Vor einem Jahr blickte Jost Sigrist noch zuversichtlich in die Zukunft. Der Chef des Schweiss- und Webmaschinenherstellers Schlatter sagte für 2011 ein Wachstum «im zweistelligen Prozentbereich» voraus. Endlich schien es wieder aufwärtszugehen. Doch es kam anders. Sigrist konnte nur Verluste präsentieren und erklärte, dass dies «psychologisch sehr hart sei». Vom dynamischen Manager ablassen wollte der Verwaltungsrat aber nicht. Das Gremium traute dem 44-Jährigen gar eine Zusatzaufgabe zu und ernannte ihn eben erst zum Präsidenten.

Offenbar wogen die Doppelverantwortung und die tiefroten Zahlen zu schwer. Letzte Woche trat Sigrist von seinen Ämtern zurück – aus gesundheitlichen Gründen, wie es offiziell heisst. So mancher Insider vermutet einen Burn-out.

Sigrists Abgang ist nur die jüngste Etappe einer langen Talfahrt. Seit mehreren Jahren leidet der Konzern unter massiven Umsatzeinbrüchen. Die Zukunft sieht ebenfalls nicht rosig aus. «Schlatter wird ­­­in diesem Jahr Verluste einfahren oder eine knappe schwarze Null erreichen», prognostiziert Vontobel-Analyst Patrick Rafaisz. Die Aktie des an der Schweizer Börse kotierten Unternehmens sei zum jetzigen Zeitpunkt im Vergleich zu anderen schwei­zerischen Industriewerten klar überbewertet.

Dabei erlebte die Traditionsfirma lange blühende Zeiten. Nach der Gründung 1916 profitierte das Familienunternehmen mit Hauptsitz im zürcherischen Schlieren vom Bauboom der Nachkriegszeit und wurde weltweit zu einem der führenden Anlagenbauern. Heute beschäftigt Schlatter rund 460 Mitarbeitende. In seinem Kerngeschäft produziert der Konzern Schweissmaschinen für die Bearbeitung von Eisenbahnschienen oder Armierungsgittern in der Bauindustrie. Weltweit hat das Unternehmen fünf Vertriebsniederlassungen.

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Hausgemachte Probleme

Schwierigkeiten machten sich bei Schlatter bereits vor Sigrists Antritt im Jahr 2007 bemerkbar. Der Konzern lieferte Maschinen aus, die nicht richtig funktionierten. Die Qualitätsmängel zogen sich hin, verärgerten Kunden und verursachten hohe Kosten. Mit dem Einbruch der globalen Konjunktur 2008 spitzte sich die Situation zu. Der Bestellungseingang brach ein. Das von der Baubranche abhängige Hauptgeschäft mit Armierungsgittern kam fast zum Erliegen. So musste der Konzern 2009 beinahe eine Halbierung des Umsatzes hinnehmen. Kurzarbeit, Stellenabbau und verschärfte Restrukturierungsmassnahmen waren die Konsequenzen. Richtig erholen konnte sich das Unternehmen dennoch nicht. 2011 waren die Zahlen erneut tiefrot.

So muss sich Sigrist vorwerfen lassen, zu wenig entschlossen gehandelt zu haben. «Mit Kosteneinsparungen hat Schlatter zu lange gewartet», meint ein Finanzspezialist. Und ein Investor ergänzt: «Für Schweizer Qualität sind die Kunden zwar bereit, bis zu 10 Prozent mehr zu zahlen. Letztlich sind die Offerten aber um bis zu 30 Prozent teurer als diejenigen der Konkurrenz aus der Euro-Zone.»

Dabei zeigen sich die Tücken des Industriestandorts Schweiz. Als exportorien­tierter Konzern leidet Schlatter besonders unter dem starken Franken. Vom Währungsdruck weniger betroffen ist die vollständig nach Deutschland ausgelagerte Sparte für Webmaschinen, die nur rund einen Viertel des Umsatzes ausmacht.

Noch immer leidet Schlatter wie die Konkurrenz unter der schwachen Konjunktur. «In europäischen Ländern haben wir zurzeit eine Überkapazität, wobei sich die wirtschaftliche Situation in Spanien, Italien, Portugal und Griechenland überdurchschnittlich auf unsere Ver­käufe ausgewirkt hat», sagt Werner Schmidli. Der ehemalige Finanzchef ist vorübergehender operativer Leiter von Schlatter.

Einschneidende Veränderungen sind auch unter seiner Führung nicht geplant. An der bisherigen Strategie werde festgehalten, so Schmidli. «Wir optimieren und standardisieren laufend unsere Produkte, um die Kosten zu senken.» Es sei aber schwierig, so den starken Franken auszugleichen. Für 2012 setzt der Konzern seine Hoffnung auf den wieder angestiegenen Bestellungseingang.

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Noch kurz vor seinem Rücktritt zeigte sich Jost Sigrist davon überzeugt, dass Schlatter angemessen gewappnet sei, um dem widrigen Marktumfeld zu trotzen.