Für Kamui Kobayashi war es eine Premiere. Er sass in der Münchner Fussballarena und schaute sich den Final der Champions League an. Nie zuvor hatte der japanische Formel-1-Fahrer bei einem Fussballspiel zugeschaut. Doch neuerdings bezeichnet sich der Sauber-Rennfahrer als Fan des Londoner Fussballklubs Chelsea. Auch Monisha Kaltenborn als Geschäftsführerin des Rennstalls aus Hinwil ZH war am 19. Mai live dabei, als die Briten die wichtigste Trophäe im europäischen Klubfussball gewannen.

Die Sauber-Vertreter erhielten ihre Eintrittskarten direkt von Chelsea – ein erster sichtbarer Vorteil, den das Rennsport- Team Sauber von der neuen Kooperation mit dem Chelsea FC hat. Anfang Mai gaben die beiden Teams bekannt, dass sie künftig «Erfahrungen austauschen» und gemeinsam auf die Suche nach Sponsoren gehen wollen. Bereits prangt das Chelsea- Logo prominent auf Saubers Boliden.

Die Branche rätselt derweil weiter über die wahren Hintergründe, Absichten und das Potenzial der ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen dem Fussballklub und dem Rennstall. Am Finalspiel der Champions League seien sich alle Gäste in den VIP-Logen weitgehend einig gewesen, dass kein Geld zwischen den beiden Teams fliesse, sagt einer, der dabei war. Genau darum aber zweifeln Branchenkenner an der Idee.

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Ein Sportrechtehändler sagt: «Falls wirklich kein Geld fliesst, macht das nur für Chelsea Sinn.» Dank dem Rennwagen könne der Fussballklub nämlich seine Marke weltweit bekannt machen – insbesondere in Asien, wo englische Fussballteams zunehmend Fanartikel verkaufen wollten, nachdem der europäische Heimmarkt gesättigt sei. Für Sauber hingegen sieht er keinen Nutzen.

Zweifel in der Sportrechtebranche

«Ein überraschender Weg, dessen Sinn mir derzeit verborgen bleibt», rätselt ein anderer Sportrechtehändler. Allerdings könne man davon ausgehen, dass die Leute wüssten, was sie tun. Bei Sauber will man sich zu den Details der neuen Kooperation nicht äussern.

Entwickelt wurde die Idee letzten November während der International Football Arena im Zürcher Nobelhotel Dolder Grand, einer Konferenz für Top-Manager aus der Fussballbranche. Dort trafen sich zwei alte Bekannte zum Bier: Der eine ist Schweizer mit Wohnsitz in London und Sohn eines Beraters von Chelsea. Der andere ist Alex Sauber, Sohn der Schweizer Formel-1-Ikone Peter Sauber.

Die beiden entwickelten bei ihrem lockeren Treffen die neue Idee für das Sportgeschäft. Sie erkannten schnell Parallelen in den zwei Teams. Beide haben einen Patron an der Spitze: Hier Peter Sauber, dort Roman Abramovich. Beide Teams haben einen reichen Gönner: Chelsea den russischen Multimilliardär, Sauber mit dem mexikanischen Telekommunikationsunternehmer Carlos Slim den reichsten Mann der Welt.

«Ich bleibe ein Fan von Barcelona»

Die jungen Männer gingen mit ihrer Idee zu ihren Teams zurück. Und fanden dort schnell Gehör. Bald darauf kam es zum Spitzengipfel der beiden Geschäftsführer, am Ende segneten die Patrons Sauber und Abramovich die Kooperation ab. Dem Vernehmen nach seien drei Weltkonzerne am Geschäftsmodell Chelsea– Sauber interessiert, darunter zwei Ölmultis und ein europäisches Finanzinstitut. Sie interessieren sich für ein Sportsponsoring mit ganzjähriger TV-Präsenz.

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Abramovich interessiert sich seit Jahren für die Formel 1. Laut gut unterrichteten Kreisen in London ist nicht ausgeschlossen, dass er bei Sauber einsteigt. Sauber verschenkte letzte Woche einen Drittel seines Anteils am Rennteam an Geschäftsführerin Kaltenborn. Was mit den restlichen Anteilen geschieht, wenn Sauber in den Ruhestand tritt, ist noch nicht klar.

Nicht für alle bei Sauber ist der Chelsea-Deal offenbar wirklich eine Herzensangelegenheit. Saubers Rennpilot Sergio Pérez sagte vor dem Endspiel in München, er werde im Final zwar Chelsea die Daumen drücken. Doch im Herzen des Mexikaners sieht es anders aus: «Ich bleibe ein Fan von Barcelona.»

 

Sponsoring: Zwei populäre Sportarten

Ein Millionenpublikum
Der europäische Fussballverband rechnet damit, dass weltweit 300 Millionen Menschen den Champions-League-Final zwischen Bayern München und Chelsea am Fernsehen verfolgten. Und die englische Premier League, in der der Londoner Nobelclub mitspielt, wird weltweit in 211 Ländern übertragen. Die Rennen der Formel 1 schauen sich rund um den Erdball 600 Millionen Menschen an.

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Ganzjährige Präsenz
Während Fussball von September bis Mai aktuell ist, läuft die Rennsaison von März bis November. Chelsea und Sauber hoffen, Sponsoren zu finden, die eine ganzjährige TV-Präsenz wünschen.