Nächsten Montag ist es so weit: Dann endet die Kündigungsfrist in der obligatorischen Krankenversicherung. Trotz zunehmender Hektik im Schweizer Gesundheitswesen geben sich die fünf grössten Schweizer Krankenkassen erstaunlicherweise gelassen. Bei ihnen herrscht der gleiche Grundtenor: Sie würden momentan wesentlich mehr Anfragen als Kündigungen erhalten, wie die Versicherer Recherchen der «Handelszeitung» bestätigten.

«Wir haben klar mehr Anfragen als Kündigungen», sagt Pierre-Marcel Ravez, Präsident der welschen Groupe Mutuel. Auch die CSS freut sich über mehr Offertenanfragen. «Aktuell stellen wir fest, dass wir einen enormen Zulauf von Offerteanfragen und Anrufen haben», sagt Georg Portmann, CEO der CSS. Dafür habe die CSS ihre Servicelinie vorübergehend um 20 Mitarbeiter aufgestockt. «Unser Ziel ist es, unsere Kunden auch in Spitzenzeiten auf einem hohen Level bedienen zu können», sagt Portmann. So würden die Verkaufsmitarbeiter derzeit viele Überstunden leisten.

Neben Groupe Mutuel und CSS haben derzeit auch Swica und Concordia mehr zu tun. «Sicher lässt sich sagen, dass wir mehr Neukunden verzeichnen als im letzten Jahr», sagt beispielsweise Swica-Mediensprecherin Esther Gerster. Alle vier Krankenkassen weisen aber darauf hin, dass es für verbindliche Angaben noch zu früh sei. So komme es auch noch in der letzten Kündigungswoche, zu grossen Wechseln.

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Nüchterner äussert sich der Marktleader Helsana. «Gegenüber den Vorjahren registrieren wir weniger Kündigungen», sagt Helsana-Mediensprecher Rob Hartmans. Dies sei unter anderem den eingeführten Kundenbindungsmassnahmen zu verdanken. Ob es neben den geringeren Kündigungen auch zu mehr Vertragsabschlüssen gekommen ist, lässt die Gruppe offen und verweist auf ihren Jahresabschluss Ende Januar.

Stabile Zusatzversicherung

Aufgrund der angekündigten massiven Prämienerhöhungen für 2010 dürften gemäss dem Internetvergleichsdienst Comparis in diesem Jahr über 1,3 Mio Schweizer ihre Krankenkasse wechseln. Das sind 50% mehr als im Vorjahr. Zwar bietet der hohe Wechselmarkt besonders in der Grundversicherung Wachstumschancen. Gleichzeitig steigt aber das Risiko, die Mindestreserven nicht einhalten zu können. Besonders kleinere Kassen, welche nicht in einem finanzstarken Netzwerk untergebracht sind, könnte ein starker Neukundenzufluss in eine ernsthafte Lage bringen. Denn die Kassen sind verpflichtet, für jeden Kunden Reserven zu bilden. Die Folge wäre unter anderem eine Prämienerhöhung im Laufe des kommenden Jahres, sofern dies das Bundesamt für Gesundheit gutheisst.Trotz des grossen Wechselbedürfnises zeigt sich aber die Lage zumindest in der Zusatzversicherung nach wie vor beständig. «In der Zusatzversicherung ist der Bestand der Versicherten stabil mit einem leichten Wachstum», sagt der CSS-CEO. Auch die Groupe Mutuel verzeichnet einen stabilen Versichertenbestand in der Zusatzversicherung. So hätten weiterhin rund 80% der obligatorisch Versicherten eine Zusatzdeckung abgeschlossen, sagt Ravez.

Gefährliche Franchiseänderung

Die Beständigkeit in der Zusatzversicherung liegt wohl daran, dass deren Kündigungsfrist bereits Ende September abgelaufen ist. Also mehrheitlich noch bevor die Kunden ihre Policen für 2010 erhalten haben. Zudem sind die Prämien in diesem Bereich mehrheitlich stabil geblieben.

Um dennoch die gestiegenen Prämien in der Grundversicherung abzufedern, dürften neben einem möglichen Wechsel vermehrt Versicherte ihre Franchisen erhöhen (siehe Kasten). Denn die geschuldete Prämie hängt massgeblich von der Wahl der Franchise ab. 2009 haben sich gemäss dem Dachverband Santésuisse rund 45% der Versicherten für die Grundfranchise von 300 Fr. entschieden. Allerdings wäre nach Comparis für rund 58% der Krankenversicherten eine Wahlfranchise von 2500 Fr. die beste Wahl.

Umso mehr rechnet Santésuisse damit, dass es verstärkt zu Verschiebungen kommen wird. «Wir gehen davon aus, dass Versicherte mit gesundheitlichen Risiken noch konsequenter die Minimalfranchise und Gesunde die Maximalfranchise wählen», sagt Stefan Kaufmann, Direktor Santésuisse. Jedoch: Je höher die durchschnittliche Franchisenhöhe aller Versicherten ausfällt, desto weniger Prämienertrag generiert eine Kasse. «Wenn nach 2008 und 2009 auch im nächsten Jahr die Prämien die Kosten für medizinische Pflichtleistungen nicht decken, werden die bereits kritischen Reserven weiter sinken und die Prämien werden 2011 überdurchschnittlich steigen», sagt Kaufmann.

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Umso wichtiger sei es, dass der Anstieg der Kosten für medizinische Leistungen zu Lasten der Grundversicherung gebremst werde. «Weiter muss das Bundesamt für Gesundheit die Prämien endlich nach versicherungsmathematischen statt nach politischen Kriterien beurteilen», so Kaufmann.