Bis dass der Tod uns scheidet – das galt in China während Jahrhunderten. Einmal geschlossen, blieb ein Paar ein Leben lang zusammen. Mit der langsamen Öffnung des Landes stieg aber auch die Scheidungsrate. Alleine in den letzten zwölf Jahren hat sie sich verdoppelt. 2014, das Jahr mit den aktuellsten Zahlen, lösten 3,6 Millionen Eheleute ihren Bund auf.

Diese Entwicklung sorgt immer wieder für besorgte Gesichter in Peking. Die Regierung sieht nichts weniger als das traditionelle Familienbild in Gefahr. Einige Parlamentarier forderten sogar eine Rückkehr zur alten Praxis, die bis ins Jahr 2003 galt. Demnach durfte sich ein Paar erst trennen, wenn der Arbeitgeber oder ein Nachbarschaftskommitee eine Scheidung guthiess.

Scheidungen als Wachstumstreiber

Keinerlei Sorgenfalten zeigen sich dagegen auf der Stirn von Thomas Oetterli. Seit April sitzt er auf dem Chefsessel des Luzerner Lift- und Rolltreppenbauers Schindler. Eine steigende Scheidungsrate lässt seinen Umsatz klettern, sagt er gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

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Die kuriose Logik dahinter: Eheleute leben zusammen, getrennte Personen brauchen separate Wohnungen. Das beflügelt den Bau von Wohntürmen – und damit auch die Liftindustrie. Tatsächlich hat die Zahl der Einpersonenhaushalte in den letzten Jahren massiv zugelegt.

Komfort im Alter

Oetterli weiss, wovon er spricht. Bevor er auf den Chefsessel der Luzerner kletterte, verantwortete er das China-Geschäft des Liftbauers. Er hat massgeblich dazu beigetragen, dass Schindler in den letzten Jahren massiv investiert hat und nun der fünftgrösste Player in China ist – und damit notabene auf dem mit Abstand grössten Markt der Welt.

Neben der Scheidungsrate gibt es einen weiteren kuriosen Faktor, der das chinesische Business zum Blühen bringt. Peking erlaube neuerdings den Bau von Aufzügen in Gebäuden mit weniger als zwölf Stockwerken. In Kombination mit einer rapide alternden Bevölkerung ergebe das zahlreiche Möglichkeiten, so Schindler-Chef Oetterli gegenüber Reuters.

Unfälle als Gefahr

Tödliche Unfälle sind dagegen eine grosse Gefahr. Alleine im letzten Jahr starben 46 Personen in 58 Liftunfällen, wie die chinesischen Behörden mitteilten. Weil zahlreiche Aufzüge mit Kameras ausgestattet sind, kursieren auch zahlreiche Videos im Internet. Der Reputationsschaden, der dadurch entsteht, kann enorm sein, selbst wenn das Unternehmen nicht dafür verantwortlich ist.

Bestes Beispiel dafür ist Japan. 2006 kam ein 16 Jahre alter Jugendlicher bei einem Liftunfall ums Leben. Als er aus dem Aufzug aussteigen wollte, bewegte sich dieser trotz offener Tür nach oben und klemmte den Jungen ein. Die Untersuchungen und Gerichtsverhandlungen zogen sich Jahre hin, Schindler wurde letztlich von jeglicher Schuld freigesprochen, die externe Wartungsfirma hatte das tragische Ereignis verursacht.

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Der Anfang vom Ende

Sechs Jahre nach dem tragischen Tod des Knaben folgte der nächste tödliche Unfall. Eine 63-jährige Frau kam ums Leben. Wieder hatte sich ein Schindler-Aufzug bei geöffneter Tür in Bewegung gesetzt. Wieder war der mediale Aufschrei riesig. Die Regierung ordnete seinerzeit eine Untersuchung aller 5500 Schindler-Aufzüge in Japan an.

Für die Luzerner war der Tod des Jungen vor zehn Jahren der Anfang vom Ende im japanischen Markt. Seit 2006 hatten sie keinen Aufzug mehr in Japan verkauft. Sie fokussierten sich nur noch auf die Wartung und Modernisierung bestehender Anlagen. Anfang April zog der neue Chef in einer seiner ersten Amtshandlungen dann die Reissleine: Das gesamte Liftgeschäft in Japan ging an die Konkurrenz.

Asien als Zugpferd

Ausgestanden ist das Debakel aber noch lange nicht: Schindler muss weiterhin eine Präsenz in Japan haben, um die laufenden Rechtsfälle abzuschliessen. Ein Rekurs gegen den Freispruch in Zusammenhang mit dem tödlichen Unfall ist noch hängig. Nach dem rechtskräftigen Abschluss des strafrechtlichen Verfahrens soll zudem über eine Zivilklage entschieden werden. Die Familie des verunglückten Jungen fordert Schadenersatz.

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Kein Wunder also, dass Schindler in China auf eine stärkere Regulierung des Servicemarktes pocht. Ein Desaster wie in Japan kann sich CEO Oetterli nicht leisten. Jeder dritte Franken, den die Firma verdient, kommt mittlerweile aus China und der Region Asien-Pazifik. In Zukunft wird sich das sogar noch erhöhen, denn jeder zweite Auftrag stammt aus der Region. Genauere Zahlen über die Geschäftsentwicklung im ersten Quartal präsentiert Oetterli am kommenden Donnerstag.