So ungleich das Paar ist, Michael Phelps und die US-Inflationsrate haben doch eines gemeinsam: Beide brachen jüngst historische Rekorde.

Während die acht Goldmedaillen des US-Schwimmwunders bei seinen Landsleuten für eitel Freude sorgen, lösen die hohen Preise aber Ängste aus. Bis Juli 2008 stieg gemäss dem US-Arbeitsministerium die 12-Monats-Inflation um 5,6% – der höchste Wert der letzten 17 Jahre. Nicht viel anders sieht es im EU-Raum aus, wo Eurostat im Juli eine jährliche Teuerungsrate von 4% errechnete. Als Hauptgrund für den Anstieg der Inflation orten die Statistiker die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise.

Barrikaden sind bemannt

Die hohen Preise treiben inzwischen die Gewerkschafter auf die Barrikaden. Der Aufschwung ist am Gros der Arbeitnehmenden vorbeigegangen, wird argumentiert, während die Löhne der Top-Verdienenden und die Gewinne der Unternehmen in den letzten Jahren in die Höhe schossen. Vor den Lohnrunden im Herbst fordern die Gewerkschafter daher einen flächendeckenden, vollen Teuerungsausgleich, in Deutschland sogar Reallohnerhöhungen.

Gegen die gewerkschaftlichen Pläne laufen die Zentralbanker Sturm, da sie eine Lohn-Preis-Spirale befürchten. Die Währungshüter warnen, dass sie auf überrissene Lohnsteigerungen mit Zinserhöhungen antworten werden. Steigende Einkommen würden somit die Konjunkturerholung gefährden und unter dem Strich dem Gros der Arbeitnehmenden nichts bringen.

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Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale sehen viele Ökonomen indessen als nicht gegeben, wenngleich mit unterschiedlicher Argumentation.

Rekord-Arbeitslosigkeit in den USA

Gemäss Ralf Wiedenmann, Leiter Economic Research der Bank Vontobel, hat sich in den USA das Wachstum der Stundenlöhne von 3,7% zu Jahresbeginn auf 3,4% im Juli verlangsamt. Damit habe das Lohnwachstum mit der Inflation nicht Schritt gehalten. Mehr noch: Bereits seit Oktober 2007 würden die US-Löhne inflationsbereinigt abnehmen. Dennoch rechnet Ralf Wiedenmann in den USA nicht mit einer Beschleunigung des Lohnwachstums. «Die Arbeitslosenrate ist in den USA im Juli mit 5,7% auf den höchsten Wert seit 2004 gestiegen. In diesem Umfeld ist sogar eher mit einer Abschwächung des Lohnwachstums zu rechnen.»

In der Eurozone hat sich gemäss Ralf Wiedenmann hingegen das Wachstum der Stundenlöhne von 2,4% im 1. auf 3,7% im 2. Quartal beschleunigt. «Der Arbeitsmarkt ist für europäische Begriffe in guter Verfassung, die Arbeitslosenrate ist mit 7,3% tiefer als im Boomjahr 2000», sagt Wiedenmann. In der Eurozone sei deshalb durchaus damit zu rechnen, dass sich einige Gewerkschaften mit ihren Forderungen weitgehend durchsetzen können.

«Ob in Europa oder in den USA – derzeit sind nicht die Löhne die eigentlichen Inflationstreiber, sondern ganz klar die Energie- und Nahrungsmittelpreise», folgert Wiedenmann. Diese hätten sich aber seit Juli beruhigt, sodass es in den kommenden Monaten zu einer Inflationsentspannung kommen werde. «Von einer grossen Inflationsgefahr kann man gegenwärtig nicht sprechen», lautet das Fazit des Vontobel-Ökonomen. Die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise haben aber inzwischen sowohl in Europa als auch in den USA das Wirtschaftswachstum abgeschwächt, und folglich bangen die Unternehmen um ihre Gewinnmargen.

Segensreiche Abkühlung

Tatsächlich zeichnet sich nun auch in Europa eine deutliche Konjunkturabkühlung ab. Gemäss Eurostat ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Euroraum im 2. Quartal gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres um 0,2% gesunken (siehe Tabelle). Besonders augenfällig ist das Minus der grössten europäischen Volkswirtschaft: In Deutschland schrumpfte das BIP gleich um ein halbes Prozent. Unter diesen Umständen ist laut Beat Schumacher von der ZKB in Europa nicht damit zu rechnen, dass die Gewerkschaften ihre hohen Lohnforderungen durchbringen. In den USA seien die Gewerkschaften hingegen nicht besonders stark und das Lohnsystem sehr flexibel. Eine Lohn-Preis-Spirale hält der ZKB-Ökonom daher sowohl in Europa als auch in den USA für unwahrscheinlich. «Die Inflation wird sich in den kommenden Monaten langsam zurückbilden», zeigt sich Schumacher heute überzeugt.