Der Schweizer Schokoladekonzern Barry Callebaut will den Konsumenten in den heissen Ländern dieser Erde das Leben mit einer Schokolade versüssen, die erst bei 55 Grad schmilzt. «Intern wird sie Vulcano genannt», bestätigt Barry-Callebaut-Verwaltungsratspräsident An- dreas Jacobs gegenüber der «Handelszeitung». Weiter: «Wir haben diese Schokolade vor kurzem entwickelt, weil wir sehen, dass die Nachfrage existiert.» Länder wie Indien hätten inzwischen ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen, das es mehr Menschen ermögliche, Schokolade zu kaufen. Da aber die Logistikkette fehle und die konventionelle Schokolade innert Kürze auf der Strasse dahingeschmolzen sei, wolle Barry Callebaut mit solchen Innovationen auf den Markt kommen.

Präsentationen vor Kunden laufen

«Wir befinden uns jetzt in der Phase, wo wir die Vulcano-Schokolade unseren Industriekunden präsentieren», ergänzt Barry-Callebaut-Sprecherin Gaby Tschofen. Bis die Produkte dann jeweils im Regal stünden, dauere es zwei bis drei Jahre. Im Moment würde Vulcano erst in kleinen Mengen produziert.

Der Schweizer Schokoladekonzern, der 15% der weltweiten Kakaoernte verarbeitet und Industriekunden wie Nestlé und Cadbury beliefert, ist in warmen Ländern schon lange präsent, etwa in der Belieferung von Fünfsterne-hotels in Asien oder im Nahen Osten, wo viele internationale Gäste konsumieren. Dabei verkauft er aber Schokolade mit dem üblichen Schmelzpunkt von 37 Grad und in einem gehobenen Preissegment.

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Wachstumspotenzial in Indien

Andreas Jacobs ist überzeugt, dass eine gute Schokolade mit hohem Schmelzpunkt auch namhafte Abnehmer finden wird: «Ich gehe davon aus, dass führende Nahrungsmittelkonzerne dieses Know-how vermehrt nutzen werden.» Neben der neuen hitzeresistenten Schokolade gibt es aber auch sogenannte Schokoladenmischungen, die einen höheren Schmelzpunkt aufweisen. Diese Schokoladenmischungen sind laut Tschofen günstiger. Dies ist unter anderem möglich, weil dafür günstigere Fette verwendet werden, also nicht nur Kakaobutter.

Barry Callebaut sieht grosses Wachstumspotenzial in Schwellenländern wie Indien. Um das verlangsamte Wachstum in den reifen Schokoladenmärkten zu kompensieren, baut der Konzern die geografische Präsenz in diesen Wachstumsmärkten ständig aus. Die Schokoladenmärkte Chinas und Indiens verzeichneten 2007/08 zweistellige Zuwächse, gegenüber einem Volumenwachstum von nur 0,3% in Westeuropa.

An hitzeresistenter Schokolade haben sich schon viele versucht. Das US-Unternehmen Hershey’s Chocolate pröbelte im Auftrag der US-Armee bereits vor dem Zweiten Weltkrieg an einer Schokolade, die sie ihren Soldaten in die Tropen mitgeben konnte. Und während der Irak-Operation Desert Storm testete Hersheys den sogenannten «Desert Bar», der aber bei den Armeetruppen nicht gut angekommen ist. Gemäss dem US-Newssender MSNBC wurden seit den 70er-Jahren neun Patente für hitzeresistente Schokoladeprodukte eingereicht. Aber kein Produkt hat sich, mangels guten Geschmacks, durchgesetzt. Auch der Expansion der Nestlé-Schokoladen sind aus klimatischen Gründen Grenzen gesetzt. Dennoch vertreibt der Nahrungmittelmulti in einigen Ländern Schokolade, deren Schmelzpunkt höher liegt als bei hiesigen Produkten, sagt Nestlé-Sprecherin Nina Backes. Hierzulande liege dieser Schmelzpunkt bei 32 bis 33 Grad, in tropischen Ländern bei 35 bis 36 Grad. Länder, in denen Schokolade mit höherer Schmelztemperatur verkauft wird, seien beispielsweise Indien, China, Malaysia oder Indonesien.

Der Premium-Schokoladehersteller Lindt & Sprüngli hat keine Absicht, die Massen der Konsumenten in allen Ländern zu erreichen. «In Ländern, die logistisch und infrastrukturmässig keine optimalen, flächendeckenden Voraussetzungen für den Transport und Vertrieb unserer Qualitätsprodukte bieten, beschränken wir uns auf ausgelesene, moderne Distributionskanäle. Beispielsweise auf Grossstädte und Duty-Free-Bereiche in Flughäfen», erklärt Konzernsprecherin Sylvia Kälin. Deshalb sehe man auch keinen Anlass, die bewährten Schokoladerezepturen in Frage zu stellen und andere, grundlegend von der Philosophie abweichende Wege in der Forschung und Entwicklung von neuen Schokoladen einzuschlagen.