Die SBB gewannen kürzlich den ersten Swiss
 Digital Transformation Award. Weshalb stellt sich das Unternehmen dem digitalen Wandel?

Peter Kummer*: Ohne Informatik würde heute kein Zug mehr fahren. Digitale Technologien sind deshalb bei den SBB in fast allen Bereichen kaum mehr wegzudenken. Beispielsweise bei der Bahnproduktion. Das Rail Control System berechnet pro Sekunde Tausende von Parametern im Schienennetz und erstellt so eine Prognose, wie sich der Zugverkehr entwickeln wird. Der Zugverkehrsleiter kann so den Zugverkehr besser steuern. Ein anderes Beispiel ist die SBB-­App. Sie wurde bis heute rund fünf Millionen Mal heruntergeladen. Damit verändert sich auch das Verhalten der Kunden. Tickets werden immer mehr über das Smartphone gekauft.

Was kommt noch?
Wir sind zurzeit dabei, ein System einzuführen, das man etwas salopp als «Grüne Welle für den Lokomotivführer» beschreiben könnte. Bei den SBB kommt es pro Tag zu etwa 2000 Stopps an roten Signalen. Wenn der Zug jedes Mal halten und wieder beschleunigen muss, kostet das viel Energie. Dieses System namens «Adaptive Lenkung» berechnet für jeden Zug die optimale Geschwindigkeit, sodass er nicht mehr an roten Signalen halten muss. So können wir täglich 20’000 Franken Energiekosten sparen.

Welche Ziele verfolgen die SBB beim digitalen Wandel?
Digitale Technologien helfen, die Bahn besser und günstiger zu machen. Nebst den Optimierungen von internen Prozessen und im Kapazitätsmanagement wollen wir Dienstleistungen anbieten, die Kunden einen Mehrwert bieten. Ein Beispiel dafür ist die Navigations­-App im Hauptbahnhof Zürich.

Darf der Wandel auch etwas kosten?
Der Nutzen steht im Vordergrund. Es wird wie bei jeder anderen Investition analysiert, welcher Nutzen resultiert und ob es sich lohnt, dafür Geld auszugeben.

Wie hoch ist das Volumen für den digitalen Wandel?

Das sind rund 200 Millionen Franken pro Jahr. Das sind nicht nur öffentlich sichtbare Projekte wie Social Media oder Apps, sondern grundlegende Innovationen der Prozesse im Hintergrund.

Sie investieren viel. Wo stossen sie auf Hindernisse?

Es braucht immer auch einen Kulturwan­del, dieser muss mit entsprechenden Pro­grammen begleitet werden. Bei «Big Data» kommt zudem meistens sofort die Frage nach dem Umgang mit Kundendaten auf. Hier haben wir uns von Anfang an selbst strenge Regeln auferlegt. So werden SBB­-Kundendaten nicht an Dritte weitergeben.

Sie sprechen den Swiss Pass an, die neue Karte für den öffentlichen Verkehr. Sie wird am 1. August eingeführt. Braucht es da noch Überzeugungsarbeit?

Das ist so, wir müssen die Karte den Kun­den noch besser erklären. Ich bin überzeugt, der Swiss Pass wird für den Kunden grossen Nutzen bringen.

Wie gehen die Führungskräfte mit dem digitalen Wandel um?

Sie müssen die Rolle der Vorreiter einneh­men, das tut das Management bei den SBB auch. Sitzungen finden je länger, je mehr virtuell mit entsprechenden ICT-­Technologien statt. Die Konzernleitung ist seit drei Jahren papierlos. Dokumente für die Sitzungen werden via iPad verteilt.

Welche Herausforderung bringt der Wandel für Ihre Arbeit als Informatikchef?

Das Schwierigste ist, mit dem Trade-­off von Agilität und Flexibilität versus Stabilität und Standardisierung umzugehen. Die IT muss in verschiedenen Modi funktionieren. Das heisst, wir müssen vielversprechende Innovationen rasch umsetzen können, aber die Sicherheit und Stabilität im Bahnsystem gewährleisten – eine Herausforderung für die IT-­Organisation und mich als IT­-Chef.

Jeder SBB-Mitarbeiter soll bald ein mobiles Gerät haben. Weshalb? 

Es geht darum, einen digitalen Graben zu schliessen. Von unseren rund 33'000 Mitarbeitern haben etwa 6000 noch keinen Zugang zum internen IT-Netz. Das wollen wir ändern. Wir versprechen uns damit, die Kommunikation zu verbessern und die Effizienz zu steigern. Wir bauen beispielsweise Business­-Apps, die lokal gezielte Verbesserungen ermöglichen. Der Einsatz des Reinigungspersonals wird zum Beispiel neu mit der Hilfe einer App gesteuert.

Wie gehen die SBB mit Sozialen Medien um? 

Es ist für uns ein wichtiger Kanal. Wir haben alle Social­-Media­-Plattformen in den Kun­dendienst integriert. 2014 beantworteten wir rund 30'000 Anfragen via Facebook und Twitter.

Geht es für Sie dabei um mehr als nur darum, eine Art Frustableiter anzubieten? 
Social Media sind schon längst ein wichtiger Kanal. Wenn Kunden rasch und direkt auf ihr Bedürfnis eine Antwort erhalten, ist das ein Mehrwert für sie. Aber sicher ist es auch ein Kanal, um seinem Ärger Luft zu machen.

Gibt es Vorbilder für die SBB beim digitalen Wandel?

Wir wollen die physische Welt sinnvoll mit der digitalen Welt ergänzen. Viele andere Unternehmen machen das auch. Von guten Umsetzungen können wir etwas lernen, das machen wir oft und gerne.

*Peter Kummer ist Chief Information Officer (CIO) und Konzernleitungsmitglied bei der SBB.

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