Wir werden in unseren Schulden ertrinken», prophezeit Griechenlands Premier Giorgos Papandreou. Das ist viel Pathos. Die Lage ist aber auch ernst. Spekulationen über einen möglichen Staatsbank-rott machen die Runde. 300 Mrd Euro Schulden muss Griechenland stemmen, das sind 125% des Bruttoinlandprodukts (Bip). Zum Vergleich: Deutschlands Schuldenlast liegt bei etwa 70%.

Weil Griechenland also scheinbar absäuft, fallen die Kurse hellenischer Staatsanleihen immer weiter. Durchaus zu Recht. Dass das Land jahrelang höchst kreativ Schuldenstand und Haushaltsdefizit schöngerechnet hat, nimmt man aber nicht nur an den Finanzmärkten, sondern spätestens jetzt und offiziell auch in Brüssel wahr.

Es sind bittere Wahrheiten, die in diesen Tagen verkündet werden. Griechenlands Haushaltsdefizit summiert sich ohne Schönrechnerei auf fast 13% des Bip. Das ist europäische Spitze. Aber ist es schon alles? Der Internationale Währungsfonds jedenfalls will die Staatsfinanzen Griechenlands vor Ort überprüfen. Man befürchtet, das Loch sei grösser als von der Regierung gemeldet. Das nennt man Vertrauensverlust. Das Schlimme daran: Der Virus Vertrauensverlust verbreitet sich über die griechischen Landesgrenzen hinaus.

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Der Euro fällt nicht ohne Grund

Athen ist jetzt überall, so scheint es. Auch andere Regierungen sind wohl in die Bredouille geraten. Sie zahlen zwar brav ihre Zinsen. Doch glaubt man ihnen, dass dies so bleibt? Die Gemeinschaftswährung Euro fällt sicher nicht ohne Grund. Die stark steigenden Schulden finanzschwacher Euroländer setzen die Gemeinschaftswährung unter Druck, der Euro notiert inzwischen rund acht Cent unter dem Jahreshoch. Wer Griechenland anprangert, muss auch Portugal, Italien und Irland auf dieselbe Liste setzen.

Es muss ja nicht so weit kommen, dass die globale Finanzkrise wegen Griechenland wieder aufflammt - trotzdem sind die Finanzmärkte extrem nervös. Was, wenn die Risikoprämien so weit in die Höhe schiessen, dass der griechische Staat seine Schulden nicht mehr finanzieren kann? Was, wenn die Zweifel an der Zahlungsfähigkeit anderer Eurostaaten weiter zunehmen? Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) warnt vor einer Verschärfung. «Die Lage in Griechenland ist sehr ernst, die Gefahr eines Staatsbankrotts ist real», sagt IfW-Präsident Denis Snower. «Man darf diese Gefahr nicht kleinreden, auch wenn sie derzeit noch unwahrscheinlich scheint.»

Was also tun? Griechenland versucht es mit einer Art «Goodwill-Tour» quer durch den europäischen Kontinent. Die Regierung steht unter Handlungsdruck, nachdem auch die Ratingagentur Standard & Poors ihre Note für die Kreditwürdigkeit Griechenlands von A- auf BBB+ gesenkt und vor weiteren Schritten gewarnt hat. Zuvor hatte die Ratingagentur Fitch das Land auf BBB+ heruntergestuft es ist die schlechteste Bonitätsnote aller Eurostaaten.

Das Ergebnis der Goodwill-Tour: Die Europäische Kommission verlangt einen Fahrplan für den Schuldenabbau. «Athen muss im Januar konkrete Massnahmen ergreifen, die eine schnelle Konsolidierung der öffentlichen Finanzen sicherstellen», sagt EU-Währungskommissar Joaquín Almunia. Die bisher gemachten Versprechen der Griechen seien «ein Schritt in die richtige Richtung». So will Papandreou das Haushaltsdefizit bis 2013 wieder unter die EU-Marke von 3% bringen. Um dies zu erreichen, soll es drastische Einschnitte geben: 10% weniger Regierungs- und Sozialausgaben, Gehaltskürzungen bei Kabinettsmitgliedern, Staatssekretären sowie Managern staatlicher Firmen, Steuern von bis zu 90% auf Boni in der Privatwirtschaft. Ab 2012 sollen zudem die Staatsschulden abgebaut werden, die zurzeit bei 113% des Bip liegen und 2010 gut 120% erreichen.

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Gefährdete Industriestaaten

Ob den Worten Taten folgen? Oder werden die finanzstärkeren Euroländer Griechenland durchschleifen müssen? Auf Kosten des Steuerzahlers und auf Kosten anderer Investitionen des Staats. Es darf spekuliert werden, ob Deutschland und Frankreich eher Gemeinschaftsanleihen mit den Wackelkandidaten begeben, als den Zahlungsausfall eines Eurostaats hinzunehmen. Im Falle eines recht realistischen Beistands aus Berlin und Paris wären Griechenland-Anleihen auf dem aktuell tiefen Preisniveau sogar einen Kauf wert. Schwere Zeiten stehen an für Staatsanleihen. Brüsseler Hilfen mögen Griechenland unterstützen, die Bonität bislang relativ solider Länder aber sicher nicht. Nach Einschätzung der Ratingagentur Moodys wächst bei Staatspapieren generell das Risiko von Zahlungsausfällen.

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Auch Schwellenländer betroffen

Gerade die grossen Industriestaaten sind gefährdet. Von Deutschland ist bei Moodys noch nicht die Rede, jedoch sind die USA und Grossbritannien in der Pflicht, überzeugende Pläne zur Reduzierung der Defizite vorzulegen. «Ansonsten könnten sie schon 2011 ihre Bonitätsbestnoten einbüssen», so Pierre Cailleteau, bei Moodys für die Ländereinstufung verantwortlich. «Die langfristigen Zinsen werden weltweit steigen und damit die wahren Kosten der Finanz- und Wirtschaftskrise offenbaren.» Kein Land könne sich erlauben, mit Konsolidierungsplänen zu warten, bis sich die Wirtschaft nachhaltig erholt hat. «Investoren könnten beginnen, das Undenkbare zu denken, ob auch reiche Staaten an ihrem Schuldendienst scheitern können», warnt Cailleteau. Moody's befürchtet, dass die Refinanzierung für Industrienationen im kommenden Jahr teurer wird: Nach dem Krisenjahr 2009, in dem die Anleihen von Ländern mit guten Ratings sehr gefragt und für die Staaten entsprechend günstig waren, sei 2010 bestenfalls mit einer Normalisierung und schlimmstenfalls mit einer deutlichen Verschlechterung der staatlichen Refinanzierungsbedingungen zu rechnen.

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Auch für die Schwellenländer sind die Finanzierungsbedingungen schwieriger geworden. So wurde die Bonitätsnote Mexikos gerade von BBB+ auf BBB gesenkt. Und der Ukraine steht das Wasser scheinbar bis zum Hals, anders kann deren Bitte zur vorzeitigen Auszahlung einer für 2010 geplanten IWF-Kredittranche in Höhe von 2 Mrd Dollar nicht verstanden werden.