Die grösste Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte scheint endgültig vorbei zu sein: Gerade die industriellen KMU strotzen vor Euphorie, und die Sorge um ausreichende Liquidität wird von der Befürchtung abgelöst, die vollen Auftragsbücher nicht rechtzeitig abarbeiten zu können.

Die deutlich bessere und stabilere Wirtschaftslage erlaubt aber auch, den Blick wieder stärker auf strategische Themen zu richten und sich intensiver mit der Frage zu befassen, welche Entwicklungen die nächsten Jahre besonders stark prägen werden. Ein Schlagwort, das in diesem Zusammenhang immer häufiger zu hören ist, lautet «Volatilität». Der Begriff mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen.

Doch die Analogie mit einem lebenden Organismus ist durchaus beabsichtigt, verweist sie doch auf zweierlei Sachverhalte: Einerseits auf die grundsätzliche Komplexität, Interdependenz und enorme Dynamik der Umweltbedingungen eines Lebewesens und anderseits auf die erstaunliche Fähigkeit zur schnellen und effizienten Adaption an diese Bedingungen.

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Genau auf diese Fähigkeit ist das Management globaler Wertschöpfungsketten dringender denn je angewiesen. Das zeigt zumindest die Studie «Atmende Supply Chains», die das Supply Chain Management Institute an der EBS Universität gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Lünendonk jüngst veröffentlicht hat.

Schwankungen werden heftiger

So diagnostizieren die Studienteilnehmer - ausschliesslich Top-Entscheider - sowohl eine sehr deutliche Zunahme der Marktvolatilität als auch eine höhere Frequenz der Markt- und Konjunkturzyklen. Lieferanten, Rohstoffe, Wettbewerbsintensität und Kunden weisen dabei eine besonders hohe Veränderungsdynamik auf und sind gerade aus der Beschaffungsperspektive potenzielle Krisenherde.

Die Unternehmer rechnen mit einer deutlichen Zunahme der Auswirkungen exogener Schocks, verursacht insbesondere durch den globalen Aktionsradius und die hohe Integration der Wertschöpfungsketten. Folgerichtig wird auch die steigende Bedeutung des Supply Chain Management für den unternehmerischen Gesamterfolg klar erkannt. Das äussert sich mit wachsender Macht in immer engerer Vernetzung mit anderen Unternehmensbereichen: Einkäufer und Logistiker, die früheren Schmuddelkinder des Managements, ziehen in die Geschäftsleitung ein.

Diese Entwicklung hat weitreichende Auswirkungen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Mehrheit der Unternehmen im Begriff ist, interne Abläufe und Strukturen den globalen Trends anzupassen. Dabei wächst das Interesse für innovative Planungstechniken. Wie etwa die Szenarioplanung oder das Roadmapping, welche klassische Verfahren wie Prognosen und Trendfortschreibung ergänzen sollen, um sich effektiver auf ein komplexes und volatiles Marktumfeld vorbereiten zu können.

Neue Prioritäten

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat viele mittelständische Unternehmen heftiger und überraschender getroffen als Grosskonzerne. Nun soll eine effiziente, flexible und strategisch gesteuerte Supply Chain helfen, zukünftige Schocks ohne nachhaltige Substanzverluste zu überstehen.

Entsprechend werden auch die Prioritäten in Beschaffung und Logistik neu sortiert: Die Einbindung von Lieferanten und Kunden in die Optimierung der Supply Chain wird als die wichtigste Aufgabe betrachtet, um in volatilen Märkten zu bestehen. Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen zählen darüber hinaus strategisches Lieferantenmanagement zu den zentralen Ansätzen, um besser auf exogene Schocks vorbereitet zu sein.

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Insgesamt scheint die KMU-Industrie entschlossen, sich nicht noch einmal von einer wirtschaftlichen Entwicklung kalt erwischen zu lassen. Dies lassen zumindest Umfang und Tiefe der Auseinandersetzung mit den skizzierten Fragestellungen vermuten. Doch nicht alle Themen, die darüber entscheiden werden, ob der Mittelstand sich im Zeitalter volatiler Märkte behaupten wird, stehen bislang im Fokus.

Gerade die Gewinnung und Entwicklung hochqualifizierter Mitarbeiter für das Supply Chain Management sowie der Aufbau ökologisch und sozial nachhaltiger Wertschöpfungsnetzwerke rangieren in der Liste strategischer Prioritäten auf den hintersten Plätzen und weisen gleichzeitig auch den geringsten Reifegrad aller untersuchten SCM-Dimensionen auf. Erstaunlich, gehören doch die strategische Qualifizierung und die Ausrichtung der Wertschöpfungsketten an ökologischen und sozialen Kriterien neben der Marktvolatilität zu den Entwicklungen, die das Supply Chain Management in den nächsten Jahren am stärksten beeinflussen werden.

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