Weil die bisherigen Anschlussnetze aus Kupfer in absehbarer Zukunft an ihre Leistungsgrenzen stossen, müssen sie durch Glasfaser ersetzt werden. Das führt nicht nur zur Diskussion, wer Glasfaser baut, wieweit eine Kooperation beim Bau sinnvoll ist und zu welchen Konditionen Glasfaser anderen Anbietern zugänglich gemacht werden soll. Es stellen sich auch Herausforderungen an den Einkauf und die Logistik. Allein Swisscom wird in den Ausbau des Glasfasernetzes bis 2015 rund 2 Milliarden Franken investieren.

Beim Aufbau des künftigen schweizweiten Glasfasernetzes setzt Swisscom auf Kooperationen mit Elektrizitätswerken (EW) und Kabelnetzbetreibern. Durch die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern ist es möglich, das Glasfasernetz schneller zu bauen, da die Partner Synergien nutzen können. Ausserdem sparen die Partner Ausbaukosten ein und können das Investitionsrisiko teilen.

Balanceakt zwischen Preis und Qualität

Doch welche Aufgaben und neuen Herausforderungen ergeben sich für die Beschaffung? Einkäufer machen aus Waren Werte. Zu den Kernaufgaben eines Einkäufers gehören das Lieferantenmanagement, die Entwicklung von Lieferstrategien und die kontinuierliche Prozessoptimierung - mit dem Ziel, einen maximalen Wertbeitrag für das Unternehmen zu erwirtschaften. Dies geschieht stets im Balanceakt zwischen Preis und Qualität. Mit einem so strategischen und langfristigen Projekt wie dem Glasfaserausbau ergeben sich auch für den Einkauf von Swisscom neue An- und Herausforderungen.

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Swisscom verbaut seit 25 Jahren Glasfasern und verfügt über existierende, zumeist langjährige Lieferantenbeziehungen. Beim Start des FTTH-Projekts (fiber to the home) wurden die bis anhin verwendeten Materialien im Bereich Glasfaserbau analysiert. Insbesondere wurde die Frage gestellt, was davon sich für den Ausbau bis in die Haushalte verwenden lässt. Die Recherchen ergaben, dass rund 50 Prozent des bestehenden Materials auch für FTTH weiterverwendet werden können.

Der übrige Bedarf wurde neu evaluiert oder mit Lieferanten gemeinsam entwickelt. Daraus ergab sich eine weitere Frage für den Einkauf: Sind die bestehenden Lieferanten aufgrund der Preise und des zu erwartenden Volumens noch die richtigen und können sie die Anforderungen von Swisscom hinsichtlich der erforderlichen Menge überhaupt bewältigen?

Single Source versus Second Source

Der Entscheid, welche Lieferantenstrategie für eine Artikelkategorie zur Anwendung kommt, steht am Anfang jedes Beschaffungsvorhabens. Für die Materialbeschaffung für FTTH verschafften sich die Einkäufer von Swisscom eine globale Marktsicht. Die Recherchen und Offertanfragen ergaben, dass bei Berücksichtung aller Faktoren rund um Logistik, Nachhaltigkeit, Verfügbarkeitsrisiko, technische Anforderungen und Preis europäische Hersteller absolut konkurrenzfähig sind. Swisscom bezieht die notwendigen Leistungen deshalb mehrheitlich in Europa.

Mit der Glasfasertechnologie bis in die Haushalte baut Swisscom eine neue Netzgeneration. Die notwendigen Glasfaserkabel sind zwar standardisiert, müssen jedoch die strengeren Spezifikationen erfüllen. Aus Gründen der Mengengarantie und Liefersicherheit beschafft Swisscom Glasfaserkabel bei mehreren Lieferpartnern. Die Einkäufer achten bei ihrer Lieferantenwahl darauf, dass Swisscom eine gewisse Wichtigkeit als Top-Kunde einnimmt, da nur so eine schnelle und qualitativ hochwertige Lieferung garantiert werden kann. Die meisten Lieferpartner erlauben eine Optimierung des Durchschnittspreises pro Artikel und minimieren so das Risiko bei Marktverknappung, Preisschwankungen oder auch Qualitätsproblemen.

Bei den notwendigen Muffen und Zubehörteilen hingegen arbeitet die Beschaffung bei Swisscom jeweils mit einem exklusiven Lieferpartner. Die Muffen sind zwar normiert, aber Swisscom möchte in ihrem Netz ein einheitliches Produkt verbauen. Dies vereinfacht die Logistik, die Lagerhaltung, den Unterhalt und das Mengenmanagement erheblich.

Egal, ob mit exklusiven oder mit mehreren Partnern gearbeitet wird, ein Anspruch stellt sich für die Einkäufer jedoch laufend: Wie optimiere ich die Kosten und erhalte trotzdem beste Qualität? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn bereits im Vorfeld des Beschaffungsvorhabens eine ganzheitliche Sicht unter Einbezug aller Kosten eingenommen wird. Nur wenn alle bekannten, aber auch versteckte Kosten identifiziert werden können, kann der Einkäufer seine richtige Entscheidung treffen.

Auswahl der Vertragspartner

Zentral für die Auswahl der Realisierungspartner ist eine gute Marktkenntnis, sowohl des Schweizer als auch der Märkte der Nachbarländer. Evaluiert wurden grössere Schweizer Firmen, ergänzt durch einige wenige aus dem angrenzenden Ausland. Schweizer Firmen kennen die Verhältnisse vor Ort, verfügen über das notwendige persönliche Beziehungsnetzwerk und geniessen das Vertrauen der Bevölkerung. Zudem sind Schweizer Generalunternehmen durchaus konkurrenzfähig.

Swisscom setzt auf partnerschaftliche Verhältnisse und nachhaltige Beziehungen, da der FTTH-Ausbau ein langfristiges Engagement ist. Angestrebt wird eine Zusammenarbeit mit Fokus auf gemeinsame Entwicklung und Kontinuität. Swisscom verfügt im Leitungsbau bereits über ein bestehendes Beziehungsnetz mit ihren Lieferpartnern. Nichtsdestotrotz fand im Vorfeld des FTTH-Ausbaus ein reguläres Ausschreibungsverfahren zur Überprüfung der Marktfähigkeit der Lieferpartner statt.

Swisscom unterzeichnet im Rahmen des Glasfaserausbaus in die Liegenschaften Qualitätsvereinbarungen mit allen Herstellern, Lieferanten, Montagefirmen und führt im Beisein der verantwortlichen Einkäufer Audits vor Ort durch. Durch die qualitätssichernden Massnahmen lassen sich Fehlerquellen entdecken und rasch zuordnen, Prozesse nachhaltig verbessern, Folgeprobleme und -kosten verhindern. Während der Bauphase wird die Prozessqualität geprüft, nach Vollendung des Baus die Ausführungsqualität.

Nach Erschliessung eines Gebietes wird jede Glasfaser einzeln geprüft, was bei 20 Häusern einen Prüfaufwand von 500 Fasern ergibt. Obwohl die Glasfaserinstallation in einer Liegenschaft unter Umständen erst nach einiger Zeit in Betrieb genommen wird, muss die Funktionsfähigkeit bereits direkt nach der Installation sichergestellt sein.