Tradition wird gross geschrieben im 1559 erbauten Château d’Auvernier, mitten im gleichnamigen Dorf am westlichen Ufer des Neuenburgersees gelegen. «Seit über 400 Jahren befindet sich das Château d’Auvernier in Familienbesitz», erklärt Gutsleiter Thierry Grosjean. «1603 ging das Schlossgut an die Familie Chambrier über und wird seither von ihren blutsverwandten Nachkommen bewohnt und geführt.» Nach den Sandoz-Rollin, Pourtalès und Montmollin ist heute Thierry Grosjean in 14. Generation Schlossherr und Gutsleiter. Vor nunmehr 20 Jahren übernahm er das Anwesen von seinem Grossvater Aloys de Montmollin, der es seit 1959 geführt hatte. «Mein Grossvater», erzählt Grosjean, «war ein warmherziger, fröhlicher Mensch, mit dem ich mich von klein auf gut verstand. Er weckte in mir das Interesse am Weinbau. Schon früh stand für mich fest, dass ich einmal Winzer werden wollte.»

Nach Abschluss der Handelsschule in Luzern absolvierte Grosjean eine Winzerlehre in Meilen und Wädenswil. Es folgten ein Arbeitsaufenthalt in einem südafrikanischen Weingut und schliesslich der Önologie-Abschluss an der Ingenieurschule in Changins. «Als ich 1977 auf Château d’Auvernier anfing, erzeugten wir drei Weine: Einen Neuchâtel Blanc, einen Oeil de Perdrix und einen Pinot noir. Nach dem Tod meines Grossvater übernahm ich 1980 die Leitung des Betriebs, der meiner Mutter Christiane und ihren zwei Brüdern Gérald und Jean-Jacques gehörte. Um das Schlossgut wie bislang als Einheit weiterführen zu können, übertrugen sie es 1988 an mich.»

Gezielt umgestellt auf IP

Grosjean erweiterte durch den Zukauf neuer Parzellen die Rebfläche, reorganisierte das Weingut und stellte bei der Traubenkultivierung auf die umweltschonende Integrierte Produktion (IP) um. Früh erkannte er, dass die Zukunft des Weinbaus in der Kelterung von qualitativ hochstehenden Weinen liegen würde. «Es war mein Ehrgeiz, zu zeigen, dass wir im Kanton Neuenburg mehr als nur Oeil de Perdrix herstellen können», kommentiert er. Zu den klassischen Rebsorten Pinot noir und Chasselas kamen Chardonnay und Pinot gris hinzu, jüngst auch noch Sauvignon blanc sowie die Schweizer Neuzüchtungen Gamaret und Garanoir, die mit Pinot noir zum «Mosaïque» assembliert werden, einem im Barrique ausgebauten, vollmundig-warmherzigen Rotwein. Er wird nur in kleinen Mengen erzeugt. Vom 2006er, dem ersten Jahrgang, wurden gerade mal 1600 Flaschen abgefüllt, in Zukunft sollen es 4000 Flaschen sein.

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Pinotnoir stellt den Löwenanteil

Heute werden auf Château d’Auvernier die Trauben von 60 ha Rebfläche verarbeitet. Damit gehört das Schlossgut, das 10% der kantonalen Ernte liefert, zu den grossen unter den helvetischen Privatkellereien. «47 ha sind eigene und gepachtete Parzellen, die wir selbst bewirtschaften, die restlichen 13 ha werden von Rebbauern kultiviert, mit denen wir schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten.» Den Löwenanteil der Rebfläche stellt mit rund 60% der Pinot noir. «Geologisch sind unsere kalkhaltigen, leichten bis mittelschweren Böden mit jenen des Burgunds zu vergleichen», erläutert Grosjean und fügt an, dass bei neu zu bestockenden Pinot-noir-Parzellen ausschliesslich Burgunderklone verwendet würden. «Die geben eindeutig die besseren Resultate als unsere Schweizer Klone.» Ein bisschen mehr als ein Viertel der Rebfläche nimmt der Chasselas ein, der als «Neuchâtel Blanc» und als «Non Filtré» auf den Markt kommt.

Letzterer ist eine Neuenburger Spezialität. Als erster Wein eines Jahrgangs kommt er am 3. Mittwoch im Januar in den Handel. Wie der Name andeutet, wird er vor der Abfüllung nicht filtriert. Die Schwebstoffe der Weinhefe lassen den Wein trüb erscheinen und verleihen ihm eine markante Note von Zitrusfrüchten. Neben den bereits erwähnten in jüngster Zeit gepflanzten Sorten runden mit je einem Rebflächenanteil von gut 5% der Chardonnay und der Pinot gris den Rebsortenspiegel ab. Aus beiden Varietäten werden zwei trockene Weine gekeltert: Eine im Stahltank vinifizierte, fruchtbetonte Version sowie ein im Barrique vergorenes und ausgebautes Gewächs. Von spät gelesenen Pinot-gris-Trauben wird zudem mittels Cryoextraktion ein delikater Süsswein erzeugt.

Und die Zukunft? Läuft sich bereits die 15. Generation warm, um dereinst das Schlossgut zu übernehmen? «Neben der Führung und Konsolidierung des Betriebs gehört es zu meinen Aufgaben, das Château d’Auvernier an die nächste Generation weiterzugeben», antwortet Grosjean salomonisch. «Zurzeit ist es aber noch zu früh, um darüber zu reden.»