Heute ist Nestlé an der Reihe: Das Unternehmen hat seine Bücher geöffnet und einen Gewinnrückgang für das herausfordernde Geschäftsjahr 2015 gemeldet. Damit bekannte der nächste SMI-Konzern Farbe – die Schweizer Wirtschaft steckt mitten in heissen Phase der Bilanzsaison. Banken wie die Credit Suisse lieferten ebenfalls erste Eckdaten – und enttäuschten die Experten. Wichtige Unternehmen wie Swatch oder Swiss Re legen in Kürze ihre Bilanzen offen.

Für Aktionäre geht es im Jahr nach dem Währungsschock um viel mehr als nur die regelmässige Dividendenausschüttung. Bei vielen Firmen müssen sich Anleger die Frage nach der Zukunftsträchtigkeit stellen: Wie gut ist das Unternehmen aufgestellt? Lohnt sich eine langfristige Investition in die entsprechende Aktie oder Anleihe?

Umsatz und Gewinn vielerorts unter Vorjahresniveau

Der starke Franken, das Tiefzinsumfeld und der sogenannte Goodwill in den Bilanzen sind nur drei Faktoren, die den Finanzchefs Sorgen bereiten – und auf die Bilanzexperten nun besonderes Augenmerk legen: Lukas Marty, Leiter Audit beim Wirtschaftsprüfer KPMG Schweiz, hat die fünf Punkte zusammengestellt, die im aktuellen Wirtschaftsumfeld im Fokus stehen (die fünf wichtigsten Fragen finden Sie auch in der Bildergalerie oben).

Vor allem die Effekte der deutlichen Währungsaufwertung gilt es zu beachten: «Viele Unternehmen mussten Preise senken, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der günstigere Einkauf im Euroraum konnte dies nur teilweise kompensieren», sagt Marty. Damit ist klar: Sowohl Umsatz als auch Gewinn liegen vielerorts unter dem Niveau des Vorjahres.  

Zu berücksichtigen ist darüber hinaus, dass sich die Währungsaufwertung unterschiedlich stark auf die Zahlen durchschlägt: Wer in Schweizer Franken rapportiert und stark im Euroraum investiert ist, dessen Bilanz hat im Zuge der Frankenaufwertung gelitten. «Dies gilt auch für den Effekt aus der Umrechnung der Bilanzen europäischer Tochtergesellschaften, welche unmittelbar das Konzerneigenkapital belastet hat», so der KPMG-Experte. 

«Eindimensionale Massnahmen reichen nicht»

Damit einhergehend steht die Frage im Raum: Welche Anpassungen haben die beobachteten Unternehmen bei Strategie und Portfolio vorgenommen? «Bei vielen Unternehmen reichen eindimensionale Massnahmen nicht, um den Währungseffekt zu kompensieren», analysiert Marty. Zahlreiche Firmen konzentrieren sich auf die margenträchtigeren Geschäftszweige bei einer gleichzeitigen Verlagerung an günstigere Standorte. Beschleunigt wird der strategische Umbau mit Zu- oder Verkäufen von Unternehmensteilen angegangen. 

Der vierte wichtige Punkt, den es laut Marty dringend zu beachten gilt, ist der sogenannte Goodwill, der die  Differenz zwischen dem Kaufpreis einer Firma und dem Wert seiner Aktiven angibt. «Dieser immaterielle Unternehmenswert von Tochtergesellschaften, die in der Vergangenheit zugekauft wurden, muss in einer neuen wirtschaftlichen Situation erneut überprüft und – wo erforderlich – wertberichtigt werden», sagt Marty.  

Tiefe Zinsen und steigende Pensionsverpflichtungen

Immer wieder kann es zu grossen Berichtigungen kommen: «Wenn die ursprünglichen Umsatz- und Gewinnerwartungen heute nicht mehr realistisch erscheinen, ist der Goodwill entsprechend nach unten zu korrigieren.» Für Unternehmen und ihre Anleger kann das problematisch sein (mehr dazu in der Bildergalerie unten).  

Der fünfte, aber nicht minder wichtige, Punkt, den Marty anführt, ist das heutige problematische Zinsumfeld. Tiefe oder gar negative Zinsen stellen Pensionskassen vor besondere Herausforderungen: «Sämtliche Leistungsversprechen der Pensionskassen basieren auf einer angenommenen durchschnittlichen Rendite des Vermögens», sagt Marty. «Bleibt die Rendite über längere Zeit unter der Erwartung oder tendiert gar gegen Null, entsteht eine Finanzierungslücke.» In den Unternehmensbilanzen schlagen sich die tiefen Zinsen in steigenden Pensionsverpflichtungen nieder.

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Der Anteil heisser Luft in Schweizer Bilanzen steigt an

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In den Bilanzen der SMI-Unternehmen türmt sich der sogenannte Goodwill. Im Durchschnitt beträgt er 29 Prozent des Eigenkapitals. Das sind die zehn Firmen mit den grössten Goodwill-Eigenkapital-Verhältnissen (Geschäftsjahr 2014):