Es ist gerade eine der am heissesten ­diskutierten Fragen im Management: Sollen Unternehmen politisch Stellung beziehen? Sollen sich Unternehmensführer politisch äussern? Die schnelle Antwort ist einfach: Ja, sie sollen. Denn sie sind Teil der Gesellschaft. Richtig schwierig allerdings wird es, wenn man über die Antwort nachdenkt.

Zunächst ist festzuhalten, dass sich Manager seit Jahrzehnten politisch äussern. In der Schweiz zum Beispiel setzen sie sich für ein mildes Steuerklima ein, für offene Grenzen, für geringen bürokratischen Aufwand. Sie bezahlen Lobbyisten, um ihre An­liegen im Parlament zu vertreten. Und manchmal drohen sie damit, Arbeitsplätze abzubauen, wenn die Politik ihre Wünsche nicht erhört.

Es geht nicht mehr um Steuerpolitik, sondern um Rassismus, Folter, Mord

Neuerdings aber geht es nicht mehr nur um Wirtschafts-, Standort- und Steuerpolitik. Sondern auch um eine Haltung zu Folter, Rassismus, Ökologie, Tierschutz. Selbst mit einem kaltblütigen Auftragsmord, von einem Staat in Auftrag gegeben, müssen sich die Firmenlenker befassen – und eine Haltung dazu ­entwickeln. Eine Haltung notabene, die der eigenen Persönlichkeit entspricht, den Werten und Interessen des Unternehmens. Eine Haltung überdies, die nicht nach rein ökonomischen Kriterien ausgetauscht wird. Eine Haltung eben, keine Meinung. Und dann kann es ganz schön schwierig werden.

Zwei Beispiele. Erstens: Diverse Modefirmen haben sich in den letzten Wochen vom Verkauf von Pelz verabschiedet. Nur: Keine der Firmen, die den Schritt gemacht haben, hat zuvor viel Umsatz mit Pelz gemacht. Und einige der Unternehmen verkaufen nach wie vor Produkte aus Krokodil- oder Schlangenhaut. Und diese Tiere werden zumindest nicht besser gehalten als Pelztiere. Also: Ist der Schritt, dem Pelz zu entsagen, nur gut oder schlecht? Könnte man nicht argumentieren, die Firmen seien scheinheilig? Sie würden auf dem Anti-Pelz-Zeitgeist surfen, ohne sich das lukrative Leder-Business zu zerstören? Und: Machen sich diese Firmen nicht mit radikalen Tierschützern gemein, die oft mit illegalen Methoden operieren? Die Nicht-Veganer auch mit Nazis vergleichen? Eine klare Antwort ist schwierig.

Geschäfte mit Auftragsmördern könnten dem Aktionär nützen

Zweitens: CS-Chef Tidjane Thiam hat sich dafür entschieden, einer Konferenz in Riad, in deren Beirat er seit längerem sitzt, fernzubleiben. So distanziert er sich von den saudischen Machthabern, die einen kritischen Journalisten bestialisch haben umbringen lassen. Gleichzeitig aber möchte seine Bank vom Reichtum Saudi-Arabiens und seiner Bürger profitieren und mit saudischen Unternehmen Geschäfte machen. Die Bank hat gar wichtige sau­dische Aktionäre. Zudem: Thiam ist zunächst seinen Geldgebern verpflichtet. Das Gesetz will es so. Ver­ärgert er also das Regime in Riad und kommt beim allfälligen Börsengang des Ölkonzerns Aramco nicht zum Zug, könnte es Klagen absetzen. Klagen, die ­seinen Aktionären erheblich schaden könnten.

Die Beziehung von Unternehmen zu politischen Fragen ist und bleibt also kompliziert.

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