Das vergangene Jahr war das Jahr der PostFinance und der Raiffeisen-Gruppe. Neben den Kantonalbanken und übrigen Banken gingen diese als klare Gewinner der gegenwärtigen Finanzkrise hervor. Die Schieflage der hiesigen Grossbanken bewegte viele Kunden dazu, ihre Gelder bei den eher konservativ geführten Finanzinstuten in Sicherheit zu bringen. Fast monatlich konnten Jürg Bucher, CEO der PostFinance, und Pierin Vincenz, CEO der Raiffeisen, rekordhohe Neukundengelder verzeichnen. Für beide zahlte sich aus, dass sie in der Vergangenheit beim Eingehen von Risiken Vorsicht walten liessen.

Für beide Institute dürften sich aber gerade die erfreulichen Neukundenzuwächse als grösste Herausforderung im laufenden Jahr erweisen. So hat die Vergangenheit gezeigt, dass die konservativeren Institute bei wieder anziehenden Finanzmärkten die Kundenzuwächse nicht halten können. Der Grund ist einfach: Die Produkte der Grossbanken werfen, dank deren erweiterten Möglichkeiten, wesentlich höhere Renditen ab als diejenigen der übrigen Banken. Aber auch hinsichtlich Innovation haben die Grossbanken dank ihrer Grösse und internationalen Ausrichtung weitaus mehr Spielraum als beispielsweise Raiffeisen und PostFinance.

Kritisierte Staatsgarantie

Im Wettlauf zwischen Raiffeisen und PostFinance - Letztere fordert bereits seit Jahren eine Banklizenz, um mit gleich langen Spiessen am Markt auftreten zu können - zeigte in jüngster Zeit vor allem die Raiffeisen Furcht vor Benachteiligung. So äusserte sich CEO Vincenz immer wieder kritisch zur Staatsgarantie; und meinte damit auch die PostFinance.

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Vincenz wirft den Instituten mit Staatsgarantie vor, in den Genuss von massiven Refinanzierungsvorteilen zu kommen, die ihm vorenthalten blieben. Zudem befürchtet der Raiffeisen-CEO einen verstärkten Wettbewerb auf dem Bankenplatz Schweiz, sollte PostFinance mit der von Bucher geforderten Banklizenz weiter bevorteilt werden. Ein möglicher Abbau von Filialen in den Regionen sei nicht auszuschliessen, so Vincenz. Im zweiten Punkt erhält er Rückendeckung von den Kantonalbanken, die ihre Position ebenfalls bedroht sehen.Bei der Argumentation für eine Banklizenz stützt sich der PostFinance-CEO insbesondere auf die limitierte und damit riskantere Anlagemöglichkeit seines Institutes. So ist PostFinance gezwungen, ihre Gelder schwergewichtig im internationalen Kapitalmarkt anzulegen. «Ein gut verwaltetes Hypothekargeschäft wäre in der Schweiz sicherer als ein vorsichtig gehandhabtes Anlageportefeuille im internationalen Geld- und Kapitalmarkt», sagte Bucher in einem Interview mit der «Handelszeitung».

Parlament diskutiert im Frühjahr

Entsprechend blieb auch der PostFinance-CEO im vergangenen Jahr von Wertberichtigungen nicht verschont. Und die Befürchtungen liegen nahe, dass es auch im laufenden Jahr zu weiteren Abschreibern kommen könnte, sollte sich die Situation an den Finanzmärkten nicht entspannen. Inwieweit sich Jürg Bucher seinem Ziel nähern wird, mit PostFinance als klassische Bank zu operieren, dürfte sich gegen Ende des laufenden Jahrs entscheiden. In der kommenden Frühlingssession wird die neue Postgesetzgebung erstmals im Parlament diskutiert. Allerdings hat sich der Bundesrat Ende vergangenen Oktobers erneut gegen die Ausdehnung der Geschäftstätigkeit - und damit gegen die Vergabe einer Banklizenz - von PostFinance ausgesprochen. Entsprechend wird dieser Punkt nicht in die Botschaft an das Parlament aufgenommen.

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Dennoch zeigt sich Bucher optimistisch: «Am Ende entscheidet das Parlament, was wir künftig machen dürfen und was nicht», so Bucher.