Serbelt die Wirtschaft dagegen vor sich hin, prognostiziert man, dass es in der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres wieder besser gehen wird. Im Übrigen zeigt man sich besorgt. Worüber? Egal. Das macht sich einfach besser.

Erinnern Sie sich an die Herbstprognose der Konjunkturforschungsinstitute und der grossen Banken für das Jahr 2010? Nachdem die Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009 einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität in der Schweiz von gut 2 Prozent verursacht hatte, haben uns die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich, die UBS und die Credit Suisse im Gleichklang erklärt, dass das Wachstum des Jahres 2010 höher liegen sollte. Im Schnitt prognostizierten die drei wichtigsten Prognosehäuser der Schweiz ein Wachstum von 0,8 Prozent. Gleichzeitig herrschte Sorge über eine Fortsetzung der Bankenkrise. Trotz anziehendem Wachstum schien der Weltuntergang nicht fern.

Erinnern Sie sich an die Herbstprognosen der Konjunkturforschungsinstitute und der grossen Banken für das Jahr 2011? Nachdem die Wirtschaft trotz der prognostizierten 0,8 Prozent mit gut 3 Prozent im vergangenen Jahr gewachsen ist, prognostizieren uns KOF, UBS und CS nun einen Rückgang der Wachstumsrate des Jahres 2011 von im Schnitt gut 1 Prozent auf knapp 2 Prozent. Und Sorge herrscht über die Euro-Krise und die Frankenstärke. Trotz positiver Wachstumsprognose schien der Weltuntergang nicht fern.

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Was kann man daraus lernen? Zunächst einmal, dass Sorge hin, Sorge her der Weltuntergang noch ein wenig auf sich warten lassen wird. Dann sicherlich, dass man den Herbstprognosen für das durchschnittliche Wachstum des kommenden Jahres nicht allzu viel Beachtung schenken darf. Und schliesslich, dass diejenigen, die nach diesen Prognosen fragen, offensichtlich wenig lernfähig sind. Immerhin wiederholt sich das viel beachtete Schauspiel in schöner Regelmässigkeit seit vielen Jahren.

Was man auf keinen Fall aus diesen Beobachtungen schliessen darf, ist, dass KOF, UBS und CS keine guten Ökonomen beschäftigen. Meine Erfahrung sagt mir, dass es dort ganz hervorragende Kollegen gibt. Nein, die grosse Fehlbarkeit der Konjunkturprognosen ist auch kein Schweizer Phänomen. So kam die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» im letzten Jahr zum Schluss, dass auch in Deutschland die Konjunkturprognosen der sogenannten Wirtschaftsweisen nur marginal besser seien als Würfeln. Auch international sieht die Bilanz der Konjunkturprognostiker nicht besser aus. So wies die Federal Reserve Bank of Boston jüngst darauf hin, dass die US-Prognostiker das amerikanische Wirtschaftswachstum im Schnitt um fast 2 Prozent unterschätzt hatten.

Wenn man den Ökonomen der genannten Institutionen etwas vorwerfen kann, dann, dass sie wider besseres Wissen so tun, als besässen sie Fähigkeiten, die sie nicht besitzen. Dabei erscheint es noch nachvollziehbar, dass man nach bestem Wissen und Gewissen erstellte Prognosetabellen hat, die den erwarteten Zeitpfad für Zukunftsvariablen angibt. Dass man dann aber im Rahmen von Prognosetagungen und Pressekonferenzen kundtut, wie sich das kommende Jahr entwickeln wird, widerspricht der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass die Prognose des Jahresdurchschnittswachstums des kommenden Jahres eine unsinnige Aktivität ist. Wir Ökonomen sollten wohl lieber frei nach dem österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein mit unserer Wissenschaft umgehen: «Worüber man nicht reden kann, darüber sollte man schweigen.»

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Das ist umso bedauerlicher, weil die Ökonomie tatsächlich extrem wertvolle Hinweise über die zukünftige Wirtschaftsentwicklung geben könnte. So sind unsere Prognosen der Trendwachstumsraten der verschiedenen Volkswirtschaften erstaunlich genau. Auch im konjunkturellen Kontext können wir tatsächlich wichtige Informationen geben. So wissen wir ziemlich genau, was in den kommenden Monaten in der Wirtschaft passieren wird. Besonders hilfreich bei der Einschätzung dieser kurzfristigen Wirtschaftsentwicklung sind dabei übrigens die von KOF, UBS und Credit Suisse durchgeführten Befragungen der Unternehmen. Doppelt bitter also, dass die unsägliche Sucht nach Profilierung durch Herbstprognosen unsere Zunft so in Verruf bringt.

Noch schlimmer sind diejenigen, die leichtfertig Wechselkursprognosen abgeben. Sie kennen alle die Prognosen, die uns weismachen wollen, dass die Stärke eines Wechselkurses vom Wachstum der Wirtschaft oder der Verschuldung des Staates abhängt. Fragen Sie diese Prognostiker einmal nach der empirischen Evidenz für diese Behauptungen. Es gibt keine. Die einzige Grösse, die konsistent den Verlauf eines Wechselkurses erklärt, ist der Vergleich der Inflationsentwicklung zwischen den beiden gehandelten Währungen. Alles andere ist Humbug. Oder anders gesagt: Würfeln ist sogar besser als diese pseudowissenschaftliche Aktivität.

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Ändern können das wohl nur die Nachfrager nach diesen Prognosen. Das sind Sie. Verlangen Sie zusammen mit den Prognosen auch Informationen nach der Genauigkeit der Prognose. Wohl kaum eine andere empirische Wissenschaft kann sich erlauben, nur Erwartungswerte ohne eine Angabe der statistisch zu erwartenden Streuung um diesen Wert zu veröffentlichen. Wenn Sie diese Zahlen sehen, werden Sie sich wundern. So bedeutet eine Prognose von 2 Prozent Wachstum in den USA, dass der später realisierte Wert mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit zwischen 0 und 4 Prozent liegen wird.

Und wo stehen wir im Augenblick mit der Konjunktur? Wenn man den Informationsgehalt der bis heute veröffentlichten Daten ernst nimmt, dann darf man erwarten, dass in den kommenden Monaten die Wirtschaft unserer wichtigen Handelspartner kräftig weiter wachsen wird. Insbesondere Deutschland scheint zur Konjunkturlokomotive zu werden. Das europäische Wachstum erscheint trotz enormer fiskalischer Sparbemühungen praktisch aller Länder der Euro-Zone damit selbsttragend zu sein. Die USA wachsen dagegen vor allem wegen des erneuten fiskalischen Stimulus, insbesondere aufgrund der durch Steuer- und Abgabenerleichterungen weiter wachsenden verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte.

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Und in der zweiten Jahreshälfte? Darüber wissen wir wenig.