Sie kämpfen. Überall auf der Welt. In Pakistan schlagen sich die Menschen um eine Schale Reis. In Russland versuchen sie die Feuer zu löschen, welche die Ernte vernichten. Und die grossen Konzerne balgen sich derweil um die Vorherrschaft auf dem Agrarmarkt. Internet, Hightech, Biotechnologie - all das mögen grosse und wichtige Themen der Zukunft sein. Doch die wirklich grossen Gewinne winken in diesem längst vergessenen Markt: Der Landwirtschaft. Hier sehen Experten in den kommenden Jahren stetig steigende Preise.

Schwellenländer treiben Preis

Die kurzfristige Ursache des erwarteten Preisauftriebs: Pakistan. Dort hat die Flut rund 650 000 ha Ackerland verwüstet. Schlimmer noch: Im September ist die Hauptsaatzeit für den Winterweizen, auf dem Pakistans Ernährung vor allem beruht. Weite Flächen dürften aber dann noch nicht wieder bebaubar sein. «Die Probleme in Pakistan werden zu einer jahrelangen Belastung der weltweiten Weizenreserven führen», sagt Glenn Maguire, Rohstoffexperte der Société Générale. Das hatte schon Auswirkungen an den Warenterminbörsen. Der Preis für Weizen hat sich zwischen Ende Juni und Anfang August annähernd verdoppelt.

Hinzu kommt eine längerfristige Entwicklung: Der weltweite Fleischkonsum steigt stetig. Dies ist eine Folge des Aufstiegs der Schwellenländer. Mit dem Wohlstand wächst der Fleischverzehr. Allein in China legte der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch zwischen 1995 und 2007 von 38 auf 59 kg pro Person zu - Tendenz steigend. Wenn allerdings 1,3 Mrd Chinesen und 1 Mrd Inder erst mal richtig auf den Geschmack kommen, dann hat das erhebliche Auswirkungen auf den Agrarmarkt. So braucht etwa ein Rind rund 7 kg Futter, damit es 1 kg an Gewicht zulegt. Verfüttert wird in der Fleischproduktion hauptsächlich Soja. Doch dies bedeutet nicht nur, dass langfristig der Sojapreis steigen wird. Denn je mehr Soja angebaut wird, desto weniger Fläche steht für den Anbau anderer Produkte zur Verfügung. Aber auch Kaffee, Kakao oder Baumwolle sind langfristig von der Entwicklung betroffen, denn auch der Cappuccino bei Starbucks oder die neuste Jeansmode sind für Mio von Konsumenten in den Schwellenländern nun erschwinglich - und sie greifen zu.

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Das tun indes auch viele Profi-Investoren, vermehrt aber auch Kleinanleger. Sie haben den Trend erkannt und schichten Mrd von Euro und Dollar in den Markt für Agrarrohstoffe um. Daran ist auch prinzipiell nichts Verwerfliches. Dennoch ist Thorsten Querg, Chefanlagestratege des Vermögensverwalters Focam, kein Fan von Anlagen in Rohstoffen: «Die Exzesse, Preistreibereien und das exponentielle Wachstum von strukturierten Produkten im Bereich der Agrarrohstoffe sind kritisch zu hinterfragen», sagt er.

Bei vielen Schätzen der Erde bestimmen nicht mehr Nachfrage und Angebot den Preis, sondern die Spekulanten. Dominierten noch 1998 die Rohstoffproduzenten zu drei Vierteln die Terminmärkte, um sich gegen Unwägbarkeiten in der Zukunft abzusichern, hat sich das Verhältnis zehn Jahre später umgekehrt. In vielen Studien wurde inzwischen nachgewiesen, dass Spekulanten eben nicht nur für die nötige Liquidität sorgen. Wenn ihre Zahl zu gross wird, ihr Einsatz zu gewichtig, dann können sie damit auch den Preis beeinflussen. Sie machen zwar nicht den Trend, aber verstärken ihn.

Kleinanleger sind benachteiligt

Wer rechtzeitig auf den steigenden Weizenpreis setzte, konnte prächtige Gewinne erzielen. Doch gilt das nur für Grossinvestoren, die direkt anlegen können. Kleinanleger, die ihr Geld in Agrarrohstoffe stecken, ziehen meist den Kürzeren, selbst wenn sie den richtigen Riecher haben.

So legte ein Indexpapier (ETC) auf den Weizenpreis in jenem Zeitraum, als sich der Preis fast verdoppelte, nur um rund 20% zu. Schlimmer noch sieht die Bilanz für langfristige Investoren aus. Die für Sparer beklagenswerte Diskrepanz liegt daran, dass Anleger nicht einfach einige Tonnen Weizen kaufen und später wieder verkaufen können. Daher müssen Investoren auf den Terminmarkt ausweichen. Hier kaufen Anleger etwa einen Kontrakt auf die Auslieferung einiger Tonnen Weizen in drei Monaten - ohne dass sie sie aber wirklich ausgeliefert haben wollen. Daher muss der Kontrakt rechtzeitig vor Fälligkeit wieder verkauft und ein neuer gekauft werden. Dieser Vorgang wird auch «rollieren» genannt. Das Problem: Beim Umschichten kann jedes Mal ein erheblicher Verlust entstehen, wenn der alte Kontrakt mit deutlichen Abschlägen gegenüber dem neuen gehandelt wird.

Diesem Mechanismus können Anleger kaum entkommen, und daher sollten sie sich genau überlegen, ob sie direkt auf einzelne Agrarrohstoffe setzen wollen. Focam-Chefanleger Querg empfiehlt, stattdessen lieber nach einer gewissenhaften Prüfung in land- oder forstwirtschaftliche Flächen oder aber in Firmen im Bereich Land- und Forstwirtschaft zu investieren. Damit stellen Anleger ihr Geld den Lebensmittelherstellern zur Verfügung, sie ermöglichen diesen also, die Produktion zu erweitern. Dies wiederum erhöht letztlich die Erntemenge und nimmt damit auch den Druck von den Nahrungsmittelmärkten.