Kein Energieexperte, der in Zeiten der Klimadiskussion nicht das Loblied auf die Smart Grids singt. Kein Politiker, der beim Thema Energieknappheit nicht den raschen Bau solcher intelligenter, computergesteuerter Stromnetze fordert. Sicher ist: In der Entwicklung von Smart Grids liegt enormes Potenzial. Allerdings ist der Weg noch weit, denn das heutige Stromnetz ist dumm. Sehr dumm.

Das sieht man etwa am Beispiel der Bernina-Leitung, die Strom über den Pass nach Italien transportiert. Die hochmodernen Leitungen wären stark belastbar - theoretisch. «Aber wir wissen nicht, welche Temperatur die Kabel haben. Könnten wir die Temperatur entlang des Stranges messen, wäre es möglich, die Kapazitäten dynamisch und kurzfristig anzupassen», sagt Swissgrid-CEO Pierre-Alain Graf. Das hiesse: Die Leitungen könnten eigentlich viel effizienter genutzt werden.

Auf allen Ebenen ansetzen

Mit der von Graf angesprochenen Lösung liesse sich auf der Ebene der «Stromautobahnen» viel erreichen, also auf der höchsten Netzebene, auf welcher Strom verteilt wird (siehe Grafik). Doch auch auf allen andern Stufen der Netzinfrastruktur gibt es grosses Potenzial, wie das Beispiel Arbon belegt. Delegationen aus aller Welt rennen dort derzeit dem Geschäftsführer der regionalen Versorgungsbetriebe die Türen ein. Denn ab Mitte nächsten Jahres starten in Arbon ein Smart-Grid- und ein Smart-Metering-System. Zwar geht es als Erstes einmal darum, den Stromverbrauch effizienter zu messen und ihn bei den Kunden einfacher abzulesen. Längerfristig können die Stromversorgungsunternehmen den Kunden aber anbieten, den Stromverbrauch zu optimieren. In ferner Zukunft könnte das dann so aussehen, wie Jürgen Knaak, Geschäftsführer von Arbon Energie, erklärt: Der Stromversorger bietet dem Kunden eine Abfrage via Handy an. Damit erfährt der Kunde, wann günstiger Strom zur Verfügung steht.

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Diese Abfrage ist zwar nicht gratis. Doch kann der Kunde das Elektrizitätswerk damit beauftragen, seine elektrischen Geräte nur zu Zeiten mit Niedertarif laufen zu lassen, womit seine Stromrechnung deutlich sinkt.

Ein solches System bietet nicht nur dem Kunden Vorteile, wie Knaak erklärt. Die Stromversorger können mit klugen Preismodellen die Verbrauchskurve optimieren. Das bedeutet insbesonders, dass sie weniger Spitzenenergie beziehen müssen. Denn wenn Energie auf dem Markt am stärksten nachgefragt wird, dann ist sie auch am teuersten. In Zeiten der Stromverknappung hat dies noch einen weiteren grossen Nutzen: Es sind weniger Kraftwerke nötig, um den Bedarf zu den absoluten Spitzenverbrauchszeiten abzudecken. Denn dank dem optimierten Stromverbrauch liegt der Spitzenverbrauch tiefer.

Monatliche Rechnung

Das intelligente Messen des Stroms ist laut Knaak in Europas Norden entwickelt worden. In vielen nordischen Ländern erhalten die Kunden Ende Monat eine Stromrechnung, die wie eine Handyrechnung aussieht. In der Schweiz wird dies wegen der kommenden Öffnung des Strommarktes über kurz oder lang ebenso sein. Denn oft geht vergessen, dass die 850 Schweizer Stromversorger mit der Liberalisierung auch viele neue Pflichten übernehmen. Sie müssen neu eine Unmenge von Daten abliefern, wozu avancierte Messsysteme nötig sind. Jürgen Knaak von Arbon Energie rät gerade den kleineren Stromwerken dazu, die Themen Smart Grid und Smart Metering zügig anzugehen. Siemens jedenfalls hat ihre in Arbon erstmals installierte Anlage bereits zwei weiteren Elektrizitätswerken verkauft, wie Siegfried Gerlach, CEO Siemens Schweiz, auf Anfrage bestätigt.

Auch wenn Knaak voller Begeisterung über sein neues System spricht: Illusionen macht er sich nicht. Die drohende Stromknappheit lasse sich mit intelligenten Messsystemen vielleicht um ein oder zwei Jahre hinausschieben. Die Schweiz werde aber dennoch nicht darum herumkommen, «mindestens zwei Kernkraftwerke zu bauen», sagt Knaak.

Auch Siemens-CEO Gerlach sieht bei den Smart Grids viel Potenzial. «In der Tendenz» führe ein intelligentes Stromnetz dazu, dass weltweit weniger Grosskraftwer- ke gebaut werden müssten. 40% der Energie weltweit würden in Gebäuden verbraucht. Das Einsparpotenzial durch intelligente Energie- systeme sei daher enorm. «In der Schweiz werden wir aber wohl alle Mittel einsetzen müssen, um die Stromknappheit zu bekämpfen, also auch den Bau von neuen Grosskraftwerken», so Gerlach weiter.

Milliarden-Umsätze

Der Siemens-Konzernchef Peter Löscher erklärte letzte Woche an der Jahresmedienkonferenz, Siemens wolle in den nächsten fünf Jahren 6 Mrd Fr. mit Smart Grids umsetzen. Ein erfolgreicher Anbieter in diesem Gebiet ist auch ABB. Laut Konzernsprecher Wolfram Eberhardt hat sich ABB zwar nicht wie Siemens ein Fünf-Jahre-Ziel gesetzt. Doch ABB habe weltweit grosse Absatzchancen.