Gemeinsam gegen Amazon: Mehr als 900 Autoren haben ein Problem mit dem aggressiven Preisdruck des weltgrössten Online-Händlers. Ihr Protestbrief soll am Sonntag als ganzseitige Anzeige in der «New York Times» erscheinen.

Hintergrund ist der «Bücherkrieg», den sich das einst durch E-Books bekannt und gross gewordene US-Versandportal mit dem Verlagshaus Hachette liefert. Amazon drückt mit umstrittenen Methoden die Preise für digitale Bücher, um Konkurrenten als etablierter Branchenführer das Wasser abzugraben.

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Bei den Verhandlungen mit Hachette kämpfte Amazon mit rabiaten Mitteln. Titel des Verlags waren zeitweise nur mit langen Lieferzeiten zu ordern oder gar nicht mehr verfügbar. Der Button für Vorbestellungen wurde kurzerhand deaktiviert.

Die 909 Schriftsteller, unter ihnen berühmte Namen wie Stephen King oder John Grisham, sehen sich in dem Konflikt als Geisel. In dem von Bestseller-Autor Douglas Preston verfassten Protestbrief heisst es zudem, Amazon trage den Streit auf dem Rücken der Kunden aus. Die Leser der «New York Times» sollten Unternehmenschef Jeff Bezos per Email die Meinung sagen.

Auch Disney im Visier

Kurz vor den Verkaufsstarts der DVDs der Filme «Captain America» und «Die dunkle Fee» aus dem Hause Disney hat Amazon die Funktion für Vorbestellungen in seinem Marktplatz deaktiviert. Wie das Fachblatt «Home Media Magazine» bemerkte, galt dies für nahezu alle Disney-Titel.

Die Situation erinnert an Konflikte zwischen Amazon und Time Warner sowie dem Verlag Hachette. In beiden Fällen baute das Versandportal auf diese Weise Druck bei den Verhandlungen um neue Vertriebs-Deals auf.

Warner-Filme waren deshalb von Mitte Mai bis Ende Juni nicht vorbestellbar. Ob sich zwischen Walt Disney und Amazon ähnliches anbahnt, liess sich zunächst nicht aufklären. Die Unternehmen halten sich bislang bedeckt.

Mehreinnahmen dank günstigeren Preisen

Amazon konterte den Vorstoss der Schriftsteller mit einem eigenen offenen Brief. Darin heisst es unter anderem, Literatur müsse günstiger werden, da sie mit vielen anderen Medien im Wettbewerb stehe. «Bücher konkurrieren mit mobilen Spielen, Fernsehen, Filmen, Facebook, Blogs, kostenlosen Nachrichten-Websites und mehr.»

Das Unternehmen verwies auch erneut auf frühere Berechnungen, wonach mit niedrigeren E-Book-Preisen wie 9,99 Dollar viel mehr Bücher verkauft würden als etwa bei 14,99 Dollar, so dass Schriftsteller und Verlage am Ende sogar mehr verdienen würden.

Amazon verteidigte zudem den viel kritisierten massiven Druck auf Hachette. Der Verlag habe in den Verhandlungen drei Monate lang gemauert und sich erst zähneknirschend mit den Amazon-Argumenten auseinandergesetzt, "als wir Massnahmen ergriffen, den Verkauf ihrer Titel in unserem Store zu reduzieren".

Amazon habe vorgeschlagen, für die Dauer des Streits gemeinsam die Einbussen der Autoren auszugleichen - Hachette habe dies aber abgelehnt. Die Leser wurden im Gegenzug aufgerufen, E-Mails an den Hachette-Chef zu schicken.

E-Book für 9,99 Dollar

Amazon hatte früh auf digitale Bücher gesetzt und mit Preisen bei 9,99 Dollar das Geschäft in den USA zunächst dominiert. US-Verlage nutzten den Start von Apples E-Book-Store auf dem iPad-Tablet, um ein Modell nach dem Muster der deutschen Buchpreisbindung durchzusetzen, bei dem sie selbst und nicht der Händler den Preis bestimmen können.

Nach Einschreiten von US-Behörden wurde dieses Verfahren jedoch gekippt, und Amazon kann wieder die Bücher bei Verlagen zum Grosshandelspreis beziehen. Hachette stemmt sich in Verhandlungen über einen neuen E-Book-Deal gegen den von Amazon geforderten niedrigeren Preis bei 9,99 Dollar.

Einen ähnlichen Streit um die Preise für E-Books gibt es auch im deutschsprachigen Raum. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beschwerte sich beim deutschen Kartellamt über den Onlinehändler. Amazon wies den Vorwurf zurück, im Zuge von Verhandlungen die Auslieferung gedruckter Bücher aus der Verlagsgruppe Bonnier (Ullstein, Piper, Carlsen) zu verzögern.

(sda/chb)