Gründe für eine Feststimmung sind jetzt so wenig angebracht, wie es zuvor die Weltuntergangsstimmung war», sagt Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär. Die grundlegenden Probleme seien schliesslich noch immer nicht aus der Welt.

Noch vergangene Woche hatten weltweit abstürzende Börsenkurse für Katastrophenstimmung gesorgt. Seit Anfang dieser Woche steigen sie überall dramatisch wieder an, nachdem Regierungen in aller Welt Hilfspakete angekündigt hatten. Dabei bleibt die Frage, was denn das nun alles für die Konjunktur bedeutet, speziell für die Schweizer Wirtschaft.

Dass die Probleme mit den steigenden Kursen nicht einfach verschwunden sind, zeigt der für das Finanzsystem relevante Fiebermesser: Die Kosten, die Banken weiterhin für gegenseitige Ausleihungen zu tragen haben.

Tatsächlich hat sich hier im Vergleich zur Vorwoche so gut wie gar nichts verändert. Das zeigt sich unter anderem am Schweizer-Franken-Libor, dem Marktzins für Ausleihungen zwischen den Banken in hiesiger Währung. Der Libor für Dreimonatsausleihungen ist zugleich der Leitzins der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den sie nur indirekt über die Geldversorgung der Banken steuern kann. Obwohl die SNB vergangenen Mittwoch offiziell angekündigt hat, diesen auf 2,5% zu senken (beziehungsweise dessen Zielband auf 2 bis 3%), hat sich der Libor tatsächlich kaum vom Fleck bewegt. Vor und nach der Ankündigung hat er über 3% und damit deutlich höher als der von der SNB anvisierte Zielwert notiert. Dass diese die Zinsen, die sie den Geschäftsbanken abverlangt (die sogenannten Repo-Sätze), dramatisch gesenkt hat, blieb wirkungslos. Die Banken trauen einander nach wie vor nicht über den Weg.

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Rettungspaket wirkt noch nicht

Laut Klaus Wellershoff, Chefökonom der UBS, liegt das daran, dass die Massnahmen zur Stützung des Finanzsystems noch nicht eingeführt wurden: «Noch ist offen, wann die Massnahmen konkret eingeführt werden und wie die Möglichkeiten für die einzelnen Banken aussehen, sich daran zu beteiligen.» Wellershoff betont, dass die Krise im Finanzsystem mit den beschlossenen Massnahmen noch lange zu spüren sein werden. «Das ?Deleverage? wird weitergehen», sagt er. Dieser Kernbegriff der aktuellen Krise bedeutet, dass die Banken ihre Bilanzen weiter verkürzen müssen: Hypotheken, Kredite und Wertpapiere müssen abgeschrieben und der Eigenkapitalanteil erhöht werden. Der Bankensektor ist übermässig gewachsen und muss nun wieder auf ein normales Mass zurückschrumpfen. «Dieser Prozess kann weitere Opfer fordern und solche Nachrichten können immer wieder Ängste schüren», sagt Acket.

Zumindest eine Kreditklemme scheint in der Schweiz nach wie vor nicht zu drohen, das bestätigt im Interview auch Johann Schneider-Ammann (siehe «Nachgefragt» auf dieser Seite). Die Bankenstatistik der Nationalbank zeigt bei den Krediten im laufenden Jahr sogar eine Zunahme ? selbst bei den Grossbanken.

Mehr Grund zur Sorge bieten die Ängste selbst. «Alles hängt vom Investitionsverhalten der Unternehmen ab», sagt Klaus Wellershoff von der UBS. «Die Frage ist, wie sie auf die geballte Ladung an Pessimismus der letzten Wochen mit ihren Investitionsentscheidungen reagieren.» Die Investitionen der Unternehmen sind für die Konjunktur deutlich wichtiger als der Konsum, allein weil sie weit stärker schwanken. Zumindest die bisherige Auftragslage bei der Industrie bleibt ermutigend, wie Schneider-Ammann sagt: «Noch sind die Auftragsbücher gut gefüllt. Die Beschäftigung ist momentan kein grosses Problem.»

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Keine Krise in den Daten

Abgesehen von Ängsten, volatilen Börsen und hohen Libor-Sätzen zeigt sich in der Schweiz bisher wenig von einer Krise: «Die harten Daten sind bisher anders als die Stimmung an den Börsen», bringt Aymo Brunetti, Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) die Wahrnehmung der Konjunkturbeobachter auf den Punkt. «Die Wirtschaftsdaten in der Schweiz, wie der Binnenkonsum oder die Arbeitslosenzahlen, zeigen noch immer ein relativ gutes Bild», ergänzt er. Das Schweizer Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) im laufenden Jahr schätzt Brunetti ? mit Betonung auf Abwärtsrisiken ? auf beachtliche 1,9%, jenes von 2009 auf 1,3%. Damit liegt das Seco am oberen Rand der Schätzungen, Credit Suisse, UBS und Bank Bär prognostizieren für das nächste Jahr ein Wachstum von 1%.

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Eine Umfrage der UBS unter Unternehmen zeigt zwar, dass in allen Branchen mittelfristig mit einer Verlangsamung gerechnet wird, nur die wenigsten wollen aber künftig ihre Belegschaft reduzieren (siehe Grafiken unten).

Ein deutlich tieferes BIP-Wachstum für das nächste Jahr sagt mit 0,3% die Konjunkturforschungsstelle der ETH (Kof) voraus ? für das Winterhalbjahr sogar eine «technische Rezession» mit zwei Quartalen negativen Wachstums in Folge. «Wie sich die Dinge jetzt entwickeln, scheinen wir richtig zu liegen», sagt Kof-Leiter Jan Egbert Sturm, «die Stimmung hat sich merklich verschlechtert», ergänzt er. Doch selbst dieses bisher pessimistischste Szenario wäre keine Katastrophe: «Schon im Sommer sollte das Wachstum wieder zunehmen und gegen Ende Jahr über 1% betragen, sagt Sturm.

Alles entscheidender Export

Die grösste Unsicherheit in allen Prognosen ist die Entwicklung auf den ausländischen Absatz-märkten der Schweiz. «Die Risiken für 2009 haben sich angesichts der Schwächetendenzen in Europa deutlich erhöht», sagt Aymo Brunetti: «Eine Rezession in Europa zieht die Schweiz nach unten, da können die anderen Faktoren noch so gut sein.» Laut Janwillem Acket befinden sich neben den USA bereits Japan und Grossbritannien in einer Rezession. Italien, Frankreich und Spanien werden folgen. Deutschland, Österreich und die Beneluxländer knapp an einer solchen vorbeischrammen.

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Ein weiteres Risiko für Schweizer Exporteure liegt im Wechselkurs. Seit einem Jahr hat sich der Schweizer Franken gegenüber dem Euro deutlich aufgewertet, damals kostete dieser noch 1.67 Fr., jetzt bloss noch 1.55 Fr.

Klaus Wellershoff geht sogar davon aus, dass sich die Aufwertung des Frankens fortsetzen könnte. Diese verdankt der Franken bisher vor allem der Funktion als sicherer Hafen inmitten der weltweiten Unsicherheiten. Nicht zufällig erreichte seine Stärke gegenüber dem Euro am schwarzen 10. Oktober einen vorläufigen Höchststand. Dazu kommen können laut Wellershoff nun die Auflösung von sogenannten Carry Trades, mit denen Spekulanten sich lange in Franken billig verschuldet haben, um das Geld zu höheren Zinsen anderswo anzulegen. Jetzt müssen sie die Franken wieder kaufen, um Schulden zurückzuzahlen. Das erhöht den Franken-Aufwärtsdruck weiter. Auch die mögliche zusätzliche Verschuldung wegen der Bankenrettung in Europa und in den USA könnte diese Entwicklung noch verstärken.

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Johann Schneider-Ammann bleibt aber auch hier gelassen. Die Schweizer Unternehmen würden durch Innovationen und Fitness dennoch konkurrenzfähig bleiben.

 

 

NACHGEFRAGT


«Die Erlahmung zeigt sich in allen Bereichen»

Johann Schneider-Ammann ist Nationalrat der FDP und Präsident von Swissmem, dem Verband der Schweizer Industrie.

Wie steht es um die Auftragsbücher der Industrieunternehmen?

Johann Schneider-Ammann: Noch sind die Auftragsbücher gut gefüllt. Die Aufträge gehen vor allem auf das 1. Semester dieses Jahres zurück. Die Beschäftigung ist momentan noch kein grosses Problem.

Besteht jetzt die Gefahr von Stornierungen?

Schneider-Ammann: Einzelne Stornierungen oder auch Verschiebungen gibt es schon und es dürften in den letzten Wochen eher mehr geworden sein.

Wo sehen Sie ein Einbrechen bei den Bestellungseingängen?

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Schneider-Ammann: Ich würde nicht von einem Einbruch sprechen, vielmehr von einer Erlahmung. Diese zeigt sich in allen Bereichen.

In welchen Regionen deuten sich die grössten Absatzprobleme an?

Schneider-Ammann: Bei den Auftragseingängen ist Fernost nach wie vor stark, aber auch Osteuropa. Die deutlichsten Rückgänge zeigen sich beim Absatz in den USA.

Beim Bau macht sich offenbar Optimismus breit.

Schneider-Ammann: Das geht wohl auf Erwartungen in diesen Branchen nach Aussagen von Bundesrätin Leuthard zurück, die von konjunkturstimulierenden Finanzierungen in der Infrastruktur und beim Strassenbau gesprochen hat.

Wie beurteilen Sie die starke Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro?

Schneider-Ammann: Das Währungsverhältnis steht für die Stärke der Schweizer Wirtschaft gegenüber jener Europas, der Franken steht für Ordnung, Leistungsfähigkeit, Prosperität und Vertrauen.

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Für den Export ist die Aufwertung ein Nachteil. Fordern Sie Massnahmen der Nationalbank?

Schneider-Ammann: Nein. Diese hat die Aufgabe, das Preisniveau stabil zu halten. Es ist unsere Aufgabe, durch Innovationen und Fitness dennoch konkurrenzfähig zu bleiben. Das werden wir auch schaffen. Aber wir wollen nicht behindert werden, wie etwa durch eine Strommarktliberalisierung, die zu höheren Energiepreisen führt. Auch die Personenfreizügigkeit ist zentral.

Das Risiko der Finanzkrise ist eine Kreditklemme: Wie steht es um die Kreditvergabe in der Schweiz?

Schneider-Ammann: Im 1. Halbjahr haben die Grossbanken sogar mehr Kredite vergeben als in den Vorjahren. Allerdings nehmen die Risikozuschläge und damit die Kreditkosten zu.

Wie präsentiert sich der Arbeitsmarkt? Gibt es bereits Kurzarbeit oder Entlassungen?

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Schneider-Ammann: Ja, einzelne Massnahmen wurden eingeführt. Mit einer Arbeitslosenquote von 2,4% haben wir in der Schweiz aber praktisch Vollbeschäftigung. Ein leichter Anstieg ist da für die Wirtschaft kein Weltuntergang, für die Betroffenen schon. In der Maschinenindustrie haben wir in den letzten Jahren 45000 Stellen geschaffen. Die wollen wir nicht wieder abgeben. Dank unserem flexiblen Arbeitsmarkt werden wir Auswege finden.