Die Produkte von Sculptura sind nicht für die Ewigkeit bestimmt. Sie schmelzen spätestens mit der Frühlingssonne, denn sie bestehen im Grunde aus nichts anderem als aus Wasser. «Wir leben davon, dass wir immer wieder etwas Neues bauen können», erklärt Roger Leu, Geschäftsführer und Mitbesitzer.

Dem 37-Jährigen steht die Freude an seinem Tun ins Gesicht geschrieben. Und wenn man dem vierköpfigen Team bei der Fertigstellung des Schneeschlosses «Castell Arosa» zuschaut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier ein paar Menschen einen Kindheitstraum erfüllen.

Auch Yello unter den Kunden

Ausgerüstet mit Faserpelz, Sonnenbrille, Skimütze sowie gefütterten Gummihandschuhen, ritzt einer der Mitarbeiter eine Steinbrocken-Optik in die Schneemauer. Der andere formt aus weichem Schnee-Wasser-Gemisch in geduldiger Kleinarbeit den Schriftzug «Castell Arosa». Im Laufe der Jahre hat man gelernt: Um sie vor dem frühzeitigen Schmelzen zu bewahren, werden feine Arbeiten wie Schriftzüge jeweils auf der Schattenseite angebracht.

Das 1989 gegründete St. Galler KMU ist zwar ein Nischenplayer unter den Nischenplayern, doch das Geschäft läuft: An Aufträgen mangelt es den Schneekünstlern nicht. Zu den Kunden gehören Hotels, Tourismusvereine, Sportmarken und andere. In 20 Jahren sind so Hunderte vergängliche Kunstwerke entstanden - und wieder geschmolzen: Schneebars, Spielplätze, Erlebniswelten, Firmenlogos, Showbühnen, Schneeburgen oder Snowboardschanzen. Die Schweizer Kultband Yello hat sich als Location für ihren Videoclip «Of course I’m lying» eine Schneekulisse von Sculptura ausgesucht. Selbst an der Basler Fasnacht wurden schon Schneeobjekte mitgeführt.

Anzeige

Auf reges Echo stösst zudem das Schneeskulpturenbauen als Firmenanlass oder -ausflug, der nebst Spassfaktor eine teambildende Komponente bietet. Die Mitarbeiter eines Unternehmens arbeiten ein paar Stunden am eiskalten Objekt und werden dabei von professionellen Schneeskulpturenbauern begleitet. Symbolträchtige Mottos wie «Brücken bauen» eignen sich für die Team Building Events besonders gut. «Schnee ist sehr dankbar. Man ist frei in der Gestaltung, und jeder kann mitmachen, denn falsch machen kann man bei diesem Werkstoff eigentlich nichts», sagt Leu, der über einen Hintergrund als Erlebnispädagoge verfügt.

Mit einem Frosch hatte in den 1960er-Jahren alles begonnen. Damals war Sculptura-Firmengründer Beat Brunner noch ein Kind und baute mit seinem Grossvater einen riesigen Schneefrosch im Garten - ein Aha-Erlebnis mit weitreichenden Folgen. Auch mit Pfadfinderkollegen gestaltete Brunner immer wieder Schneeskulpturen, die überall auf Anklang stiessen. Was als reines Privatvergnügen begann, wurde bald zur Geschäftsidee: Die Firma Sculptura liess Brunner 1989 ins Handelsregister eintragen, ohne zu ahnen, dass sie 20 Jahre später noch existiert.

Nur zwei Monate Hochsaison

Zwischen 25 und 40 Jahre alt seien die Mitarbeiter, wie Roger Leu erläutert, der selbst als Schaufler begonnen hat. Im Sommer arbeiten viele von ihnen auf dem Bau, manche davon als Maurer. Um bei Sculptura mitzutun und die schweren Schneequader zu tragen, braucht es nicht nur viel Körpereinsatz und genügend Kraft, sondern auch eine ausreichende Kälteresistenz. 80% der Arbeit besteht aus dem schweisstreibenden Aufeinandertürmen von Schneeblöcken. Der Rest ist Feinarbeit: Etwa das Formen von feinen Elementen und Dekorationen.

In der Hochsaison Dezember und Januar arbeiten die Schaufler oft drei Wochen am Stück und häufig auch in der Nacht. Laut Leu wollen viele Kunden ihre Schneeskulptur auf Beginn der Wintersaison im Dezember fertig haben. Bis April soll etwa auch das im Januar gebaute Schloss (siehe Foto) neben dem Eisplatz in Arosa stehen bleiben und als Schauplatz für verschiedene Events genutzt werden. Schätzungsweise 400 m3 Schnee sind hier verarbeitet worden, der grösstenteils beim Leerräumen des Eisfeldes entstanden ist. Damit das Schloss möglichst lange hält, wird es jeden Abend mit Wasser bespritzt. Wie die meisten Objekte, die ebenso als Kinderspielplatz genutzt werden, verfügt das Schloss über eine Rutschbahn von der Terrasse in die untere Etage sowie verschiedene Schneehöhlen, in denen ein Barbetrieb möglich ist.

«Wir wollen keine Millionen verdienen. Wir sind zufrieden, wenn wir unsere Leute beschäftigen können und unsere Kunden zufrieden sind», ergänzt Leu. Naturgemäss läuft das Geschäft nur im Winter - im Sommer geht jeder einer anderen Arbeit nach. Statt auf teure Werbung setzt Sculptura auf die Verbreitung durch das Internet mitsamt seinen sozialen Netzwerken - und auf die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda. In Arosa gelingt das bestens: Das Schneeschloss ist unübersehbar und animiert fast jeden Passanten zum Anhalten und Staunen.