Vor fünf Jahren – 2003 – entriss die Schweiz den Neuseeländern den America’s Cup (AC) und schockte damit die gesamte Segelwelt. Vier Jahre später verteidigte Alinghi den Cup vor Valencia. Der Schweiz ist damit etwas gelungen, was in der 157-jährigen Geschichte des Cup erst drei andere Nationen geschafft haben. Und: England, das den Cup Mitte des 19. Jahrhunderts gestiftet hatte, gewann bisher nie – eine Schmach, welche die wohl grösste Seefahrernation der Weltgeschichte bis heute nicht verwinden konnte.

Kein Wunder, taucht vorab in den Medien der Begriff «Segelnation Schweiz» auf. Doch ist sie es tatsächlich? Zieht man die Mitgliederzahlen der grossen hiesigen Sportverbände heran und vergleicht sie mit derjenigen von Swiss Sailing, so tönt der Anspruch vermessen. Der Turnerverband (STV) als Nummer eins zählt 450000 Mitglieder – und selbst die Randsportart Judo und Ju-Jitsu versammelt immerhin noch 55000 Aktive unter dem SJV-Dach. Die Vereinigung aller Yachtklubs der Schweiz bringt es dagegen gerade mal aktuell auf rund 21000 Köpfe.

Es gibt nicht nur die Alinghi

Jedoch: Die Alinghi-Erfolge sind nicht die einzigen Segelgross-taten schweizerischer Provenienz.

1986 gewann Pierre Fehlmann mit seiner Crew das von allen Segelnationen heiss umkämpfte Whitbread Round the World Race (heute Volvo Ocean Race).

Mit Bernhard Stamm hat die Schweiz einen der allerbesten Einhandsegler der Welt in ihren Reihen (Gewinner unter anderem der Vendée Globe).

Auch Dominique Wavre und Stève Ravussin zählen zur Weltelite der taffen Hochseesegler.

Flavio Marazzi und Enrico De Maria, Europameister im Starboot, werden in Peking um Gold segeln.

Mit Eric Monnin mischt ein Schweizer in der Match-Race-Disziplin international vorne mit.

Spitzennation dank Bootsbau

Zugegeben: Alinghis sporthistorische Siege wurden mit einer Kerncrew von Neuseeländern ersegelt. Doch die Yachten müssen zwingend im Land selbst erstellt werden. So betrachtet zählt die Schweiz zum Ausnahmezirkel jener Nationen, denen es überhaupt je gelungen ist, siegreiche AC-Yachten herzustellen.

Anzeige

Spitzenleistungen im Bootsbau machen einen wesentlichen Teil einer Segelnation aus. Oder anders herum formuliert: Es gibt keine Segelnation ohne hervorragende Bootsbauergilde. Die Schweiz kann sogar noch eins draufsetzen. Zwei Romands (Baudet und Dubois) erfanden in den 1990er Jahren die sogenannten 3DL-Segel. Das sind nahtlose Hightech-Folien aus Kunststoff. Ohne sie läuft im modernen Regattasport gar nichts.

Begeisterung für den Sport dürfte ein weiteres wesentliches Merkmal einer Segelnation sein. Da schneidet die Schweiz wiederum ganz beachtlich ab. Rund 40000 bejubelten die Ankunft des America’s Cup 2003 in Genf (die Societé Nautique de Genève ist eigentlicher Cup-Holder und jetzt korrekt ausgedrückt «The defending yachtclub of the 33. America’s Cup).

Segeln ein Thema am Bildschirm

210000 Zuschauer verfolgten den Siegeslauf der Alinghi am 25. Juni des letzten Jahres am Fernsehen. 284000 waren es sogar, als Alinghi den Lauf zuvor verlor, was einem Marktanteil von knapp 47% entsprach. Die Medien sprachen von Top-Quoten. Um den Fakt in Relation zum Skisport zu sehen: Die Weltcup-Abfahrt am Lauberhorn in Wengen erreichte im selben Jahr mit 1 Mio Zuschauer knapp 80%.

Einen Boom im Segelsport haben die Alinghi-Siege allerdings nicht ausgelöst. Doch ganz spurlos vorbeigegangen sind sie nicht. Beim edlen Genfer Yachtclub wurde eine deutlich stärkere Belegung bei den Segelkursen verzeichnet. Auch das Hochseezentrum in Rorschach (HOZ) will wesentlich mehr Anmeldungen für die anspruchsvolle Ausbildung zum Seebären festgestellt haben. Nicht so der Cruising Club der Schweiz, der grösste Ausbildner für angehende Hochseesegler. Dessen Mitgliederzahl weise zwar eine leicht steigende Tendenz auf, die aber auf verstärkte Mitgliederwerbung zurückführen sei, lässt der Klub verlauten. Auch Swiss Sailing hat Zulauf, sagt indessen, dass dies schon vor 2003 so gewesen sei. Beim Bundesamt für Sport, Fachbereich Segeln, kann ebenfalls kein «flächendeckendes Phänomen» ausgemacht werden. Das Baspo in Magglingen betont aber, dass die Popularität gestiegen und das «subjektive Verständnis» durch die Alinghi-Übertragungen gefördert worden sei.

Ist die Schweiz nun also eine Segelnation? Sagen wir es so: Sie ist ein Volk von Turnern, das ansonsten am liebsten Ski fährt und zwangsmässig in den Schiessstand geht. Auch auf dem Wasser ist die Alpenrepublik inzwischen aber eine ernst zu nehmende Macht.