CAR-T. Hinter diesem sperrigen Kürzel steht nichts weniger als die Zukunft von Novartis. Wohl und Wehe des grossen Schweizer Pharmakonzerns hängen davon ab, ob er als erstes Unternehmen weltweit von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA grünes Licht für eine CAR-T-Therapie zur Bekämpfung von Krebs bekommt.

Das Revolutionäre an CAR-T: Weisse Blutkörperchen von Patienten werden ausserhalb des Körpers genetisch so modifiziert, dass sie Krebszellen wieder angreifen können.

Das Wunder von Philadelphia

Die Geschichte von CAR-T beginnt im Februar 2012 mit der fast schon an ein Wunder grenzenden Heilung der damals sechsjährigen Emily Whitehead im Kinderspital von Philadelphia. Ihre letzte Chance war die experimentelle Methode, die Novartis jetzt testet. Heute, mehr als fünf Jahre später, ist Emily krebsfrei und es geht es auf dem White Oak Campus in Spings Field in Maryland, dem Sitz der amerikanischen FDA, erstmals um die Zulassung einer  CAR-T-Behandlungsmethode.

Auf dem Tisch liegt ein Antrag von Novartis für das Mittel mit dem Kürzel CTL019. Es dient zur Behandlung von Kindern und Teenagern mit akuter lymphoblastischer Leukämie (ALL). ALL ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems, die mit einer Überproduktion weisser Blutkörperchen einhergeht. Die neue Therapiemethode richtet sich an Kinder, bei denen die bisherigen Standardtherapien wie Chemotherapie und Knochenmarktransplantationen nicht zur Heilung führen und die eine sehr schlechte Prognose haben. Das ist bei 10 bis 15 Prozent der an ALL erkrankten Kinder der Fall.

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Personalisierte Medizin

Auf dem Spiel steht viel – für die Wissenschaft und Novartis. CAR-T ist medizinisches Neuland. Die Abkürzung steht für Chimeric Antigen Receptor (T Cell), ein Protein, das von genetisch modifizierten T-Zellen, also weissen Blutkörperchen, produziert wird, damit die T-Zellen Antigene auf Tumorzellen erkennen und bekämpfen können.

Das Novum daran: Die Methode ist, anders als andere, bereits zugelassene immunonkologische Therapiemethoden, vollständig individualisiert. Gearbeitet wird mit dem Blut des Patienten. Zuerst wird es entnommen, dann werden die weissen Blutkörperchen extrahiert und genetisch so modifiziert, so dass sie die Krebszellen erkennen und bekämpfen können. Anschliessend werden sie wieder ins die Blutbahnen des Patienten initiiert.

Jimenez, der Krebs-Heiler?

Der Einsatz ist gewaltig – auch für Konzernchef Joe Jimenez. Der Novartis-Konzernchef hatte CAR-T nach den ersten spektakulären Heilungserfolgen zur Chefsache erklärt. Forbes hievte ihn dafür 2014 sogar aufs Cover. Titel: «Wird dieser Mann Krebs heilen?»

Später wurde die CAR-T-Spezialeinheit aufgelöst und die Weiterentwicklung der Technologie Vas Narasimhan unterstellt, dem Global Head for Drug Development und Chief Medical Officer – ein Hü und Hott, das zum Abgang des damaligen CAR-T-Verantwortlichen Uzam Azam und weiterer Wissenschaftler führte. Der Durchbruch kam diesen Frühling, als Tisangenlecleucel, so der vollständige Name von CTL019, von der FDA den begehrten Status einer «Breakthrough Therapy Designation» bekam, was eine beschleunigte Zulassung bedeutet.

Heute ist Novartis der einzige grosse Pharmakonzern, der bei der Immunonkologie auf die Karte CAR-T setzt. Das Unternehmen dürfte in den letzten Jahren Dutzende von Millionen Dollar in die Erforschung der Technologie investiert haben.

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Novartis allein auf weiter Flur

Doch auf dem Spiel steht noch mehr. Es geht darum, ob Novartis bei der Immunonkologie überhaupt einen Fuss in die Tür bekommt. Die erste Runde fand nämlich ohne Novartis statt. Das Unternehmen hat deshalb Milliardenumsätze liegen gelassen. Anders als bei Roche, Merck und Bristol Myers Squibb lässt der erste Checkpointinhibitor vom Novartis-Campus noch immer auf sich warten. Checkpointinhibitoren sind eine Art Abwehr der Abwehr – Proteine, welche die Mechanismen ausser Kraft setzen, welche die Krebszellen entwickeln, um das körpereigene Immunsystem auszutricksen.

Doch Jimenez’ Wette könnte aufgehen. Das von der FDA ist Netz gestellte Diskussionspapier lässt den Schluss zu, dass die Experten nicht an der Wirksamkeit der Therapie zweifelt. Der Antrag basiert auf einer Studie namens Eliana, der ersten weltweiten CAR-T-Studie. Es handelt sich dabei um eine Phase-II-Studie, die in 25 Zentren in den USA, in Kanada, in der EU, in Australien und in Japan durchgeführt wurden.

Spektakuläre Erfolgsraten

Die Erfolgsraten sind spektakulär: 82 Prozent (oder 41 von 50) der behandelten Kinder und Jugendliche waren drei Monate nach der CTL019-Infusion vollständig geheilt. Doch die Therapie ist auch riskant. Fast die Hälfte der Patienten wiesen ein Cytokine Release Syndrome (CRS) der Stufe drei oder vier auf, eine potenziell lebensgefährlichen Nebenwirkung.

Die Experten der FDA wird sich heute aber vor allem für einen Punkt interessieren: die Sicherheit von Tisangenlecleucel. Bei CTL019 handle es sich um «living biologic», heisst es im Diskussionspapier, «das sich ausdehnen und verändern könne und zwar während sowohl während des Herstellungsprozesses als auch nach der Anwendung beim Patienten». Gefordert seien Prozesse, «welche qualitativ hochstehende CAR-T-Zellen produzieren können, die sicher, sauber und potent sind». Es sei wichtig, den Herstellungsprozess genau zu verstehen und die Quellen von Unregelmässigkeiten zu kennen.

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Volle Pipeline

Klar ist, dass eine positive Empfehlung des FDA-Experten heute dem CAR-T-Programm von Novartis Schub verleihen würde. Im Mai diesen Jahres vermeldete das Unternehmen positive Resultate von einer Pilotstudie mit Patienten mit chronischer lymphomatischer Leukämie (CLL) mit CTL119, in Kombination mit einem bereits für die Behandlung von CLL zugelassenen Präparat. Acht von neun Patienten zeigten drei Monaten nach der Behandlung keine Anzeichen der Krankheit mehr in ihrem Knochenmark. Die Daten stützten das Potential von CTL119, sagte Forschungschef James Bradner damals. Die Patienten wären ohne CTL119 wohl kaum geheilt worden.

Der D-Day für Novartis beginnt heute um acht Uhr Ortszeit und dauert den ganzen Tag, Lunch und öffenliches Hearing zum Schluss inbegriffen. Die Vertreter von Novartis haben zwei Mal 45 Minuten Zeit, ihre Argumente darzulegen. Die 14 Experten der FDA geben anschliessend eine Empfehlung an die Behörde ab, die in aller Regel befolgt wird. Der definitive Entscheid über die Zukunft von Novartis und seiner revolutinären Krebstherapie fällt voraussichtlich im Oktober.