Der Bundesrat will im dritten Konjunkturpaket mehr gegen die Jugendarbeitslosigkeit tun. Macht Ihrer Meinung nach die Wirtschaft genug?

Doris Leuthard: Von der Jugendarbeitslosigkeit ist insbesondere die Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen betroffen. Diese jungen Menschen werden nach der Ausbildung sehr oft von ihrer Firma nicht weiterbeschäftigt. Ich kann den Unternehmen dafür aber keinen Vorwurf machen. Wenn Firmen die Kosten senken und einen Teil der Belegschaft entlassen müssen, dann ist es verständlich, dass sie sich eher auf die Jüngeren fokussieren, denn diese sind ja mobiler und flexibler als ein Familienvater. Natürlich habe ich aber den Wunsch, dass möglichst viele Jugendliche weiterbeschäftigt werden. Aus diesem Grund haben wir im April gemeinsam mit den Sozialpartnern einen entsprechenden Appell gestartet.

Hat der Appell etwas genützt?

Leuthard: Er hat recht viel gebracht, es gab zahlreiche positive Rückmeldungen. Das ist erfreulich, doch wenn wir nicht mehr tun, werden wir bei den 20- bis 24-Jährigen demnächst eine Arbeitslosigkeit von über 9% haben. Das wollen wir verhindern. Die dritte Stufe der Stabilisierungsmassnahmen sieht dazu unter anderem mehr Praktika und die Mitfinanzierung von Weiterbildung vor, damit die Betroffenen zum Beispiel ihre Englischkenntnisse verbessern oder sich in der Informatik weiterbilden können. Solche Massnahmen helfen, die Arbeitslosigkeit zu überbrücken. Zudem ermöglichen sie es den Betroffenen, ihre Arbeitsmarktchancen zu verbessern.

Die Arbeitslosigkeit wird in den nächsten Monaten steigen. Gehen jetzt Jobs für weniger gut qualifizierte Mitarbeiter verloren? Müssen wir künftig mit einer noch höheren Sockelarbeitslosigkeit rechnen?

Leuthard: Es ist eine Tatsache, dass unsere Gesellschaft heterogener ist als früher, was einen Einfluss auf die Sockelarbeitslosigkeit haben kann. Wir haben aber keine Hinweise darauf, dass die Sockelarbeitslosigkeit stark steigt. Bei den niederschwelligen Arbeitsstellen für die Jugendlichen hat der Bund in den letzten zwei Jahren zusammen mit den Kanton sehr viel unternommen. So wird heute ein Case Management betrieben. Wir werden bereits in den Schulen aktiv, denn es ist ja schon recht früh absehbar, welche Schulabgänger Mühe haben werden, eine Stelle zu finden. Wir haben die Attestlehre eingeführt, eine zweijährige Ausbildung für weniger gut qualifizierte junge Menschen. Dieses Angebot wird immer stärker nachgefragt, bis ins Jahr 2012 werden wir die Zahl der Angebote für Attestlehren verdoppeln.

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Im Pflegebereich wird zunehmend verzweifelt nach Personal gesucht.

Leuthard: Ja, dort besteht eine grosse Lücke. In ein paar Jahren werden wir in der Pflege fast schon einen Personalnotstand haben. Deshalb sind wir mit den Kantonen und den Sozialpartnern daran, neue Ausbildungsmodelle zu entwickeln. Bisher hat es sich allerdings als sehr schwierig erwiesen, eine Lösung zu finden. Doch wir machen weiter Druck.

Viele Firmen arbeiten derzeit kurz. Studien zeigen, dass Kurzarbeit während der letzten Krise kaum Jobs rettete. Nun ist die Frist für die Kurzarbeit im Frühling von 12 auf 18 Monate erhöht worden. Warum?

Leuthard: Mein Argument ist der sich abzeichnende Zeithorizont der Krise. Viele Firmen werden aufgrund der schlechten Auftragslage wohl noch fast ein Jahr in einer schwierigen Situation stecken. Es macht daher Sinn, diese Zeit mit Kurzarbeit zu überbrücken.

Besteht nicht die Gefahr, dass Firmen zu Unrecht von der Kurzarbeit profitieren?

Leuthard: Es gibt wohl gewisse Mitnahmeeffekte, und da und dort wird wohl auch betrogen. Dies versuchen wir mit strengen Kontrollen aber zu unterbinden. Wegen einzelner Missbräuche auf die Kurzarbeit zu verzichten, wäre indes falsch. Denn was wäre die Alternative? Vermutlich gäbe es mehr Kündigungen oder mehr Firmenkonkurse. Beides sind keine guten Perspektiven. Das System der Kurzarbeit wurde nach den in der Krise der 90er-Jahre gemachten Erfahrungen wesentlich verbessert. Darum bin ich überzeugt, dass es nicht viele Missbrauchsfälle gibt. Die Kurzarbeit hat den Vorteil, dass die Firmen das Know-how im Betrieb behalten können und so gerüstet sind, sobald es wieder aufwärtsgeht.

Im dritten Konjunkturpaket soll eine Unterstützung der Ausbildung während der Kurzarbeit eingeführt werden. Warum?

Leuthard: Ich war kürzlich bei einer Firma zu Besuch, die komplexe, computergesteuerte Maschinen herstellt. Bisher kannten sich die Mitarbeiter der Firma jeweils nur bei einem Maschinentyp aus. Während der Zeit der Kurzarbeit werden sie nun aber auch für andere Modelle geschult. Damit verbessert sich zum einen die Arbeitsmarktfähigkeit der Kurzarbeitenden, denn sie lernen, neue Techniken zu beherrschen. Die Firma hat aber ebenfalls Vorteile: Die Angestellten können viel flexibler eingesetzt werden, etwa für Ferienvertretungen oder bei Krankheitsabsenzen. Das zeigt: Weiterbildung bei Kurzarbeit ist eine Win-win-Situation.

Die Forschung zeigt, dass kaum ein Ereignis so hart ist für einen Menschen wie eine Entlassung. Wie wichtig ist die soziale Komponente der Kurzarbeit?

Leuthard: Wenn die Menschen keine Arbeit und keine Tagesstruktur mehr haben, ist das eine soziale Zeitbombe. Sie fühlen sich stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie brauchen enorm viel Energie und ein stützendes Umfeld, um wieder einen Job zu finden. Darum ist der psychologische Aspekt bei der Kurzarbeit äusserst wichtig.

Wollen Sie die Dauer für Kurzarbeit nicht gleich auf 24 Monate erhöhen?

Leuthard: Wir haben dieses Thema vor wenigen Tagen in der Wirtschaftskommission des Nationalrats diskutiert. Im Moment ist die Arbeitgeberseite sehr skeptisch, und ich kann das durchaus nachvollziehen. Die Arbeitgeber argumentieren, es sei sehr schwierig für Mitarbeiter, motiviert zu bleiben, wenn sie so lange kurzarbeiten müssen. Dennoch schliessen wir eine solche erneute Verlängerung nicht aus. Denkbar ist, dass wir zuerst einmal die gesetzliche Grundlage schaffen, denn diese besteht noch nicht. Danach kann dann der Bundesrat je nach Entwicklung der Lage die Dauer erhöhen.

Was ist ihre persönliche Haltung?

Leuthard: Ich hoffe, dass wir die Dauer nicht noch einmal erhöhen müssen.

Bereits sind Forderungen laut geworden, die Zahl der Taggelder in der Arbeitslosenversicherung generell auf 520 Tage auszudehnen.

Leuthard: Dazu sage ich klar nein. Wir haben im heutigen Gesetz die Möglichkeit, dass schwer betroffene Regionen mit einer Arbeitslosenquote von über 5% ein Gesuch um Verlängerung stellen können. Der betreffende Kanton muss sich allerdings bereit erklären, sich an den Kosten zu beteiligen. Diese Lösung finde ich gut. Bei einer generellen Verlängerung der Taggelder besteht die Gefahr, dass die Kantone im Vertrauen auf das Engagement des Bundes und der Arbeitslosenversicherung ihre arbeitsmarktorientierten Massnahmen zurückfahren. Wenn klar ist, dass man sich anstrengen und flexibel bleiben muss, ist das auch besser für die Betroffenen.