Der Verkauf an den indischen Hersteller Tata warf hohe Wellen. Ausgerechnet eine ur-britische Institution – die zwar schon fast 20 Jahre zum US-Konzern Ford gehörte – geriet in die Hände eines Unternehmens aus der ehemaligen Kronkolonie Indien. Da waren einige der Nachkommen der früheren britischen Kolonialherren pikiert.

Doch die Wirtschaft nimmt wenig Rücksicht auf emotionale Befindlichkeiten. In den Händen der bedeutendsten indischen Industriegruppe ist die Nobelmarke, die zwingend Geld, viel Geld sogar, für die Entwicklung neuer Modelle benötigt, besser aufgehoben als im Ford-Konzern, dessen finanzielle Probleme – ob mit oder ohne Jaguar – zu einer never ending story zu werden drohen. Bekannt ist zudem, dass sich so manche Inder, wenn sie zur dortigen Wirtschaftselite gehören, nicht selten britischer gebärden als die Engländer selbst. Auch der Managing Director von Jaguar Land Rover Schweiz AG, Stephan Vögeli, hat keinerlei Bedenken, dass aus Jaguar eines Tages ein «Super-Tata» werden könnte.

Ausgeprägt Mut für neues Design

Die Wurzeln respektive die Herkunft eines Autos sind allerdings auf dem Markt ein ganz heikler und entscheidender (Kauf-)Faktor. Ein anderer ist das Design, ist dieses doch letztlich das Gesicht eines Autos. Ein neues Äusseres ist wie eine Schönheitsoperation – misslingt diese, so hat die Pfuscherei verheerende Folgen. Das Design für den XF wurde allerdings entwickelt, als Jaguar noch zum Ford-Konzern gehörte. Den Amerikanern ist hoch anzurechnen, dass sie ihren britischen Kollegen unter Leitung von Chefdesigner Wayne Burgess (38), diesmal wenigstens, genug Freiraum liessen. Denn vor allem das Interieur des Vorgängermodells (S-Type) war auf Kritik gestossen: «Zu viel Ford», hiess es.

Anzeige

Drehknopf statt Ganghebel

Für den XF, der Symbiose aus Limousine XJ und Sportwagen XK, wurde der Innenraum völlig neu konzipiert. Im wahrsten Sinne des Wortes einen neuen Dreh liessen sich die Designer für die Wahl der Gänge einfallen. Statt des üblichen Wahlhebels dient dafür ein Drehknopf, Drive selector getauft.

Damit nicht genug: Nach dem Abstellen des Motors verschwindet der Drehknopf in der Konsole. Eine Spielerei mit Fortsetzung. Wird die Zündung ausgeschaltet, senken sich automatisch Abdeckungen über die Luftdüsen, die aluähnliche Verkleidung des Armaturenträgers erscheint danach wie aus einem Guss. Das Ford-Ambiente wurde verbannt. Das Interieur mit seiner Lederausstattung verdient als Einheit jetzt wieder die Einstufung «Jaguar-like».

Das Karosseriedesign lehnt sich an die eleganten Formen einer früheren Coupé-Studie an, die jedoch – wohl aus finanziellen Erwägungen – nicht gebaut wurde. Aber deren Auftritt wurde weiterentwickelt, was schliesslich zum S-Type-Nachfolger XF mit seinen Coupé-ähnlichen Formen geführt hat. Nach Meinung von Stephan Vögeli ist das neue Modell von der Kundschaft, auch wenn diese von Fremdmarken kommt, sehr gut aufgenommen worden. Vögeli weist darauf hin, dass der XF bereits das meistverkaufte Jaguar-Modell in der Schweiz ist. Bisher weisen die Verkaufszahlen für das 1. Halbjahr im Vorjahresvergleich ein Plus von gegen 17% auf.

Der Jaguar schluckt auch Diesel

Besonders interessant: Fast die Hälfte der XF-Käufer entscheidet sich für die V6-Dieselversion mit Doppelturbo und einer Leistung von 207 PS. Das Aggregat mit Partikelfilter stammt aus der gemeinsamen Entwicklung mit Peugeot-Citroën (PSA). Nicht nur seine Leistung ist eines Jaguars würdig, sondern auch seine Laufkultur. Positiv fällt sodann der Verbrauch auf: Knapp über 10 l liegt dieser im Stadtverkehr, auf der Autobahn zeigt der Bordcomputer lediglich 6,5 l an. An den Selbstzünder wird der Fahrer schliesslich nur noch an der Tanksäule erinnert – nicht wegen des Verbrauchs allein –, sondern weil der Schraubverschluss nicht nur mit der Aufschrift Diesel versehen, sondern auch unübersehbar gelb eingefärbt ist. Ausser dem Diesel stehen drei Benzinmotoren zur Wahl.

Anzeige

Tata will nicht stehen bleiben

Mit dem Modell XF und damit dem Nachfolger des mehr oder weniger glücklosen S-Type hat Jaguar das Fundament für die Zukunft gelegt. Die indische Tata Motors Group wird darauf aufbauen können. Dass Tata die Jaguar-Tradition wahren will, zeigt eine Meldung der letzten Tage. Die Inder tragen sich mit dem Gedanken, den grossen Daimler (nicht zu Verwechseln mit dem Double-Six auf Basis des XJ), mit dem sich einst die britische Königin chauffieren liess, wieder aufleben zu lassen.