Wann entdeckten Sie Ihre Liebe zum Design?

Masayuki Kurokawa: Als Kind spielte ich immer in einem kleinen Bach - mir erschien er wie ein grosser Fluss. Ich war ständig am Fischen, Schwimmen und Dämmebauen. Ich wuchs zum Glück mitten in der Natur auf. Das prägte mich und war Quelle meiner Inspirationen und meiner Motivation. Die Inspiration für meine Porzellankollektion mit den stapelbaren Gefässen ist das Blatt der Lotuspflanze, das einst als ideale Unterlage zur Nahrungsaufnahme diente.

Woher nehmen Sie heute als berühmter Gestalter noch Ihre Motivation?

Kurokawa: Bis heute habe ich nie entworfen, um zu verkaufen, sondern was ich selbst gern haben wollte oder benötigte. Das bedeutet allerdings auch, dass ich Produkte für einen kleinen Liebhaberkreis entwerfe und produzieren lasse, ein Luxus für mich und für andere.

Ihre Teekanne ist so ein Produkt?

Kurokawa: Die Faszination von «Irony» liegt im Material: Gusseisen. Gegossenes Eisen wird mit Lack überzogen und in lodernden Flammen gebrannt, sodass eine Eisenoxydschicht auf der Oberfläche entsteht. Dieser Vorgang verhindert Rost und verleiht das schöne Finish. Produkte aus Gusseisen strahlen ein Leben lang ein unbeschreibliches Gefühl von Schönheit aus. Gusseisen ist für mich ein Symbol für den Erdboden, es symbolisiert die Kraft dieser Erde. In Japan wurde beim Herstellen eines Objektes dem Material seit jeher mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Form. Um die traditionelle Oberflächenstruktur des Eisens authentisch zu belassen, haben meine modernen Designs einfache geometrische Formen, die die Feinheiten des Materials zur Geltung bringen.

Sie zeigen auf ein wertvolles Detail?

Kurokowa: Deckel und Knauf sind Arbeiten des verstorbenen Handwerksmeisters Tetsuyuki. Nach seinem Tod wurden in seinem Speicher noch etwa hundert bereits kunstvoll gefertigte, unterschiedliche Deckel und Knäufe für Kannen entdeckt, die für die traditionelle Tee-Zeremonie gebraucht werden. Ich habe deshalb alle meine neuen Kessel in Übereinstimmung mit diesen kunstvollen Knäufen entworfen, mich fasziniert die Übereinstimmung der traditionellen Technik mit modernen Formen.

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Sie sagen, eiserne Kessel dienen auch der Gesundheit?

Kurokowa: Gusseisen wird seit der Antike für die Herstellung von Kesseln gebraucht. Man sagt, dass kleine Mengen von Eisen sich im Wasser lösen, wenn der Kessel zum Kochen von Wasser gebraucht wird, und so die Gesundheit fördern.

Schätzen die Schweizer japanisches Design?

Kurokowa: Unsere Auffassungen von Wohnkultur liegen näher beieinander, als man denken könnte. Meine Accessoires vereinen traditionelle Technik und Kultur mit der heutigen Formensprache, für alltägliche Gegenstände des modernen Lebens an. Techniken, die bis in die Edo-Periode zurückreichen, werden bis heute überliefert und weitervererbt. Ähnlich wie für Holzarbeiten in Brienz oder Appenzeller Kunsthandwerk.

Sie arbeiten vorwiegend mit der Farbe Schwarz: Was fasziniert Sie daran so?

Kurokowa: Schwarz hat etwas Anrüchiges, einen leichten Geruch von Lasterhaftigkeit und Lust, und Schwarz suggeriert Begehren. Schwarz ist weit entfernt von göttlicher Glorie, Leben oder Gerechtigkeit. Schwarz hat Macht, von einer Art, die imstande ist, sogar das Laster zu verhüllen, das lebenserhaltend ist und ausserhalb der Reichweite der Justiz. Wie das Schwarze Loch alles Licht in sich aufnimmt, möchte ich, dass der lichtlose tiefe Sinn von Schwarz als eine Herausforderung seinen Platz im alltäglichen Leben findet.

Wie setzen Sie Materialien und Formen ein?

Kurokowa: Material, Form und Funktion sind wesentliche Elemente des Designs, sie sind androgyn, also weiblich wie männlich. Wenn diese drei Elemente aus der Harmonie weggleiten und miteinander in Konflikt geraten oder gegeneinander rebellieren, entsteht ein frischer und zuweilen irritierender Reiz. So wie der Tod im Leben gegenwärtig ist, so existiert die Zerrissenheit in der Harmonie. Es liegt eine besondere Schönheit in der Unbeständigkeit.

 

 


Japanisches Design passt gut zur Schweizer Wohnkultur

Masayuki Kurokawa begleitet seine neuen Produkte nach Europa, besucht Architektur- und Design-Museen in Weil, Basel und Zürich und stellt auf seiner Reise viel Gemeinsames zwischen den Wohnkulturen Japans und der Schweiz fest. Die Wohnkultur in beiden Ländern ist beeinflusst von Tradition und Handwerk und offen für Anpassungen an unsere Zeit und unsere Bedürfnisse. Masayuki Kurokawa entstammt einer Familie, die bereits viele berühmte Architekten und Gestalter sah. Sein Vater war Architekt, ebenso sein älterer Bruder. Seine Mutter mit grossen musischen Talenten spielte Gitarre und Mandoline. Die Familie lebte in einem traditionellen Haus ausserhalb von Nagoya. Aus seinem Elternhaus stammt auch seine grosse Liebe zur japanischen Teezeremonie - er konnte gar einen der bekanntesten Zeremonienmeister Kyotos gewinnen, ihn auf seinem Weg zum Master of Tea Ceremony zu begleiten. Er liebte es, Dinge herzustellen, und entwarf früh seine eigenen Spielsachen. Er beobachtete seinen Vater beim Zeichnen und Malen, besonders bei seinen Tusche-Illustrationen für «Haiku» (japanische Gedichtform). (sch)