Geberit hat in den vergangenen Quartalen stets hervorragende Ergebnisse erzielt. Zieht die Krise an Ihnen vorbei?

Albert Baehny: Betrachtet man unsere Resultate nach den ersten neun Monaten, könnte man tatsächlich denken, dass Geberit immun ist. Aber das ist nicht der Fall. Keine Firma kann sich dem Abschwung gänzlich entziehen, auch wir nicht.

Sie haben Ihre mittelfristigen Finanzziele - 4 bis 6% Umsatzwachstum pro Jahr und eine Ebitda-Marge zwischen 23 und 25% - im Oktober bestätigt. Das hat uns positiv überrascht.

Baehny: Ja, wir halten an unseren Prognosen fest.

Nach neun Monaten liegt Ihre Ebitda-Marge bei 28,3%. Hat Geberit langsam aber sicher die Obergrenze erreicht?

Baehny: Es ist nicht unser Ziel, langfristig eine Ebitda-Marge von über 28% zu liefern. Wir wollen eine gesunde Rendite zwischen 23 und 25% erzielen. Es gibt aber Jahre, in denen die Ebitda-Marge über diesem Korridor liegt.

In den vergangenen Quartalen lag die Ebitda-Marge regelmässig über oder am oberen Ende des Zielkorridors. Was machen Sie mit den verfügbaren Mitteln?

Baehny: Wir werden mit dem Geld, das wir verdient haben, auf jeden Fall sehr sorgsam umgehen. Für unsere Investoren möchten wir eine attraktive Dividende ausschütten, zudem haben wir nach wie vor unsere kleine, feine Liste von Akquisitionskandidaten.

Firmen, die Sie interessieren könnten, sind nun billiger zu haben. Erhöht das Ihre Akquisitionschancen?

Baehny: Mit dieser Annahme liegen Sie richtig.

Werden die Gespräche jetzt intensiver?

Baehny: Ich gehe davon aus, dass gewisse Firmen 2009 viel stärker zu kämpfen haben und dass Kaufgespräche in der Folge leichter zu führen sind.

Welchen Kriterien folgen Sie bei Zukäufen?

Baehny: Das Unternehmen muss uns neue, komplementäre Produkte oder Technologien bringen. Es muss über einen sehr guten Track Record verfügen, also über eine etablierte Marktposition, sowie über eine Produktion, in die nachhaltig investiert worden ist. Am liebsten möchten wir hochprofitable Firmen kaufen, auch wenn wir wissen, dass dies schwierig ist. Nicht in Frage kommen Sanierungsfälle.

Wie fördern Sie organisches Wachstum?

Baehny: 2008 werden wir rund 150 Mio Fr. in Sachanlagen investiert haben, 2009 werden es 130 bis 150 Mio Fr. sein. Das ist überdurchschnittlich viel, denn ein normales Investitionsjahr von Geberit liegt bei rund 100 Mio Fr.

Fahren Sie auf Risiko?

Baehny: Auf keinen Fall. Aber wir wollen für den Aufschwung bereit sein.

Das Budget 2009 haben Sie doch sicherlich den aktuellen Gegebenheiten angepasst.

Baehny: Natürlich verschieben wir einige Expansionsinvestitionen, doch storniert haben wir nahezu nichts. Wir werden gewisse Kosten im Vertrieb und im Marketing, in der Entwicklung und in der Produktion anpassen, ohne jedoch Restrukturierungsmassnahmen zu initiieren. Aber wie gesagt: Wenn wir auch im nächsten Jahr bis zu 150 Mio Fr. investieren, dann reden wir nicht von dramatischen Sparmassnahmen.

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Drosseln Sie Ihr Expansionstempo im Ausland?

Baehny: In Indien und Südamerika sind wir nach wie vor untervertreten. Hier könnten wir uns vorstellen, mehr zu unternehmen. Aber im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld werden wir nicht ganz so stark investieren, wie das vielleicht noch vor kurzem vorgesehen war.

Der nach wie vor schwache Euro könnte ein Risiko für Geberit darstellen. Wie beurteilen Sie das?

Baehny: Operativ gesehen bereiten uns Währungsschwankungen kaum Sorgen, weil wir einen natürlichen Währungsausgleich haben - sprich: Wir produzieren und verkaufen in Euro, dasselbe gilt für Dollar und Franken. Beim Bilanzieren dagegen müssen wir allfällige Währungsverluste in Kauf nehmen. Da unsere Hauptmärkte in der Euro-Zone liegen, trifft uns der schwache Euro. Das ist zwar unschön, aber für uns kein Problem, das wir angehen müssen.

Abgeschwächt haben sich auch die Rohmaterialpreise - was positiv für Geberit ist. Hilft Ihnen das?

Baehny: Ein positiver Effekt ist absehbar, für Geberit wird er sich aber erst ab dem 1. Quartal 2009 auswirken.

Werden Sie 2009 die gesunkenen Preise an Ihre Kunden weitergeben müssen?

Baehny: Man muss fair bleiben. Wir werden bei bestimmten Produktgruppen, die besonders von den gestiegenen Metallpreisen betroffen waren, die Preise leicht reduzieren. Über unsere Schritte im 2. Halbjahr werden wir zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.

Welche Erwartungen haben Sie an 2009?

Baehny: Wir haben zwei Zeithorizonte: Einen für 2009 und einen für die nächsten drei bis fünf Jahre. Heute ist unsere Visibilität auf wenige Monate gesunken, das macht es sehr schwierig, verlässliche kurzfristige Prognosen abzugeben. Mittelfristig dagegen bin ich für unser Unternehmen sehr zuversichtlich. Denn irgendwann ist die Krise vorbei, und wir werden dann noch stärker aufgestellt sein als heute. Für 2009 muss man fairerweise sagen, dass alle regionalen Baumärkte und alle Baubereiche schwächer sein werden als 2008.

Ihre eingangs erwähnten Finanzziele führen Sie bereits seit mehreren Jahren. Werden diese jetzt angepasst?

Baehny: Wir überprüfen unsere Zielkorridore jedes Jahr. Ich bin der Meinung, dass diese Zielgrössen auch unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen sinnvoll sind. Für unsere Partner und Investoren ist es beruhigend zu wissen, dass sich Geberit Jahr für Jahr innerhalb oder nahe an den vorgegebenen Zielgrössen bewegt. Damit senken wir zwar den Überraschungseffekt (lacht). Aber dafür kann das Unternehmen ruhiger arbeiten.

Andererseits kann man Ihnen vorwerfen, Sie seien nicht sehr ehrgeizig.

Baehny: Das können Sie, aber bedenken Sie dabei: Wer erreicht in dieser Branche schon eine solche Ebitda-Marge wie Geberit? Niemand. Darüber hinaus sollten Sie und vor allem auch die Finanzanalysten viel stärker auf den Gewinn pro Aktie schauen, der ist nämlich viel relevanter.

Aber Sie haben doch unseren Blick auf die Rendite gelenkt.

Baehny: Stimmt, wir haben in der Vergangenheit bei der Kommunikation womöglich zu viel Gewicht auf die Margen gelegt. Doch das wollen wir ändern.

Damit kommen Chefs immer dann, wenn ein Wert schwächer zu werden droht.

Baehny: Das darf ich an dieser Stelle nicht kommentieren. An der Jahreskonferenz im Frühjahr erfahren Sie mehr.

Sie haben bisher kaum Sparmassnahmen eingeleitet, obwohl die Bauwirtschaft international nahezu zum Erliegen gekommen ist. Reichen Ihre bisherigen Schritte wirklich, um die Krise zu bewältigen?

Baehny: Ich habe nicht gesagt, dass die Welt zusammenbricht sondern, dass die Bauaktivitäten schwächer sein werden als 2008, und zwar im Wohnungs- und Nicht-Wohnungsbau. In dieser Krise werden sich unsere Stärken mehr denn je offenbaren, und wir werden gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen. Geberit hat es derzeit nicht nötig, von der bisherigen Strategie abzukommen und ein massives Restrukturierungsprogramm hochzufahren.

Begründen Sie das.

Baehny: Wir gehen schlank und schuldenfrei in diese Krise ?

? dann kommen Ihnen die Banken in Finanzierungsfragen sicher gerne entgegen ?

Baehny: ? richtig, wir sind zuversichtlich, weiterhin keine Probleme zu haben, Kredite zu bekommen. Zudem führen wir im 2. Quartal 2009 neue Produkte ein - unter anderem erweitern wir die Produktlinie des Dusch-WC Balena, indem wir neu auch günstigere Varianten aufbieten werden. Wichtige Mitbewerber dagegen kämpfen mit einer hohen Schuldenlast und restrukturieren sich derzeit - das kostet sie Zeit und Geld. Für uns ist das die Gelegenheit, in den kommenden Quartalen den Abstand zwischen uns und den Konkurrenten zu vergrössern.

Sie greifen nicht zum dicken Rotstift?

Baehny: Natürlich senken wir unsere Kosten, aber wir reden hier von Anpassungen, nicht von Restrukturierungen. So sparen wir zum Beispiel bei gewissen Marketing- und Vertriebskosten, selektiv bei der Forschung sowie bei Reisen und externen Meetings - also bei Punkten, die nicht so sehr wehtun.

Was, wenn die Märkte 2009 unerwartet heftig einbrechen - vergleichbar mit dem Crash der Automobilindustrie?

Baehny: Dann werden wir andere Massnahmen umsetzen - diese erarbeiten wir in den kommenden Wochen in Form eines Plans B, um auch dafür vorbereitet zu sein.

Welche Signale erwarten Sie von Ihrem Hauptmarkt Deutschland?

Baehny: Wir rechnen damit, dass sich der Markt für Neuwohnungsbau abschwächt. 2008 wurden 190000 Wohneinheiten gebaut, 2009 erwarten wir noch 180000. In der Krise 2001/02 wurden in Deutschland noch gegen 350000 neue Wohneinheiten gebaut. Sie sehen also, auf welch tiefem Niveau wir uns bewegen. Der Markt für Wohnbau-Renovationen dürfte sich im besten Fall seitwärts entwickeln. Die Aktivitäten im Nicht-Wohnungsbau werden ebenfalls zurückgehen.

Die deutsche Bundesregierung hat ein Konjunkturprogramm aufgegleist, das auch Renovationen berücksichtigt. Wird Geberit davon profitieren?

Baehny: Zumindest schadet es nicht. Welchen Einfluss ein solches Programm auf unsere Bestellungen hat, ist noch unklar.

Wie wird sich die Schweiz 2009 entwickeln?

Baehny: Im 1.Halbjahr dürfte sich der Markt nach wie vor positiv entwickeln. Im 2. Semester muss möglicherweise mit einer Abschwächung gerechnet werden.