielmehr den qualitativen Aspekt. Was ist damit gemeint?

Patsouratis: Wichtig sind eine Verbesse- rung und eine Ausweitung des Serviceangebotes. Damit lassen sich auch die durchschnittlichen Ausgaben eines Gastes steigern.

Das touristische Angebot in Griechenland wird oft mit demjenigen im Nachbarland Türkei verglichen. Inwiefern unterscheiden sich die beiden Länder?

Patsouratis: Entscheidend ist das Verhält-nis zwischen touristischer Qualität und dem Preis, und da hat die Türkei die Nase vorn.

Ein wichtiger Faktor ist aber auch die Sicherheit. Gilt das nicht als Vorteil gegenüber Destinationen, in denen gezielt Attentate auf Touristen verübt werden?

Patsouratis: Griechenland ist generell ein ruhiges und sicheres Ferienland, obwohl auch wir nicht vor Unruhen verschont bleiben. Im jüngsten Report des World Economic Forums wird unser Land als eine der sichersten Destinationen weltweit eingestuft.

Welche Länder gehören zu den Hauptkonkurrenten für Griechenland?

Patsouratis: Nebst der Türkei hat im letzten Jahr speziell Kroatien einen grossen Zuwachs im Tourismusbereich verzeichnet. Auch Albanien zieht dank seiner Mittelmeerlage zunehmend Reisende an.

Griechenland verfügt nicht nur über gute Strände, sondern hat auch ein reiches kulturelles Erbe, das als Magnet für vielseitig interessierte Touristen dient.

Patsouratis: Dieses Potenzial wollen wir in den nächsten Jahren ausnützen. Dabei hilft uns die ständige Erweiterung des EU-Raumes in die Balkanregion.

Die Reisegewohnheiten haben sich ganz allgemein gewandelt. Welche Trends beobachten Sie?

Patsouratis: Die Leute bevorzugen statt Ferien von zwei Wochen am gleichen Ort viel eher zwei oder drei Kurzaufenthalte von drei bis fünf Tagen an verschiedenen Destinationen.

Wie viel ein Tourist ausgibt, steht aber in enger Verbindung mit dem verfügbaren Angebot.

Patsouratis: Ja, und je höher die Servicequalität ist, umso mehr wird der Gast auch dafür bezahlen.

Die Hauptsaison ist in Griechenland stark auf die Sommermonate ausgerichtet. Mit den Erneuerungen rund um Athen und dem modernen Akropolis Museum sollten sich auch Chancen für Städtereisen in der Nebensaison ergeben.

Patsouratis: Im Gegensatz zu Spanien oder Italien gibt es wegen der schlechten Zugänglichkeit auf dem Landweg nur eine limitierte Zahl von Busreisen aus den Kernmärkten Kontinentaleuropas. Auch die Distanz ist ein Hindernis für solche preisgünstige Transportvarianten. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung in den Balkanländern erwarten wir jedoch mehr solche kulturelle Städtereisen aus dieser Region. Seit Bulgarien zur EU gehört, ist auch der Visa-Zwang gefallen. Das hat sich bereits positiv auf die Reiseaktivitäten ausgewirkt.

Ein gutes Zeichen für die Qualität einer Destination sind die Stammgäste. Welchen Stellenwert haben sie in Griechenland?

Patsouratis: Die ständig wiederkehrenden Gäste variieren je nach Insel. Insgesamt weist Griechenland zwischen 35 bis 40% Stammgästen auf.