Selbst für Elmar Weingarten ist die Krise einmalig. Und das sagt ein Mann, der über 20 Jahre Erfahrung im Konzertbusiness hat. Bevor er 2007 Intendant des Zürcher Tonhalle-Orchesters wurde, managte er unter anderem die Berliner Philharmoniker.

Die Sponsoren sind mehr denn je mit dem Kampf um die eigene Existenz beschäftigt. Die grossen Partner Credit Suisse und Mercedes zeigen sich bei der Tonhalle zwar noch loyal, aber Julius Bär hat seine Aktivitäten reduziert. Auch andere kleinere Sponsoren haben zurückgeschraubt. Weingarten hat vorsorglich die für Herbst geplante Amerika-Tournee seines Orchesters abgesagt. Und er hat noch Drastischeres in der Pipeline. «Man redet zwar nicht gerne darüber. Doch sparen kann man auch mit jüngeren, noch nicht so teuren Künstlern.» Im Klartext: Sollte sich die Finanzlage verschlechtern, wird die Tonhalle die teuren Star-Engagements mit Jungkünstlern kompensieren.

Der richtige Mix zählt

Tatsächlich treten Top-Künstler laut Branchenkennern kaum unter 50000 Euro Gage pro Anlass auf -der verstorbene Tenor Luciano Pavarotti etwa hat schon in den 80er-Jahren umgerechnet 80000 Fr. netto für einen Abend verlangt. Bei Weltklasseorchestern belaufen sich die Ausgaben schnell mal auf bis zu 300000 Fr. pro Konzert.

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Doch es ist vertrackt: Einfach auf die Kostenbremse drücken kann ein Konzerthaus nicht. «Man muss den richtigen Mix finden zwischen jungen Künstlern mit weniger Publikum und teuren Stars, die den Saal füllen», sagt Weingarten.

Ob das Zürcher Opernhaus mit ähnlichen Problemen kämpft, ist unklar. Bis zum Redaktionsschluss war keine Stellungnahme von Intendant Alexander Pereira erhältlich. Fest steht aber: Die Tonhalle beschäftigt sich nicht als einzige Konzertinstitution mit der Krise. «Im Moment spürt man gerade in Gesprächen und Verhandlungen mit bestehenden und potenziellen Sponsoren den allseits um sich greifenden Spardruck», sagt Michael Bühler, Direktor des Zürcher Kammerorchesters. Das beobachtet auch Pedro Kranz, Inhaber der Schweizer Konzertagentur Caecilia, die unter anderem das Royal Philharmonic Orchestra London mit Star-Geiger Pinchas Zukerman nach Zürich holt.Auch von privaten Geldgebern wird in naher Zukunft weniger erwartet. «Viele Stiftungen haben in der aktuellen Börsenlage einen Vermögensverlust hinnehmen müssen. Deshalb ist in nächster Zeit mit einem Rückgang der privaten Kulturbeiträge zu rechnen», glaubt Toni Krein, Leiter des Corporate Kultursponsorings bei der Credit Suisse.

Sponsoren zurückhaltender

Sponsoring-Engagements sind dagegen oft an langfristige Verträge gebunden. Vorderhand verändert sich darum bei Grosskonzernen wie Credit Suisse, Mercedes Schweiz oder Nestlé nach eigenen Angaben nicht viel. Letztere hat dieses Jahr erst wieder das Sponsoring des Montreux Jazz Festival für drei Jahre erneuert.

Doch ob die laufenden Verträge erneuert werden, ist unklar. So meint Renate Meier, Mediensprecherin von Julius Bär: «Im Rahmen des aktiven Kostenmanagements wird die Aufnahme neuer Engagements restriktiver gehandhabt.» Auch bei der Zurich werden im Zuge der angekündigten Kostensenkungsmassnahmen von 400 Mio Dollar die Sponsoring-Engagements überprüft.

Die krisengeschüttelte UBS buchstabiert jetzt schon zurück. «Ziel der UBS ist es, Ende Jahr schwarze Zahlen zu schreiben. Entsprechend hat eine konsequente Kostenkontrolle hohe Priorität», sagt Mediensprecherin Dominique Gerster.

Weniger Konzerte erwartet

Der Konzertagent Pedro Kranz befürchtet, dass Orchestertourneen im Nachzug der Finanzkrise grossflächig nicht oder nur mehr in kleinem Rahmen stattfinden könnten. Zum einen würden subventionierte Orchester Kürzungen der Beiträge erfahren und zum anderen hätten die Veranstalter weniger Geld zur Verfügung und könnten sich gewisse Orchester nicht mehr leisten. «Weniger Geld bedeutet letztlich auch weniger Konzerte», folgert er.

«Im Ernstfall müsste tatsächlich darüber nachgedacht werden, die Zahl der Veranstaltungen zu reduzieren», bestätigt Michael Haefliger, der Intendant des Lucerne Festivals. Hier läuft das Geschäft zwar noch. Bei kleineren Sponsoring-Engagements musste das Festival dieses Jahr Absagen hinnehmen. Besucherseitig liegt Haefliger zwar noch auf Kurs. «Wir rechnen jedoch damit, dass sich eine Rezession im Jahr 2010 stärker auswirken wird», meint er.

Haefliger hat aufgrund der ungünstigen Prognose verschiedene Krisenszenarios vorbereitet. Zuerst soll bei den Reisekosten oder Repräsentationsausgaben gespart werden. Wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, werden Sparmassnahmen bei den Künstlern auch hier zum Thema.

New York reduziert das Budget

Auch in den international renommierten Konzertbetrieben macht man sich Sorgen. «Das New York Philharmonic Orchestra ist von der Finanzkrise genauso betroffen wie die meisten Kulturinstitutionen», sagt Mediensprecher Eric Latzky. Obwohl die Zahl der Konzerte bisher nicht reduziert worden sei, suche man nach Wegen, die Budgets zu reduzieren und zusätzliche Mittel zu akquirieren.

Salzburg erhält Absagen

Bei den Salzburger Festspielen liegen die Kartenvorbestellungen aktuell 5% unter dem Vorjahr. Der Grund: Gruppenreisen - vor allem aus den USA und Grossbritannien - sind storniert worden. Auf Prognosen, wie schlimm es dieses Jahr noch werden könnte, will man sich allerdings nicht einlassen. «Das ist Kaffeesatzleserei», meint Präsidentin Helga Rabl-Stadler. Schliesslich gibt es nämlich selbst dann skurrile Nebenschauplätze, wenn die Weltwirtschaft baden geht. So wirft bei den Salzburger Festspielen im Moment ganz etwas anderes hohe Wellen als die allgegenwärtige Finanzkrise.

«Was uns mehr trifft, ist das neue Antikorruptionsgesetz», sagt Rabl-Stadler. Jede Einladung stehe nach der neuen Rechtsordnung unter Generalverdacht einer späteren kriminellen Handlung, mokiert sie sich. «Laut diesem Gesetz darf die Kulturministerin zwar in eine Vorstellung eingeladen werden, danach aber nicht zum Essen. Denn das würde ‹Anfüttern› bedeuten», klagt Rabl-Stadler.