Die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen in der Ukraine-Krise könnte für russische Firmen schon bald zum grossen Problem werden. Allein in diesem Jahr müssen die Konzerne 150 Milliarden Dollar zur Rückzahlung von Krediten aufbringen. Früher war das kein Problem, weil westliche Investoren solche Geschäfte gerne machten. Schliesslich galten die Firmen zwischen Ural, Sibirien und Wolga meist als zuverlässig und waren profitabel.

Russland bekam zudem von Ratingagenturen gute Zeugnisse. Die Zentralbank sass auf hohen Währungsreserven, und die Schuldenquote des Landes war gering. Doch mit der Krim-Krise ändert sich der Blick: Nun fürchten Investoren, ihr Geld könne im Sog westlicher Sanktionen gegen Russland mit ins Feuer geraten. Vermögen oder Geldtransfers könnten eingefroren und der Handel mit Aktien oder Anleihen russischer Firmen verboten werden, so die Sorge.

Markt für russische Unternehmensanleihen steht fast still

«Am wichtigsten ist derzeit die politische Bewertung», sagt Hakan Enoksson, Chef der Abteilung festverzinsliche Wertpapiere beim Vermögensverwalter RBC. «Die politischen Turbulenzen und mögliche Sanktionen machen alle in Russland engagierten Investoren vorsichtig. Ob die russischen Firmen Geld verdienen oder gut aufgestellt sind, steht erst an zweiter Stelle.»

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Der Markt für russische Unternehmensanleihen ist 2014 fast zum Stillstand gekommen. Daten von Thomson Reuters zufolge wurden bislang mit 4,6 Milliarden Dollar nur Papiere im Volumen von einem Fünftel der Vorjahre verkauft. Ähnlich ist die Lage auf dem Kreditmarkt. Dort werden in diesem Jahr 34 Milliarden Dollar fällig oder stehen zur Verlängerung an. Eingesammelt wurden bislang vier Milliarden Dollar.

«Die Refinanzierung wird immer schwerer werden»

Zu spüren bekommt die Zurückhaltung unter anderem der grösste nichtstaatliche Ölproduzent Novatek. Die Rendite für dessen Dollar-Bonds hat sich seit Jahresende auf zuletzt 5,36 Prozent nahezu verdoppelt. Der Aktienkurs sackte auf 333 Rubel von 427 Rubel Ende Februar ab. Zu Novateks Besitzern gehört Gennadi Timtschenko, der Präsident Wladimir Putin nahestehen soll und von US-Sanktionen betroffen ist.

Auch der Analyst Tim Ash von der Standard Bank sieht in den demnächst fällig werdenden Schulden Russlands ein Problem. «Die Refinanzierung wird immer schwerer werden», sagt er. «Denn es sieht so aus, als ob sich die Fronten weiter verhärten, die Sanktionsliste länger und der Westen kaum noch Bereitschaft zur Finanzierung russischer Unternehmen zeigen wird.»

Russland nur noch knapp über Ramsch

Die US-Ratingagentur Standard & Poor's hatte die Bonitätsnote Russlands am Freitag herabgestuft. Mit BBB/A-2 liegt sie nun eine Stufe über Ramschniveau. S&P hatte zur Begründung auf die Kapitalflucht aus Russland verwiesen. Der Weltbank zufolge wurden von dort in den ersten drei Monaten des Jahres 63,7 Milliarden Dollar abgezogen - so viel wie im Gesamtjahr 2013.

Die russische Notenbank hob den Leitzins am Freitag um einen halben Punkt auf 7,5 Prozent an. Damit werden festverzinsliche Anlagen für ausländische Anleger attraktiver.

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Unternehmen haben Rücklagen

Vor der Pleite steht angesichts der Entwicklung aber wohl kein Grosskonzern. Daten mehrerer Banken legen nahe, dass die Unternehmen Rücklagen haben, die teils dreimal so hoch wie die binnen eines Jahres zurückzuzahlenden Schulden sind. Auch wird erwartet, dass die Regierung Firmen bei Engpässen hilft - so wie sie es in der Finanzkrise 2008/09 auch tat.

Diesmal könne der Staat aber darauf achten, ob die Rechnung von einem westlichen Gläubiger komme - und im Zweifel nicht zahlen, gibt der Investment-Experte Okan Akin vom US-Vermögensverwalter AllianceBernstein zu bedenken.

Gazprom ist durchfinanziert

Nicht alle russischen Grossunternehmen sind in der nächsten Zeit zudem auf frisches Geld angewiesen. Der Ölgigant Gazprom und der Telekomkonzern Vimpelcom etwa sind der Fondsmanagerin Samantha Lamb von Standard Life zufolge für das kommende Jahr durchfinanziert.

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Andere wie die Entwicklungsbank VEB greifen Rücklagen an und zahlen Schulden zurück, anstatt die Kredite zu höheren Zinssätzen zu verlängern. Die Gazprombank überführte zudem im März knapp sieben Milliarden Dollar aus dem Ausland auf russische Konten. Dort hätte die drittgrösste Bank des Landes bei einer Ausweitung westlicher Sanktionen auf das Geld Zugriff. Die beiden größten Banken des Landes, Sberbank und VTB, gingen ähnlich vor.

(reuters/dbe)